Inderin stirbt nach Gruppenvergewaltigung | Bildquelle: dpa

Nach dem Tod der vergewaltigten Studentin Schwarzer Samstag in Indien

Stand: 29.12.2012 12:21 Uhr

Wenige Stunden nach dem Tod der vergewaltigten Studentin sind die sechs Verdächtige wegen Mordes angeklagt worden. Unterdessen fordern tausende Demonstranten von der Regierung, dass Sexualverbrecher konsequent bestraft werden. Denn bisher bleiben in Indien drei von vier Vergewaltigern straffrei.

Von Sandra Petersmann, ARD-Hörfunkstudio Neu Delhi

Sie rufen, was sie schon seit Tagen rufen: "Wir wollen Gerechtigkeit!" Immer mehr Menschen versammeln sich am Jantar Mantar, dem Park vor dem berühmten Observatorium der indischen Hauptstadt. Die Demonstranten wären gerne ins Regierungsviertel gezogen, doch die Polizei hatte das Gebiet schon in den frühen Morgenstunden weiträumig abgeriegelt und alle U-Bahn-Stationen in der Nähe gesperrt, um neue Ausschreitungen zu verhindern.

Eine Universitätsprofessorin hat sich trotzdem nicht davon abhalten lassen, mit ihrer kleinen Tochter auf die Straße zu gehen. "Ich wünsche mir, dass die Regierung und die Bevölkerung in dieser schweren Stunde zusammenstehen", sagt sie. "Ich habe im Moment das Gefühl, dass wir gegeneinander arbeiten. Indien ist ein demokratisches Land, die Regierung ist Teil des Volkes. Und die Bevölkerung verlangt, dass die Mörder noch vor der Feuerbestattung ihres Opfers gehängt werden."

Drei von vier Vergewaltigern bleiben straffrei

Aber würde die Todesstrafe wirklich etwas verändern? In einem Land, in dem Gewalt für die meisten Frauen zum Alltag gehört? "Die Vergewaltigungen werden nicht aufhören", denkt auch die Professorin. "Aber potentielle Vergewaltiger würden sicherlich zweimal nachdenken, bevor sie einer Frau Gewalt antun. Indien leidet unter Gewaltverbrechen. Und es leidet darunter, dass zu wenig und zu spät bestraft wird."

Tatsächlich bleiben drei von vier Vergewaltigern straffrei - weil die Polizei den Fall nicht annimmt oder verschleppt. Weil die Akte in einem Gerichtsschrank verstaubt. Weil die Opfer aus Angst und Scham schweigen.

"Feudal-herrschaftliche Geisteshaltung degradiert Frauen"

"Genug ist genug" - Proteste am 29.12.12 | Bildquelle: AFP
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"Genug ist genug" - die Demonstranten fordern konsequente Bestrafung von Sexualverbrechern

"Wir glauben nicht, dass der Tod durch den Strang die Lösung ist", sagt eine junge Studentin, die mit ihren Freundinnen zum Jantar Mantar gekommen ist, um ihre Gefühle auszudrücken. "Die richtige Antwort ist die schnelle Bestrafung der Täter nach einem fairen, rechtstaatlichen Verfahren. Wir möchten, dass die Täter zu lebenslanger Einzelhaft verurteilt werden."

Die junge Frau spricht vielen Demonstranten aus der Seele – auch vielen Männern, die gekommen sind, um "Braveheart" zu ehren, wie die indischen Medien die Verstorbene nennen. "Die Regierung und die Polizeiführung müssen dafür sorgen, dass sich Frauen in der Öffentlichkeit sicher bewegen können", fordert die Studentin. "Und wir müssen etwas an der feudal-herrrschaftlichen Geisteshaltung ändern, die uns Frauen zum Objekt, zum Sexobjekt und zur Ware degradiert. Das muss aufhören."

Indiens mächtigste Frau, die Chefin der regierenden Kongress-Partei Sonia Gandhi, hat sich inzwischen mit einer emotionalen Ansprache an die Demonstranten gewandt. "Ich versichere Euch: Eure Stimmen werden gehört. Als Frau und Mutter weiß ich, wie ihr Euch fühlt. Ich appelliere an Euch, ruhig zu bleiben, damit wir gemeinsam die Gewalt gegen Frauen bekämpfen können."

Der Protest heute, an Indiens schwarzem Samstag, ist friedlich. Das Land muss eine ehrliche und schwierige gesellschaftliche Debatte führen, wenn der Tod der 23-jährigen Studentin nicht umsonst gewesen sein soll.    

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