Nothilfe für Frauen in Indien Den Ehemann anzeigen - in der Bank

Stand: 16.11.2014 01:24 Uhr

ICLIK ist ein Automat im Vorraum einer Bank. Doch statt Geld auszuspucken nimmt ICLIK Anzeigen von Frauen auf, die Opfer von Gewalt wurden. Das klingt zunächst fast zynisch. Doch in Indien traut sich kaum eine Frau zur Polizei - zur Bank aber schon.

Von Jürgen Webermann, ARD-Hörfunkstudio Neu Delhi

Ein Jahr nach der Hochzeit in Bhubaneswar in Ostindien begann für Sunita die Hölle. "Mein Ehemann ist ein Subunternehmer in der Baubranche. Er sagte, er würde Verluste machen. Er fing an, mich zu beschimpfen. Er wollte, dass ich ihm Geld gebe - immer wieder."

Als sie über ihr Leiden berichtet, bleibt Sunitas Gesichtsausdruck völlig regungslos. Sie muss sich zusammenreißen. "Es wurde immer schlimmer. Er wollte immer mehr. Ich bat meine Eltern und meinen Bruder um Geld. Irgendwann beschlossen sie, nichts mehr zu geben. Er zahlte ja nie zurück. Von da an war ich zu Hause eingeschlossen. Ich durfte nirgendwo mehr hin, ohne dass mich jemand aus seiner Familie begleitete. Sie schlugen mich mit einem Stock, sie warfen Gläser nach mir und schlugen mir ins Gesicht. Nicht nur mein Ehemann, sondern seine ganze Familie."

Kein Gang zur Polizei - aus Angst vor dem Ruf der Familie

Was sollte Sunita tun? Zur Polizei gehen? "Das ging nicht", sagt sie. Ihre Eltern hätten das nicht gewollt. "Sie sagten, das würde uns einen schlechten Ruf einbringen."

Schläge, Vergewaltigungen - und keiner hilft. Das ist oft trauriger Alltag in Indien. Die meisten Fälle geschehen in der Familie. Sunita war keine Ausnahme. Doch dann hörte sie von ICLIK. Das ist ein Automat, mitten in der Stadt, im Vorraum einer Bank, direkt neben dem Geldautomaten.

Hinweis auf den ICLIK-Automaten in einer Bank
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Der Automat im Vorraum der Bank in Bhubaneswar ist rund um die Uhr zugänglich.

Display des ICLIK-Automaten in einer Bank
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Auf dem Display wir der Tatbestand angeklickt, die Anzeige wird dann an die Polizei übermittelt.

Im Schnitt fünf Anzeigen pro Tag

ICLIK sieht auch aus wie ein Geldautomat. Die Abkürzung steht für "Instant Complaint Logging Internet Kiosk". Frauen können hier also übers Internet Anzeigen bei der Polizei aufgeben. "Nach dem schlimmen Vergewaltigungsfall in Neu-Delhi wollte ich, dass die Polizei vor allem für Frauen etwas tut", sagt Joydeep Naiak. Er ist leitender Polizeibeamter im Bundesstaat Odisha. "Es ist verrückt, aber bei uns muss eine Frau, wenn sie zur Polizei geht, normalerweise von einem Mann begleitet werden. Gerade Frauen schrecken davor zurück, zur Polizei zu gehen."

Joydeep hatte die Idee für den Anzeigen-Automaten. Frauen können ihre Fälle per E-Mail melden oder aufsprechen und dann abschicken. Vorher müssen sie einen Tatbestand auswählen, sie können Vergewaltigung, Missbrauch durch den Ehemann, Entführung oder sexuelle Belästigung anklicken. Im Schnitt übermittelt der Automat derzeit pro Tag fünf solcher Anzeigen.

Der Anzeigenautomat von Bhubaneswar
J. Webermann, ARD Neu-Delhi
16.11.2014 01:02 Uhr

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"Für Frauen fühlt sich niemand zuständig"

Banken seien der ideale Ort für solche Automaten, sagt Joydeep. Dort gebe es Überwachungskameras und immer Strom. "Auf der Polizeiwache ist es kompliziert, vor allem für Frauen fühlt sich niemand zuständig. Hier aber reagieren wir. Die Frauen erhalten sofort eine SMS, und damit ist der Vorgang dokumentiert und die Polizei muss etwas unternehmen."

Sunita glaubte der Geschichte zunächst nicht. Als sie vor wenigen Wochen aber ihre beiden Kinder zur Schule brachte, nutzte sie die Gelegenheit, ICLIK auszuprobieren. Ihr Mann und dessen Familie schöpften keinen Verdacht. Schließlich ging sie ja nur zur Bank.

ICLIK-Automat in einer Bank
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ICLIK steht im Vorraum der Bank - direkt neben dem Geldautomaten.

"Ich gab den Namen meines Mannes an, die Adresse und alles, was die Polizei wissen muss." Und tatsächlich sind die Beamten hingefahren und haben ihn festgenommen. Sunita lebt jetzt bei ihren Eltern. Von ihrem Ehemann hat sie nichts mehr gehört.

Wenn es um Gewalt in der Ehe geht, kommen die meisten Täter in Indien ohne Gerichtsverfahren davon. Aber Sunita ist wenigstens frei. Joydeep plant, weitere Automaten aufzustellen. Einige Banken witterten schon ein Geschäftsmodell, sagt er. Mal eben Geld abheben und den Vergewaltiger anzeigen, das klingt auch für Joydeep zynisch. Aber für zumindest einige Frauen könnte der Weg zur Bank tatsächlich ein Ausweg aus der Hölle sein.

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