Kommentar

Proteste gegen Vergewaltigung Indiens Frauen brauchen mehr als nur Aktionismus

Stand: 29.12.2012 11:45 Uhr

Die brutale Vergewaltigung in Neu Delhi ist nur die Spitze des Eisbergs. Das Problem ist die Verachtung von Frauen in Indiens Gesellschaft, meint Sandra Petersmann. Mädchen bekommen eingeimpft, dass Männer über ihr Schicksal entscheiden. Hier muss sich grundlegend etwas ändern - jenseits von Aktionismus.

Sechs Männer haben sich in einem fahrenden Bus in Bestien verwandelt . Nach mehreren Notoperationen ist die junge Frau nun in einer Spezialklinik für Organtransplantationen in Singapur gestorben.

Die unglaubliche Brutalität des Sex-Verbrechens hat die indische Gesellschaft aufgewühlt. Das Schwellenland hat in den vergangenen Tagen eine leidenschaftliche, nationale Protestwelle erlebt, die vor allem in der Hauptstadt auch in Gewalt umgeschlagen ist. 

Tagelang machten vor allem Studenten ihrer Wut über einen Staat Luft, den sie für ideenlos, tatenlos und zutiefst korrupt halten. Der in ihren Augen zum Selbstbedienungsladen der Mächtigen verkommen ist.

Gewalt ist in Indien ein alltägliches Phänomen

Und die Regierung? Antwortete viel zu spät! Premierminister Manmohan Singh brach erst nach einer Woche im Angesicht der Straßenschlachten sein Schweigen. In einer kurzen Rede an die Nation sprach er von einer monströsen, widerlichen Tat. Gut so!

Und er versprach, dass seine Regierung alles in ihrer Macht stehende tun werde, um Indiens Frauen besser zu schützen. Das wiederum ist vermutlich ein Lippenbekenntnis.

Denn Gewalt gegen Frauen ist in Indien ein alltägliches gesellschaftliches Phänomen. In der Mega-Metropole Delhi wird alle 18 Stunden eine Vergewaltigung gemeldet. Dabei trauen sich nur die wenigsten Opfer zur Polizei - aus Angst, aus Scham und aus mangelndem Vertrauen. Drei von vier aktenkundigen Sextäter bleiben straffrei.

Rückendeckung statt Wegducken und Wegreden

Die Regierung unter Führung der Kongress-Partei hätte den einmaligen, nationalen Aufschrei nach der brutalen Gruppenvergewaltigung nutzen müssen, um eine dringend nötige, öffentliche Debatte anzustoßen. Und sie hätte sich an die Spitze dieser Debatte stellen müssen. Doch statt dessen duckt sich die politische Klasse entweder weg oder tritt in Talkshows auf, in denen es um die Zwangskastration für Sextäter geht.

Kommentar - Indiens Frauen brauchen mehr als Aktivismus
S. Petersmann, WDR
27.12.2012 12:15 Uhr

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Indiens Frauen brauchen mehr als sinnlosen, politischen Aktivismus. Ihre Rolle in der Gesellschaft der angeblich größten Demokratie der Welt muss sich radikal verändern. Sie brauchen Rückendeckung und Gleichheit. Im nationalen Parlament. In den Parlamenten der Bundesstaaten. In den Distrikt- und Dorfräten. In den Universitäten und Schulen.

Mädchen wachsen im Glauben auf, eine Last zu sein

Wenn ein Junge geboren wird, darf er nicht länger in dem Glauben aufwachsen, das bessere Geschlecht zu sein. Und Mädchen dürfen nicht länger in dem Glauben erzogen werden, eine Last zu sein, weil die Familie aus traditionellen Gründen eine teure Mitgift erwirtschaften muss.

Mädchen dürfen nicht länger eingeimpft bekommen, dass Männer über ihr Schicksal entscheiden. Mädchen dürfen nicht länger als unerwünschtes Geschlecht gezielt abgetrieben werden. Auf dem Land dürfen Frauen nach dem Tod ihres Mannes nicht ungestraft aus ihrem Haus verjagt werden.

Sexuelle Belästigung darf nicht länger als quasi gottgegebenes männliches Recht gelten. Das sind die Themen, über die Indien diskutieren muss. Dauerhaft! Und nicht nur ein paar Tage lang.

So eine gesellschaftliche Debatte braucht auch eine starke politische Führung. Doch noch sitzen in indischen Parlamenten mehr als 30 Abgeordnete, gegen die zum Teil schon seit Jahren wegen sexueller Gewalt ermittelt wird. Indien muss das als nationale Schande begreifen!

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 29. Dezember 2012 um 20:00 Uhr.

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