Kommentar

Flugblatt von Aktivisten in Idomeni Rücksichtslos und zynisch

Stand: 15.03.2016 11:48 Uhr

Mit ihrer Flugblatt-Aktion in Idomeni haben Aktivisten die Gesundheit und das Leben Hunderter Frauen, Kinder und alter Leute riskiert. Sie schicken Flüchtlinge auf eine hoffnungslose Reise - für ein paar spektakuläre Bilder. Das ist rücksichtslos und zynisch.

Ein Kommentar von Wolfgang Landmesser, ARD-Studio Athen

Um es vorwegzuschicken: Vor der Leistung der Freiwilligen, die sich unter größten persönlichen Entbehrungen für die Flüchtlinge einsetzen, kann man nur allergrößten Respekt haben. Ohne die privat organisierten Suppenküchen, ohne die ehrenamtlich tätigen Ärzte, ohne die Griechen, die Kleider verteilen und Flüchtlinge bei sich duschen lassen, würde es den Menschen an der griechisch-mazedonischen Grenze noch viel schlechter gehen.

Aber was Aktivisten dort gestern provoziert haben, ist unfassbar rücksichtslos. In Flugblättern schürten sie die Ängste der Flüchtlinge: Sie müssten mit der Abschiebung in die Türkei rechnen, wenn sie das elende Lager von Idomeni verlassen, hieß es darin. Als Ausweg schlugen sie den Marsch Tausender auf die andere Seite vor. Dann, versprachen sie, seien die Flüchtlinge nicht mehr zu stoppen.

Marsch ohne Hoffnung

Die selbsternannten Flüchtlingsschützer wussten aber, dass die Aktion scheitern muss, weil die mazedonische Grenze inzwischen hoch gerüstet mit Polizei- und Armeekräften ist. Trotzdem riskierten sie die Gesundheit und das Leben Hunderter Frauen, Kinder und alter Leute. Den Ablauf der Aktion verbreiteten sie via Twitter - unter dem Hashtag "marchofhope". Obwohl das Ganze von Anfang an völlig hoffnungslos war - für die Menschen, die sowieso kaum noch Hoffnung haben.

Den Initiatoren des Marsches ging es offenbar vor allem um die spektakulären Bilder, die Flüchtlinge waren nur Mittel zum Zweck. Das ist nicht nur zynisch. Sie haben den Zehntausenden Menschen, die in Griechenland festsitzen, auch einen schlechten Dienst erwiesen. Die Propaganda-Aktion wird die verzweifelte Lage der Flüchtlinge kein bisschen verbessern. Der anmaßende Marsch der Hoffnung wird den politischen Kräften, die die Abschottung betreiben, einen Vorwand liefern, jetzt erst recht keine Flüchtlinge aufzunehmen.

Anmaßend und rücksichtslos - der "Marsch der Hoffnung" von Idomeni
W. Landmesser, ARD Athen
15.03.2016 11:38 Uhr

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Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 15. März 2016 um 12:00 Uhr.

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