Indien

Regierungskritische Journalistin ermordet

Stand: 06.09.2017 14:57 Uhr

In Indien ist die Journalistin Gauri Lankesh vor ihrem Haus erschossen worden. Sie engagierte sich vor allem gegen die Regierungspartei BJP. Intellektuelle beklagen eine zunehmende Intoleranz gegenüber Andersdenkenden unter Premier Modi.

Von Jürgen Webermann, ARD-Studio Neu-Delhi

Die Angreifer kamen auf einem Motorrad und feuerten mehrfach. Nachbarn fanden Gauri Lankesh, in einer Blutlache liegend, vor ihrem Haus im südindischen Bangalore. "Die Nachbarn reagierten sofort und riefen die Polizei. Wir haben vier Patronenhülsen gefunden. Wir konzentrieren uns jetzt auf die Aufnahmen der Überwachungskameras vor ihrem Haus", sagt ein Polizeisprecher in Bangalore.

Lankesh wusste, dass sie in Gefahr war - deshalb die Überwachungskameras. Zuletzt sprach die Journalistin öffentlich im März über Beschimpfungen, Drohungen und Schmutzkampagnen: "Morddrohungen gehören jetzt zum Alltag. Das war früher anders. Es gibt auch Angriffe auf Andersdenkende oder im Namen der hinduistischen Kultur, im Namen der heiligen Kuh. Es sind Attacken auf Liberale oder Linksgerichtete", sagte sie.

Landesweite Proteste

Der Tod Lankeshs löste landesweit Proteste aus. Journalistenverbände, Menschenrechtsaktivisten und Oppositionspolitiker reagierten schockiert. Die indische Redakteursvereinigung erklärte, ihr Tod sei "ein böses Omen für Andersdenkende in einer Demokratie und ein brutaler Angriff auf die Pressefreiheit".

Lankesh wurde vor ihrem Haus erschossen.

Die 55-Jährige veröffentlichte ihre Meinungen zumeist in einem kleinen Magazin, das sich ausschließlich mit dem Geld der Abonnenten über Wasser hielt. Sie wetterte gegen das politische Establishment - und ließ dabei keine Partei aus. Vor allem aber stellte sich Lankesh gegen die derzeit in Indien regierende Partei BJP.

Die ist religiös-konservativ und tritt für die Belange der Hindu-Mehrheit im Land ein. Viele Intellektuelle beklagen, dass Indien unter dem derzeitigen Premierminister Narendra Modi deutlich intoleranter gegenüber Andersdenkenden und Minderheiten geworden sei. Ein BJP-Bundesminister beschimpfte Journalisten zum Beispiel als "Presstituierte". Aktivisten der Partei hetzen offen gegen BJP-Kritiker oder die muslimische Minderheit.

Stimme gegen Hardliner

Lankesh sah sich stets als Stimme gegen solche Hardliner, auch im Bundesstaat Karnataka, in dem auch ihre Heimatstadt Bangalore liegt: "Wir haben hier in Karnataka bald wieder Landtagswahlen. Es gibt auch hier keinen Mangel an Hindu-Hardlinern. Wir werden also wieder ein korruptes BJP-Regime sehen."

Zwei BJP-Abgeordnete, denen Lankesh konkret Korruption vorgeworfen hatte, zerrten die Journalistin wegen Verleumdung vor Gericht und gewannen in erster Instanz. Die Journalistin wurde 2016 zu sechs Monaten Haft verurteilt, blieb aber auf freiem Fuß und ging in Berufung. Die BJP feierte das Urteil dennoch als Warnung an alle Journalisten in Indien.

Ihr Tod löste Bestürzung und Protest in ganz Indien aus.

Nur wenige politische Morde werden aufgeklärt

Ob der Anschlag im Zusammenhang mit neuen Recherchen der Journalistin oder ihrer Gegnerschaft zur BJP oder extremistischen Hindu-Gruppen steht, das ist bislang unklar. Zwar fordern auch Bundesminister der BJP jetzt schnelle Ermittlungen, doch viele politische Morde werden in Indien nicht aufgeklärt.

Das Land ist zwar eine Demokratie, belegt aber auf dem Pressefreiheits-Index der Organisation "Reporter ohne Grenzen" derzeit nur Platz 136 von 180 Ländern. 2015 traf es ebenfalls in Südindien einen bekannten Schriftsteller, auch er ein Kritiker von religiösen Hardlinern. Lankesh sagte daraufhin, sie sei sich sicher, dass die Hintermänner dieser Tat auch sie bald zum Schweigen bringen wollten.

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Bekannte Journalistin und Regierungskritikerin in Indien ermordet
Jürgen Webermann, ARD Neu-Dehli
06.09.2017 14:29 Uhr