Indien nach der Gruppenvergewaltigung Die Politik bemüht sich um Schadensbegrenzung

Stand: 28.12.2012 14:59 Uhr

In einer Spezialklinik in Singapur kämpft die junge Inderin, die vor einigen Tagen brutal vergewaltigt worden war, um ihr Leben. Ihr Zustand ist nach Angaben der behandelnden Ärzte "sehr kritisch". Derweil wächst der Druck auf Indiens Premier Singh, endlich zu handeln. Der bemüht sich um Schadensbegrenzung.

Sandra Petersmann, ARD-Hörfunkstudio Neu Dehli

Proteste gegen Vergewaltigung in Indien. | Bildquelle: dapd
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Protest gegen sexuelle Gewalt: Junge Frauen fordern die Todesstrafe für Vergewaltiger.

Die Nachrichten aus Singapur sind verstörend, auch für Sonia Gandhi, Chefin der regierenden Kongress-Partei: "Unsere Gedanken sind bei der jungen Frau, die nach einer barbarischen Attacke um ihr Leben kämpft. Unser einziger Wunsch ist, dass sie sich erholt und zu uns zurückkommt. Und dass keine Zeit verloren wird, die Täter solcher barbarischen Verbrechen zur Rechenschaft zu ziehen."

Die 23-jährige Studentin, die um ihr Leben kämpft, wollte selber Rettungssanitäterin werden. Sie war in der Nacht von Mittwoch auf Donnerstag in ein Spezialkrankenhaus für Mehrfach-Transplantationen in Singapur ausgeflogen worden. Der medizinische Direktor der Klinik nennt den Zustand seiner indischen Patientin "sehr kritisch". Nach seinen Angaben hat sie während ihrer Erst-Behandlung in Neu Delhi einen Herzstillstand erlitten. Sie habe außerdem Infektionen in der Lunge und im Bauchraum und erhebliche Hirnverletzungen. Noch in Neu Delhi waren ihr große Teile des Darms entfernt worden.

Das brutale Verbrechen im fahrenden Bus vom 16. Dezember hat eine landesweite, mitunter gewaltsame Protestwelle ausgelöst. Die überwiegend jungen Demonstranten werfen dem Staat vor, beim Schutz von Indiens Frauen zu versagen. Und auch ansonsten ein arroganter, untätiger und korrupter Selbstbedienungsladen zu sein. Den sechs inhaftierten Tätern aus dem Bus wird ab Anfang Januar in einem Schnellverfahren der Prozess gemacht - während viele tausend andere Vergewaltigungsfälle von der Polizei verschleppt werden oder als Gerichtsakten verstauben.

"Die Schuldigen schnell zur Rechenschaft ziehen"

Die Regierung hat auf Grund der anhaltenden Proteste zwei Untersuchungs-Kommissionen eingerichtet, wie Premierminister Manmohan Singh erläutert: Die eine soll Vorschläge machen, wie Gewaltverbrechen gegen Frauen schneller verurteilt werden können. Die andere soll untersuchen, welche Behörden-Fehler die Gruppenvergewaltigung begünstigt haben. "Unsere Regierung will alle Schuldigen so schnell wie möglich zur Rechenschaft ziehen", versichert der indische Premierminister.

Doch es geht nicht nur um diesen Fall. Im nordindischen Bundesstaat Punjab nahm sich am 26. Dezember ein 17-jähriges Mädchen das Leben, wie erst jetzt bekannt geworden ist. Die lokale Polizei dort hatte sich wochenlang geweigert, ihre Vergewaltigungsanzeige aufzunehmen. Das Mädchen war schon Mitte November von drei Männern vergewaltigt geworden. Doch anstatt die bekannten Täter zu verhaften, schlugen die diensthabenden Polizisten wiederholt vor, sich gütlich zu einigen - zum Beispiel durch eine Heirat. Erst nachdem die 17-Jährige eine tödliche Dosis Gift schluckte und die Familie ihren Abschiedsbrief veröffentlichte, wurde die Polizei tätig.

Indiens Männer-Gesellschaft ist das Problem

Nicht fehlende Gesetze sind das Problem, sagt Sozialwissenschaftlerin Ranjana Kumari, sondern die fehlende Debatte über das versteinerte Denken in Indiens traditioneller Männer-Gesellschaft: "Solange wir nicht ehrlich über unsere Geisteshaltung diskutieren, werden Männer weiter glauben, dass sie das Recht haben, die weibliche Sexualität zu kontrollieren. Wenn wir nicht aufhören, die Opfer zu Tätern zu machen, werden wir noch viele Vergewaltigungen erleben."

Jungen sind nach wie vor das bevorzugte Geschlecht. Drei von vier Tätern bleiben straffrei - wenn es das Opfer mit seiner Klage überhaupt bis vor die Richter schafft. In Indien prallen Tradition und Moderne ungebremst aufeinander. Die Frauen bekommen das am stärksten zu spüren.

Dieser Beitrag lief am 28. Dezember 2012 um 16:11 Uhr bei NDR Info.

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