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Überproduktion in Indien
Das Getreide verrottet - und die Menschen hungern
Indien fährt seit Jahren Rekordernten ein. Trotzdem ist rund die Hälfte aller Kinder immer noch unterernährt. Zwar ist genug Nahrung vorhanden, aber sie kommt nicht bei den Betroffenen an. Stattdessen verrotten Millionen Tonnen Reis und Getreide unter freiem Himmel.
Von Sandra Petersmann, ARD-Hörfunkstudio Neu-Delhi
Es kitzelt in der Nase. Savitri wirbelt mit ihrem Besen eine Wolke aus Getreidestaub auf. Sie arbeitet als Tagelöhnerin in einer offenen Lagerhalle vor den Toren Neu Delhis. Hier stapeln sich pralle Getreidesäcke aus Jute bis unter die Decke.
Einziger Schutz für die Weizensäcke: ein Dach von oben, Holzpaletten von unten, und fleißige Frauen wie Savitri, die in den engen, dunklen Gassen zwischen den aufgetürmten Säcken mit ihren Besen Ratten und Ungeziefer verscheuchen.
Getreidespeicher fehlen
"Draußen haben viele Menschen Hunger, und hier verrottet so viel Getreide", sagt die Tagelöhnerin. Die Verantwortung dafür sieht sie bei der Regierung, weil diese nicht für genügend Getreidespeicher sorge. "Wir tun, was wir können, um die Säcke zu schützen, aber wenn sie draußen rum liegen und der Regen kommt, sind wir machtlos", stellt sie resigniert fest.
Indien - verrottendes Getreide im Angesicht des Hungers
Sandra Petersmann, ARD Neu Delhi
07.07.2012 14:41 Uhr
Draußen, auf freiem Feld, lagern noch mehr Getreidesäcke. Abertausende sind so weit das Auge reicht fein säuberlich gestapelt. Vollkommen schutzlos sind sie der sengenden Sonne und dem herbeigesehnten Monsunregen ausgesetzt. Ein Teil liegt schon seit vier Jahren hier, bestätigt ein Getreidegroßhändler.
Warum exportiert Indien die Überschüsse nicht?
"Der Weizen verrottet und die Menschen hungern", beschreibt er die paradoxe Situation. Dabei sei Indien kein armes Land und absolut in der Lage seine Bevölkerung selber zu versorgen. Die Schuld dafür sieht der Händler bei den korrupten Politikern. Warum Indien die Überschüsse nicht ins Ausland exportiert, kann er nicht verstehen.
Doch ein Verkauf ins Ausland zu Weltmarktpreisen wäre ein Verlustgeschäft. Der indische Staat subventioniert seine Landwirtschaft. Er setzt vergleichbar hohe Preise für Getreide und Reis fest und kauft einen Großteil der Ernten selber auf.
Der staatliche Getreideberg beläuft sich nach mehreren Rekordjahren auf über 82 Millionen Tonnen. Nur China hat noch mehr auf Halde liegen. Doch was nützt die größte Reserve, wenn sie für Millionen hungernder Inder unerreichbar ist und nicht sicher gelagert werden kann? Speicherplatz, zum Teil mehr schlecht als recht, gibt es in Indien nur für rund 60 Millionen Tonnen.
"Kriminelle Vernachlässigung der Armen"
Für den Nahrungsexperten Devinder Sharma ist das verrottende Getreide eine kriminelle Vernachlässigung der Armen. Dabei pumpt der indische Staat jedes Jahr mehr als 13 Milliarden Dollar in zentralisierte Hilfsprogramme, um Bedürftige mit billigen Grundnahrungsmitteln wie Weizen und Reis zu versorgen. Doch mehr als die Hälfte davon versickert nach Angaben der Weltbank im aufgeblähten und korrupten Verteilsystem.
Produktion für die Massen statt Massenproduktion
Nahrungsexperte Sharma plädiert für einen radikalen Systemwechsel – weg von der staatlich geförderten Überproduktion, hin zu mehr lokaler Selbstverantwortung."Uns muss es darum gehen, jedes einzelne Korn zu bewahren", sagt Sharma. Schon Mahatma Gandhi habe gesagt, dass ein Land wie Indien keine landwirtschaftliche Massenproduktion brauche, sondern eine Landwirtschaft, von der die ländlichen Massen leben könnten, gibt der Experte weiter zu bedenken und fordert: "Wir brauchen einen lokalen Ansatz für die Produktion, für die Lagerung und für die Nahrungssicherheit."
Stand: 07.07.2012 14:41 Uhr
