Seitenueberschrift
Indiens Öffentlichkeit macht Druck auf Gericht
Vergewaltiger wegen Mordes angeklagt
Nach der brutalen Gruppenvergewaltigung einer Studentin in Neu-Delhi ist Anklage gegen die mutmaßlichen Täter erhoben worden. Sie müssen sich wegen Mordes verantworten. Den Männern droht die Todesstrafe. Indiens Öffentlichkeit debattiert den Fall empört - und hat bereits ihr Urteil gefällt.
Von Sandra Petersmann, ARD-Hörfunkstudio Neu-Delhi
Auf der Straße bleibt der Ruf nach Gerechtigkeit unüberhörbar. Unter einem noch nie dagewesenen öffentlichen Druck hat in Neu-Delhi die juristische Aufarbeitung der tödlichen Gruppenvergewaltigung begonnen. Aus Sicherheitsgründen erschienen die Angeklagten nicht persönlich vor Gericht.
Anklageschrift im Gruppenvergewaltigungsprozess eingereicht
S. Petersmann, ARD Neu-Delhi
03.01.2013 17:24 Uhr
Sechs Männer müssen sich für das Verbrechen vom 16. Dezember verantworten - mindestens fünf von ihnen vor einem extra eingerichteten Schnellgericht. Bei dem sechsten Tatverdächtigen handelt es sich vermutlich um einen Minderjährigen. Ein Knochenmark-Test soll sein Alter bestimmen, um zu entscheiden, ob sein Prozess vor einem Jugendgericht stattfindet. Alle Angeklagten müssen sich wegen Vergewaltigung und Mordes in einem besonders schweren Fall verantworten. Den Erwachsenen droht die Todesstrafe.
"Das ist blanker Mord"
Die Straße hat ihr Urteil längst gefällt. "Das hier ist nicht nur ein Vergewaltigungsfall. Das ist ein Mordfall", sagt einer der Demonstranten in Neu-Delhi. "Die haben ihre Tat geplant. Die wussten, was sie taten. Ein Mensch mit einem Funken Ehre tut so was nicht. Vergewaltigungen wegen Sex wird es immer geben. Aber dieser Fall geht weit darüber hinaus. Das hier ist blanker Mord."
Die Anklageschrift stützt sich auch auf die Zeugenaussagen der verstorbenen 23-jährigen Studentin und ihres Freundes. Er hat die Qual und Folter im fahrenden Bus überlebt und kann die Täter identifizieren.
Täter gingen brutal vor
Nach indischen Medienberichten hat die Polizei den Tathergang so rekonstruiert: Das junge Paar war am Abend des 16. Dezember nach einem Kinobesuch gutgläubig in einen Bus eingestiegen. Neben dem Fahrer waren noch fünf weitere Männer an Bord, einer gab sich als Schaffner aus.
Kaum waren die Türen geschlossen, begannen die Männer, das Paar im fahrenden Bus zu belästigen. Als das männliche Opfer sich schützend vor seine Freundin stellte, schlugen ihn die Männer zusammen. Dann fielen sie über die Frau her, vergewaltigten sie abwechselnd und folterten sie mit einer Eisenstange, die sie ihr in den Unterleib stießen. Danach warfen die Täter ihre beiden Opfer aus dem fahrenden Bus und versuchten, das Paar zu überrollen. Das Vergewaltigungsopfer starb 13 Tage später in einer Spezialklinik in Singapur. Zuvor war die Medizin-Studentin in einem Krankenhaus in Neu-Delhi behandelt worden und hatte auch mit der Polizei gesprochen.
Vergewaltiger werden in Indien meist nicht bestraft
Abscheu und Wut über das Verbrechen sitzen tief. Die Menschen diskutieren über mangelnde politische Führung und das Versagen des Staates. Mehr als 100.000 Vergewaltigungsfälle stapeln sich unerledigt in indischen Gerichten. Drei von vier angezeigten Vergewaltigern bleiben straffrei. Immer wieder weigern sich Polizisten, Vergewaltigungsfälle aufzunehmen.
Doch seit dem 16. Dezember sind die Medien wachsam und kritisch wie nie. Auf der Straße sorgt das dafür, dass viele Demonstranten auch offen nach Fehlern in ihrer Gesellschaft suchen. Und sich fragen, warum sexuelle Gewalt in Indien so verbreitet ist.
Indiens Gesellschaft debattiert über sexuelle Gewalt
Garima ist 38, Mutter einer Tochter und Lehrerin. Sie sagt: "Mädchen werden noch immer gezielt abgetrieben. Wenn ein Junge geboren wird, gibt es eine ganz andere Feier als bei einem Mädchen. Die Diskriminierung und die Geringschätzung der Frau sind in Indien tief verwurzelt. Hier müssen wir ansetzen. Bildung verändert die Menschen, aber noch ist die Gesellschaft so, wie sie ist."
Die schwierige gesellschaftliche Diskussion begleitet das juristische Verfahren. Der Prozess soll ein Schnellverfahren sein. Das Ende der laufenden Debatte darf er nicht sein.
Mutmaßlichen Vergewaltigern droht die Todesstrafe
tagesthemen 22:30 Uhr, 03.01.2013, Gábor Hálasz, ARD Neu-Delhi
Stand: 03.01.2013 16:15 Uhr
