Eine Frau sitzt mit ihrem Kind auf dem Boden | Bildquelle: AP

Hungerkrise Wie solidarisch ist Afrika?

Stand: 03.04.2017 17:53 Uhr

Millionen Menschen in Ostafrika sind von Hunger bedroht. Die internationale Gemeinschaft ist alarmiert. Die Afrikanische Union hält zwar Krisengipfel ab, doch einige Länder verschlimmern die Krise.

Von Alexander Göbel, ARD-Hörfunkstudio Nordwestafrika

Matthew Rycroft hat sich selbst ein Bild vom Hunger gemacht: Mit einer Delegation der Vereinten Nationen hat der britische Vertreter im UN-Sicherheitsrat Äthiopien besucht, den Südsudan, Somalia und das Tschadsee-Becken. Dort, zwischen Nigeria, Niger, Kamerun und Tschad wütet seit Jahren die Terrororganisation Boko Haram: Tausende Menschen wurden getötet, entführt, aus ihren Dörfern vertrieben.

Nun kommt Rycroft zufolge auch noch die Dürre dazu. Insofern werde das Ausmaß dieser humanitären Krise in keinster Weise übertrieben dargestellt. "Wir haben gesehen, dass die Lage täglich schlimmer wird. Weil internationale Geber und die Länder selbst einiges tun, müssen wir noch nicht überall von Hunger reden, aber ich betone: noch nicht!"

Druck auf internationale Gemeinschaft nötig

Bilder von zu Skeletten abgemagerten Flüchtlingen gehen bereits um die Welt, und Rycroft weiß: Er muss der internationalen Gemeinschaft Druck machen, weil sie wieder einmal zu versagen droht. Aber auch mit seinen afrikanischen Partnern muss Rycroft Klartext reden - wenn auch verpackt in diplomatischer Sprache: Schließlich gehe es nicht nur um die internationale Antwort auf diese Krise, sondern auch um die nationale. "Wir haben die nigerianische Regierung sowie die anderen Regierungen der Region ermutigt, mehr zu tun und ihr finanzielles Engagement zu verstärken. Wir haben die richtigen Signale gehört, jetzt erwarten wir, dass diese Versprechen auch umgesetzt werden."

Übersetzt heißt das: "Ihr seid dran!" Immerhin hat das reiche Öl-Land Nigeria angekündigt, eine Milliarde US-Dollar bereitzustellen, auch wenn noch kein Geld geflossen ist. Aber vermeintlicher Geldmangel sei längst nicht das einzige Problem im Kampf gegen den Hunger, sondern auch die Korruption, wie Omolola Adele-Oso von der Organisation Act4Accountability erklärt: "In Nigeria zum Beispiel wird gespendeter Reis in neue Säcke verpackt und auf dem Markt verkauft. Viele Nahrungsmittel erreichen die Bedürftigen gar nicht."

Konflikte verschlimmern Hungerkrise

"Beschämend und inakzeptabel" nennt Bundesentwicklungsminister Müller die Tatsache, dass die Welt zu langsam reagiert. Peinlich sei die mangelnde Solidarität aber vor allem für die Afrikaner selbst, gibt der neue Chef der Kommission der Afrikanischen Union (AU), Moussa Faki Mahamat, zu: "Die Hungersnot, die derzeit große Teile Afrikas im Griff hat, ist eine wahre Demütigung für uns", räumt er ein. "Das immense Potenzial unseres Kontinents und das beneidenswerte Wirtschaftswachstum zahlreicher Mitgliedsstaaten der Afrikanischen Union entziehen uns alle Argumente, dieser bitteren humanitären Tragödie weiter zuzuschauen."

Gleichzeitig verschlimmern manche AU-Mitglieder das Drama noch weiter: Somalia etwa, wo weite Teile des Landes durch die islamistische Al Shabab-Miliz kontrolliert werden. Oder der Südsudan, wo sich Regierung und Rebellen auf Kosten der Bevölkerung bekämpfen.

Zaghafte Krisengipfel der Afrikanischen Union

Nur wenige AU-Staaten übernehmen Verantwortung: Uganda nimmt Flüchtlinge aus dem Südsudan auf. Und Äthiopien kümmert sich nach Kräften um die Opfer des Hungers aus dem Nachbarland Somalia. "Die Flüchtlinge sollen kommen, denn sie machen gerade die schwerste Zeit ihres Lebens durch - wenn sie es überhaupt schaffen", sagt Mulugeta Zewdie, Mitarbeiter im Außenministerium in Addis Abeba. Auf der einen Seite seien die somalischen Flüchtlinge dem bewaffneten Konflikt in ihrer Heimat ausgesetzt, auf der anderen Seite litten sie an der schweren Dürre: "Es gibt keine bessere Zeit für Äthiopien, um diesen Menschen zu helfen!"

Dabei leiden in Äthiopien selbst bereits mehr als fünf Millionen Menschen akut an Hunger, davon allein fast zwei Millionen in der Somali-Region im Osten des Landes. Äthiopien und Uganda hoffen auf Unterstützung, damit ihre Hilfsbereitschaft nicht am Ende noch bestraft wird. Doch die innerafrikanischen Appelle werden kaum gehört. Die AU hält bislang nur zaghafte Krisengipfel ab, zahlt magere 200.000 US-Dollar in einen Fonds für mangelernährte Kinder - und fordert die internationale Gemeinschaft auf, sich an Hilfszusagen zu halten.

Über dieses Thema berichtete WDR5 im Morgenecho am 04. April 2017 um 09:37 Uhr.

Darstellung: