Ärztestreik in Polen.

Gesundheitssystem in Polen Hungern für bessere Arbeitsbedingungen

Stand: 08.10.2017 05:01 Uhr

Fachärzte in der Ausbildung verdienen in Polen etwa 700 Euro im Monat. Weil viele davon nicht leben können, arbeiten sie in mehreren Krankenhäusern - bis zur völligen Überarbeitung. Seit einer Woche protestieren 20 junge Ärztinnen mit einem Hungerstreik gegen diese Bedingungen.

Von Olaf Bock, ARD-Studio Warschau

Die 28-jährige Katarzyna Kuzmiak ist schon Psychiaterin. Während ihrer Facharztausbildung schiebt sie regelmäßig Doppel -und Dreifachschichten in anderen Krankenhäusern, häufig mehr als dreißig Stunden am Stück. Die Folge: Physischer Zusammenbruch und Todesangst.

Eine Stelle reicht oft nicht

Assistenzärzte verdienen in Polen auf einer Stelle umgerechnet etwa 600 bis 700 Euro im Monat. Weil sie von dieser niedrigen Bezahlung oft nicht leben können, arbeiten viele Mediziner gleich in mehreren Krankenhäusern gleichzeitig. Dabei kommt es zu extrem langen Schichten mit mehreren Hundert Stunden Arbeit pro Monat. Ein Grund für 20 Ärzte eines Warschauer Krankenhauses, dagegen in den Hungerstreik zu treten.

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Psychiaterin Katarzyna Kuzmiak.

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Jan Czarnacki ist Arzt im Praktikum.

"Ich hatte die Situation nach einer Bereitschaft, dass ich im Auto saß, meine Augen begannen zu zittern und zucken. Ich wusste nicht, ob ich noch heil nach Hause komme", erzählt Katarzyna. Sie ist eine der 20 Hungerstreikenden. Nach fünf Tagen und Nächten im Hungerstreik musste sie aufgeben, weil der Protest sonst ihre Gesundheit gefährdet hätte.

Doch viele andere, wie der 29-jährige Arzt im Praktikum, Jan Czarnacki, wollen weitermachen. Obwohl es schwerfällt. "Ich habe keinen klaren Kopf mehr und bin sehr müde."

Tod durch Überarbeitung

In den vergangenen Monaten häufen sich die Todesfälle von Ärzten, die im oder kurz nach dem Dienst starben. Die 39-jährige Justyna Kusmierczyk ist der jüngste Fall. Vor etwa drei Wochen starb sie völlig unerwartet. Auch sie arbeitete in mehreren Krankenhäusern Polens. Überarbeitung nach vielen Stunden Dienst könnte ein möglicher Auslöser für ihren Tod sein.

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Seit einer Woche protestieren Ärzte eines Warschauer Krankenhauses mit einem Hungerstreik gegen ihre Arbeitsbedingungen.

Auch ein 59-jähriger Chirurg hatte gerade seinen 24-Stunden-Dienst beendet, als er nach einem Schwächeanfall starb. Laut einer Umfrage haben 59 Prozent aller Ärzte mindestens einmal im Jahr länger als 24 Stunden durchgearbeitet.

Flucht ins Ausland

Stefan Karczmarewicz ist Professor für Kardiologie und unterrichtet Medizinstudenten. Er kritisiert seit Jahren das polnische Gesundheitswesen: Monatelange Wartezeiten bis zur Behandlung für Patienten und überforderte, unterbezahlte Ärzte sind die Themen seines Internetblogs.

Viele Ärzte wandern wegen der Zustände und niedrigen Verdienste direkt nach dem Studium aus. "Alle Regierungen tun so, als ob es kein Problem gäbe", sagt Karczmarewicz. Das sei der Grund, warum Ärzte und Krankenschwestern aus Polen weggingen. "Wenn in der Krankenschwesternausbildung 90 Prozent der Schüler und Schülerinnen Norwegisch lernen - eine nicht so populäre Sprache - hat das wohl einen Grund."

Die Ärztekammer schätzt, dass 10.500 Ärzte, mehr als 2000 Zahnärzte und 17.000 Krankenschwestern Polen verlassen haben, um woanders zu arbeiten. Wegen des Ärztemangels in Polen entstehen teilweise wochen- und monatelange Wartezeiten bis zur Behandlung.

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Professor Stefan Karczmarewicz schreibt in einem Blog über das polnische Gesundheitssystem.

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Polens Gesundheitsminister Konstanty Radziwill hält höhere Gehälter für nicht realisierbar.

Politik bietet keine Lösung

In den vergangenen Jahrzehnten sind bisher alle Versuche gescheitert, das marode Gesundheitssystem Polens grundlegend zu reformieren. Ein Reformversuch wurde zurückgenommen. Bislang wurde keine dauerhafte Lösung gefunden.

Den Forderungen nach einer drastischen Anhebung der Gehälter für Ärzte im Praktikum erteilte der Gesundheitsminister Polens, Konstanty Radziwill, eine Absage. "Wenn wir Forderungen von 6000 Zloty (etwa 1.400 Euro) monatlich als Grundgehalt für Ärzte im Praktikum garantieren sollen, ist das etwas, was nicht realisierbar ist."

Die jungen Ärztinnen und Ärzte im Warschauer Krankenhaus wollen ihren Hungerstreik fortführen, solange sie es schaffen. Damit in Zukunft nicht noch mehr Ärzte an Überarbeitung sterben müssen.

Über dieses Thema berichtet das Europamagazin am Sonntag um 12:45 Uhr.

Über dieses Thema berichtete das Europamagazin am 08. Oktober 2017 um 12:45 Uhr.

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