Digitales Indien: Anads Firma Brijaraj Fashion | Bildquelle: ARD / Webermann

Hoffnung auf Start-ups Der digitale Boom in Indien

Stand: 16.02.2016 11:37 Uhr

Wie in Europa ist auch in Indien der Online-Markt explodiert. Seit 2009 erlebt das Land einen digitalen Boom. Davon profitieren Sari-Händler, Start-ups und letztlich auch die Bevölkerung. Denn die braucht Millionen neue Jobs.

Von Jürgen Webermann, ARD-Studio Neu-Delhi

Anands Sari-Imperium ist nicht ganz einfach zu finden. Es liegt in Alt-Delhi, dem historischen Teil der indischen Hauptstadt. Die Gebäude ragen hier über enge Gehwege, und irgendwann sind Gassen, Hinterhöfe oder Treppenaufgänge kaum noch zu unterscheiden.

Alt-Delhi ist ein großer Basar. Im Angebot sind Klamotten, bunte Poster, Plastikspielzeug, Gewürze oder einfach nur eine Rasur unter freiem Himmel. Menschen schieben sich durch die Enge. Ein Muezzin ruft zum Abendgebet.

Digitales Indien:  Anands Firma Brijraj Fashion. | Bildquelle: ARD / Webermann
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Für Anand sind es goldene Zeiten, denn er verkauft nicht mehr nur vor Ort in Alt-Delhi, sondern seit 2009 online. Das hat ihm Wachstumsraten von bis zu 400 Prozent pro Jahr eingebracht. Statt wie damals 25 beschäftigt
Anand jetzt 80 Mitarbeiter.

Anand brauchte sechs Jahre für die Digitalisierung

Hier, in dieser skurrilen Welt, lagert Anand 300.000 Saris, traditionelle Damengewänder. Mitarbeiter verpacken sie hastig in Plastiktaschen. Laufburschen holen die Ware ab. "Wir arbeiten schon in der dritten Generation. Wir sind seit den 1950er-Jahren hier", erzählt Anand. Jahrzehntelang verkaufte die Familie die Waren rund um Neu-Delhi. 2003 schlug Anand vor, die Saris auch online anzubieten. "Aber es war schwer, die Älteren davon zu überzeugen. Das hat sechs Jahre gedauert."

Um 2009 begann in Indien der digitale Boom. Seitdem verkauft Anand nicht mehr nur rund um Neu-Delhi, sondern in ganz Indien. Der Umsatz legte anfangs um bis zu 400 Prozent zu. Jetzt wächst er immer noch um 30 bis 40 Prozent. Die Zahl der Mitarbeiter ist von 25 auf 80 gestiegen.

Digitales Indien: Old Delhi | Bildquelle: ARD / Webermann
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In den engen Gassen von Neu-Delhi liegt ...

Digitales Indien: Anads Firma Brijaraj Fashion | Bildquelle: ARD / Webermann
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... das riesige Sarilager von Anand

Bezahlen mit dem Handy

Anand verkauft über große Händler-Plattformen. Amazon gehört dazu, aber vor allem indische Online-Handels-Start-ups, über die Kunden einfach alles bekommen: Autos, Laptops, Saris, sogar Kuhfladen für religiöse Zeremonien.

Digitales Indien: Sudhanshu Gupta / PAY TM | Bildquelle: ARD / Webermann
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Sudhanshu Gupta hat den "Marktplatz" von pay tm aufgebaut.

Eines dieser Start-ups residiert in einem Glasbau in der Stadt Noida. Web-Designer brüten über Entwürfen, im Großraumbüro läuft Musik. Einer der Chefs hat sie angemacht. Junge Mitarbeiter, alle zwischen 25 und 35 Jahre alt, hocken vor ihren Laptops.

Pay tm, so der Name der Firma, heißt "Pay Through Mobile" - also Bezahlen mit dem Handy. Ursprünglich bot sie nur ein digitales Bezahlsystem an. Jetzt ist pay tm ein Marktplatz, der übers Smartphone angesteuert werden kann. Mehr als 300 Millionen Inder haben inzwischen eines. Entsprechend wirft Sudhanshu Gupta mit schwindelerregenden Zahlen um sich: "Unser Ziel ist es, bis zum Jahr 2020 500 Millionen Kunden an uns zu binden. Wir machen nichts anderes, als Händler und Käufer im Internet zusammen zu bringen. 2013 war von Smartphone-Anwendungen noch gar keine Rede. Aber damals habe ich mich gefragt, ob das die Zukunft ist, der große Trend. Deshalb bin ich zu pay tm gegangen."

Digitales Indien: PAY TM | Bildquelle: ARD / Webermann
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Das derzeit wohl heißeste Internet-Startup in Indien heißt paytm.

Digitales Indien: Blick ins Großraumbüro von pay tm. | Bildquelle: ARD / Webermann
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Dort sitzen auch die Chefs an kleinen Schreibtischen. Die Hierarchien sind bewusst flach gehalten.

Unterstützung aus China

2013 arbeitete Gupta noch bei der Konkurrenz. Die ist groß auf dem stetig wachsenden indischen Markt. Einige Unternehmen locken Kunden mit Rabatten von bis zu 90 Prozent. Sie halten durch, weil sie starke Investoren haben.

Bei pay tm ist es unter anderem der chinesische Internetkonzern Alibaba, der mehr als 600 Millionen Euro in die Firma investiert hat. Damit kann das junge Unternehmen die große Rabattschlacht auf dem indischen Markt länger aushalten als andere, kleinere Firmen.

Die eigentlichen Herausforderungen aber lauern für alle Internet-Firmen in der ganz realen Welt: Handynetze brechen auch in Neu-Delhi oft ab. Das Internet ist teuer und oft langsam. Stromausfälle sind selbst in der Hauptstadt keine Seltenheit. Die Lieferkette aufzubauen, ist nicht einfach, große Städte wie Neu-Delhi oder Mumbai stehen vor einem Verkehrskollaps. Und dazu kommt: Nicht alle Händler sind vertrauenswürdig. "Wir überprüfen die Händler genau, rufen an, schicken Agenten in die Läden", sagt Gupta. "Viele Händler wissen, wie man im Laden verkauft, aber mit dem Internet haben sie keine Erfahrungen. Also bieten wir Trainingsprogramme an."

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Reportage: Digitales Indien

Digitales Indien: Old Delhi

Das Gassengewirr von Alt-Delhi. | Bildquelle: ARD / Webermann

Start-ups als Hoffnung für Indien

Die indische Regierung will Start-ups neuerdings steuerlich und unbürokratisch helfen. Premierminister Narendra Modi hat erkannt, dass die digitale Wirtschaft wertvolle Arbeitsplätze schafft. Indien braucht pro Jahr 15 Millionen neue Jobs, sonst könnte der soziale Frieden auf dem Spiel stehen.

Fast die Hälfte der 1,3 Milliarden Menschen ist jünger als 25 Jahre. Die herkömmliche Industrie, auf die Modi bisher gesetzt hatte, kann diesen riesigen Bedarf an Jobs nicht decken. Wichtige Reformen stecken fest. Die Regierung kommt mit ihrem Vorhaben, Indien nach chinesischem Vorbild in eine Werkbank für den globalen Markt zu verwandeln, nicht voran. Deshalb sind Start-ups jetzt umso wichtiger.

Für Händler wie Anand in Alt-Delhi bedeutet die digitale Revolution erst einmal goldene Zeiten. Und Analysten glauben, dass der Boom ungebremst weiter gehen wird. Allein Onlinehändler könnten 2020 in Indien einen Umsatz von 120 Milliarden Euro machen. Und Saris, wie sie Anand verkauft, sind eigentlich immer gefragt.

Indiens Start-up Boom
J. Webermann, ARD Neu-Delhi
16.02.2016 10:39 Uhr

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