Indiens Premier ruft Bevölkerung zur Ruhe auf "Als Vater von drei Töchtern teile ich Ihre Wut"

Stand: 24.12.2012 11:51 Uhr

Angesichts anhaltender Proteste nach der Massenvergewaltigung einer 23-jährigen Frau in Indien hat Premier Singh die Bevölkerung zur Ruhe aufgerufen. Er verurteile das Verbrechen, so Singh in einer Fernsehansprache. Er wende sich aber auch gegen sinnlose Gewalt.

Von Sandra Petersmann, ARD-Hörfunkstudio Neu-Delhi

Seit einer Woche ist der Ruf nach Gerechtigkeit in den Straßen Neu-Delhis nicht mehr zu überhören. Und die Wut der Demonstranten auf den in ihren Augen tatenlosen Staat ist mit jedem Tag gewachsen. Doch erst jetzt hat Manmohan Singh sein Schweigen gebrochen.

Seine Fernsehansprache an die Nation war etwas mehr als zwei Minuten lang. "Als Vater von drei Töchtern teile ich Ihre Wut", sagte Manmohan Singh. Und bezeichnete die Gruppenvergewaltigung in seiner Rede als abscheuliches, widerliches und monströses Verbrechen.

Demonstranten in Neu-Delhi | Bildquelle: AFP
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In Neu-Delhi gingen die Proteste am Morgen weiter. Die Demonstranten fordern Sicherheit im Alltag.

Straßensperre in Neu-Delhi | Bildquelle: AFP
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Straßensperren sollen Regierungsgebäude und Nationaldenkmäler von Demonstranten abschirmen.

Er sei, so Singh weiter, aber auch "traurig und entsetzt über die Entwicklung, und über die Zusammenstöße zwischen der Polizei und Demonstranten. Die Wut über das Verbrechen ist gerechtfertigt, aber sinnlose Gewalt bringt uns nicht weiter. Ich appelliere an alle Bürger, Ruhe zu bewahren und friedlich zu bleiben", so der Premier.

Der 80-Jährige versicherte, dass seine Regierung alles in ihrer Macht stehende tue, um Indiens Frauen zu schützen. Singh bat die Bevölkerung um Mithilfe: Sicherheit für Frauen und Kinder sei eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe.

Regierungsviertel abgesperrt

Am Wochenende hatten sich Demonstranten und Sicherheitskräfte rund um das abgesperrte Regierungsviertel in Neu Delhi Straßenschlachten geliefert. Aus den Reihen der Demonstranten flogen Steine und es gab immer wieder Versuche, die Absperrgitter zu durchbrechen. Die Polizei antwortete setze Wasserwerfer und Tränengas ein. Es gab auf beiden Seiten viele Verletzte.

Ein junger Vater macht alleine die Sicherheitskräfte für die Eskalation verantwortlich - jene Polizei, die in den Augen der meisten Demonstranten nicht in der Lage ist oder sich weigert, Indiens Frauen zu schützen: "Die Polizisten schlagen auf uns und sogar auf Frauen ein, als wären wir Militante. Sie schlagen sogar Kindern. Fünf Polizisten haben vor meinen Augen ein Mädchen verprügelt. Sind wir Militante?"

Proteste in Indien gegen sexualisierte Gewalt gegen Frauen
tagesthemen 23:15 Uhr, 23.12.2012, Gábor Halász, ARD Neu-Delhi

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Sexuelle Übergriffe an der Tagesordnung

Hintergrund der anhaltenden Protestwelle in Delhi ist die brutale Vergewaltigung einer 23-jährigen Studentin am Sonntag vor einer Woche. Sie war mit ihrem Freund in einem Bus auf dem Heimweg nach einem Kinobesuch. Im Bus wurde das Paar dann von sechs Männern angegriffen und brutal zusammengeschlagen. Anschließend fielen die Männer wie Bestien über die junge Frau her und vergewaltigten sie. Das Opfer liegt schwer verletzt auf der Intensivstation.

Nach aktuellen Polizeistatistiken wird in Neu-Delhi alle 18 Stunden eine Vergewaltigung gemeldet. Doch die Dunkelziffer ist hoch. Recherchen von Sozialwissenschaftlern haben ergeben, dass drei von vier Tätern straffrei bleiben. Auch deswegen schweigen viele Opfer aus Angst und Scham.

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