AKW in den USA Indian Point macht New Yorkern Angst

Stand: 11.03.2016 04:54 Uhr

Es ist ein halbes Jahrhundert alt, hat eine lange Geschichte von Störfällen, seine Betriebsgenehmigung ist schon lange abgelaufen. Trotzdem soll das AKW Indian Point nahe New York weiter betrieben werden. Doch der Widerstand dagegen wächst.

Von Georg Schwarte, ARD-Studio New York

Indian Point: Zwei Druckwasserreaktoren, Baujahr 1966 und 1969. Das Kernkraftwerk liegt direkt am Hudson River, rund 50 Meilen von New York City stromaufwärts. Der Gouverneur des Staates New York, Andrew Cuomo, hat aber eine etwas andere Lagebeschreibung: "Dieser Reaktor ist der Reaktor, der am nächsten an der am dichtest besiedelten Region auf der Erde liegt. Wenn hier was schief läuft, dann läuft es für viele Leute richtig schief." 

Das Atomkraftwerk Indian Points | Bildquelle: REUTERS
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Ein Sicherheitsrisiko? Das Atomkraftwerk Indian Point.

Und in Indian Point läuft offenbar seit Jahren eine Menge schief. Zuletzt - kein Witz - war es ein Vogelschiss auf einen Transformator, der zum Kurzschluss und zum Stillstand des Reaktors führte. Paul Gallay, Umweltaktivist und Kernkraftgegner, führt seit Jahren Buch: "Seit Mai 2015 gab es zehn Zwischenfälle, größere Fehlfunktionen, Feuer, Öllecks, Stromausfälle, die den Kontrollraum lahmlegten."

Die Liste der Abschaltungen und meldepflichtigen Zwischenfälle ist so lang wie die Entfernung zur Metropole New York kurz ist. Als es in Fukushima zur Kernschmelze kam, wies die amerikanische Regierung damals noch alle Amerikaner in Japan an, die Gegend um den Reaktor in einem 50 Meilen-Radius nicht mehr zu betreten.

18 Millionen Menschen im Umfeld

 "Hier in New York leben 18 Millionen Menschen in einem solchen 50-Meilen-Radius", sagt Gallay. "Die Vorstellung, diese Menschen im Ernstfall zu evakuieren, Phantasterei. Und selbst wenn man es kann, es gäbe danach nichts, wohin sie zurückkehren könnten."

New Yorks Gouverneur Cuomo mit dem Bürgermeister der Stadt, de Blasio (rechts). | Bildquelle: dpa
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New Yorks Gouverneur Cuomo, hier mit dem Bürgermeister der Stadt, de Blasio (rechts), will Indian Point stilllegen.

2013 und im Vorjahr liefen die beiden Betriebsgenehmigungen ab. New Yorks Gouveneur Cuomo will die Reaktoren jetzt endgültig stillgelegt sehen. Das Problem: Nicht er, sondern die Regierung in Washington entscheidet. Und die zuständige Atomaufsichtsbehörde, sagt Jerry Kremer, Lobbyist und Befürworter von Indian Point, die Aufsichtsbehörde habe nun mal nicht angeordnet, das Kraftwerk zu schließen.

Zweifel an Unabhängigkeit der Atomaufsicht

Es ist eine Atomaufsichtsbehörde, die Präsident Obama selbst einst als "moribund" bezeichnete, weil sie komplett dem Einfluss der Lobbyisten unterliege. Gerade erst hatte es ein Leck im Kühlbecken gegeben, wo mittlerweile 1500 Tonnen Brennstäbe lagern. Radioaktiv verseuchtes Wasser sickerte in den Boden. Anwohner haben Angst, Messungen des Grundwassers zeigen erhöhte Radioaktivität.

Der demokratische Senator für New York, Chuck Schumer, nicht der einzige, der fünf Jahre nach Fukushima Bedenken wegen Indian Point hat: "Ich traue der Betreiberfirma Entergy nicht mehr. Ich will eine unabhängige Kommission, die untersucht und sicherstellt, dass so etwas nie wieder passiert." Jerry Kremer sieht die Sache naturgemäß entspannter: "In einer Fabrik, in der ein Kessel ein Leck hat, würde man doch auch nicht die ganze Fabrik schließen" - das ist seine Logik.

Eines der Flugzeuge übrigens, die am 11. September 2001 ins World Trade Center rasten, flog zuvor direkt über Indian Point hinweg. Das Kernkraftwerk ist laut Pentagon-Studie nicht geeignet, einem Angriff aus der Luft standzuhalten.

"Technisch aus der Zeit gefallen"

Für Paul Gallay, den Umweltaktivisten, ist Indian Point eine tickende Zeitbombe und obendrein technisch aus der Zeit gefallen: "Dieses Kernkraftwerk ist 50 Jahre alt. Die Technologie ist veraltet. Dieses Kraftwerk lässt Dial-up-Modems und Klapphandys geradezu modern aussehen. Es ist verrückt, sich auf ein solches Atomkraftwerk zu verlassen, dass so alt, so unsicher und so gefährlich im Fall einer Panne ist."

Derzeit aber liefert es noch zehn Prozent des gesamten Stroms für die Metropolregion New York - zumindest bis zum nächsten Zwischenfall.

New York in Angst vor Kernkraftwerk Indian Point
G. Schwarte, ARD New York
11.03.2016 02:37 Uhr

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