Landwirte protestieren in Indien für höhere Lebensmittelpreise | Bildquelle: AP

Preisverfall bei Lebensmitteln Indische Bauern in Aufruhr

Stand: 08.06.2017 17:35 Uhr

Viele Bauern in Indien haben sich zuletzt das Leben genommen, weil sie ihre Schulden nicht zurückzahlen konnten. Die Landwirte fordern höhere Preise für ihre Erzeugnisse. Die Proteste werden immer gewalttätiger.

Von Bernd Musch-Borowska, ARD-Studio Neu-Delhi

Die Bauern in den beiden zentral-indischen Bundesstaaten Maharashtra und Madhya Pradesh sind seit Tagen in Aufruhr. Aus Protest gegen die niedrigen Preise, die sie für ihre Produkte erzielen können, haben sie Kartoffeln, Zwiebeln und Milch auf die Straßen gekippt. Fahrzeuge wurden angezündet und bei Zusammenstößen mit der Polizei sind sechs Landwirte erschossen worden.

Die Bauern verlangen einen Erlass ihrer Kreditschulden, weil sie angesichts der extrem gefallenen Preise ihre Verpflichtungen nicht mehr erfüllen können. Während im weiter nördlich gelegenen Bundesstaat Uttar Pradesh die Regierung diesen Forderungen schnell nachgekommen war, hatten die beiden Bundesstaaten in Zentralindien offenbar zu spät reagiert. Die Lage geriet dann schnell außer Kontrolle.

Mehrere Hundertschaften zusätzlicher Sicherheitskräfte seien in die Region entsandt worden, berichtete das indische Fernsehen. Sogar vorübergehende Ausgangssperren wurden verhängt, um die Situation zu beruhigen.

Bauern leiden unter Preissturz bei Lebensmitteln

Der Innenminister von Madhya Pradesh, Bupendra Singh, sagte, er bedauere, dass die Situation so stark eskaliert sei: "Die Regierung tut sehr viel für die Bauern." Man habe Bewässerungsprojekte verstärkt und den Bauern Saatgut und Düngemittel zur Verfügung gestellt. "In der Vergangenheit haben die Bauern sehr gut mit uns kooperiert, und die Regierung von Madhya Pradesh wurde sogar für ihre Agrarpolitik ausgezeichnet", erklärte Singh.

Ein indischer Bauer transportiert seine Ernte durch ein überflutetes Dorf | Bildquelle: AFP
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Die Bauern hatten nach einem Monsun eine gute Ernte. Durch die Überproduktion sanken aber die Preise.

Das Problem der Bauern in der Region hat offenbar mehrere Ursachen. Zum einen hat es nach dem letzten Monsun eine besonders gute Ernte gegeben. Die Überproduktion führte zu einem Preissturz. Leidtragende waren die Bauern, während die übrige Bevölkerung von niedrigen Lebensmittelpreisen profitierte. Zugleich gibt es einen notorischen Mangel an geeigneten Lagerhäusern für Agrarprodukte, wie Zwiebeln und Kartoffel. Die Folge ist der fast vollständige Verlust der zuviel produzierten Ware.

1600 Bauern begingen zuletzt Selbstmord

Die Verzweiflung der Bauern zeigt sich an der extrem hohen Zahl von Selbstmorden. Medienberichten zufolge haben sich allein im vergangenen Jahr 1600 Landwirte in Madhya Pradesh das Leben genommen. In den Jahren zwischen 2011 und 2015 seien es über 6000 gewesen. Die Bauern in Indien haben keine starke Lobby. Zwar ist schätzungsweise die Hälfte der Bevölkerung in der Landwirtschaft tätig. Die Branche trägt aber nur 15 Prozent zum indischen Bruttosozialprodukt bei.

Und die Proteste haben längst eine politische Dimension bekommen: In den betroffenen Bundesstaaten regiert die national-hinduistische Partei BJP von Premierminister Narendra Modi. Für die Opposition ist die Eskalation der Gewalt ein gefundenes Fressen. Der stellvertretende Vorsitzende der oppositionellen Kongress-Partei, Rahul Ghandi war von der Polizei in Madhya Pradesh davon abgehalten worden, zu den protestierenden Bauern zu sprechen. Vorübergehend war der Politiker sogar festgenommen worden.

Regierung will nun einlenken

Die Opposition versuche, die Unruhen anzuheizen, behauptete Innenminister Singh: "Es gibt einiges zu tun im Bereich der Agrarpolitik", sagte Singh. "Unser Regierungschef hat sich schon mit den Bauern getroffen, aber leider haben sich die Proteste gewaltsam entwickelt und es gibt einige Politiker, die daraus Kapital schlagen wollen." Die Regierung von Madhya Pradesh ist nach eigenen Angaben inzwischen bereit, alle Forderungen der Bauern zu erfüllen. Ob das die Proteste beenden kann, ist noch unklar.

Gewaltsame Proteste der Bauern in Zentralindien
B. Musch-Borowska, ARD
08.06.2017 16:34 Uhr

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Über dieses Thema berichtete MDR aktuell am 08. Juni 2017 um 23:27 Uhr.

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