Kinder in Indien  | Bildquelle: AP

Hunger in Indien Jedes dritte Kind chronisch unterernährt

Stand: 19.11.2014 12:17 Uhr

Indien ist ein widersprüchliches Land: auf der einen Seite glitzerndes Bollywood und High-Tech-Standort, auf der anderen Seite Armut und Hunger. In keinem anderen Land sterben mehr Kinder an den Folgen von Unterernährung.

Von Sandra Petersmann, ARD-Hörfunkstudio Neu-Delhi

Karan ist ein Zwerg. Der neunjährige Junge ist viel zu klein für sein Alter, sein Bauch ist aufgebläht, und er hat Falten im Gesicht. Seine dunklen Haare haben einen matten Rotstich - ein untrügliches Zeichen für Unterernährung. Ihm fehlen Proteine, Vitamine und Mineralien. Er lebt vor allem von Brot und Tee. Karans Arbeitsplatz ist eine der größten offenen Müllhalden in der indischen Hauptstadt Neu-Delhi. Hier sucht er in Badelatschen und ohne Mundschutz oder Handschuhe nach allem, was sich recyceln lässt.

Karan ist mit seinen neun Jahren das älteste von fünf Kindern. Seine Eltern sind Tagelöhner und versuchen, sich auf Baustellen zu verdingen. Die Familie lebt auf der Straße. Die Mutter war selber noch minderjährig, als sie Karan auf die Welt brachte. Alle Kinder sind kleinwüchsig und unterentwickelt. Alle müssen mit anpacken. Keines geht zur Schule - so war es früher auch bei ihren Eltern.

Ernährungsprogramme der Regierung sollen helfen

Getreidesäcke stehen schutzlos unter freiem Himmel.
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Tausende Tonnen Getreide verrotten unter freiem Himmel.

Seit Jahrzehnten versuchen indische Regierungen, den chronischen Hunger durch staatliche Ernährungsprogramme zu bekämpfen, die Milliarden kosten. Eine Frau passt in einer riesigen, offenen Lagerhalle darauf auf, dass die Ratten die meterhoch gestapelten Getreidesäcke nicht anfressen. Einziger Schutz für das Getreide: Holzpaletten von unten, ein Blechdach von oben. "Hier verrottet das Getreide, und draußen haben viele Menschen Hunger", sagt die Frau und ergänzt: "Wir tun, was wir können, um die Säcke zu schützen, aber wenn sie draußen rumliegen, sind wir machtlos."

"Das System ist korrupt"

Draußen vor der Halle, auf freiem Feld, lagern noch mehr Getreidesäcke. Vollkommen schutzlos dem Wetter ausgesetzt. Abertausende, meterhoch gestapelt, - soweit das Auge reicht. Ein Teil liegt schon seit Jahren hier, bestätigt ein Großhändler. "Indien ist kein armes Land. Wir sind absolut in der Lage, unsere Bevölkerung selber zu versorgen", sagt der Getreidehändler. Aber das System sei korrupt. Nach Angaben des indischen Ernährungsexperten Devinder Sharma kommt etwa die Hälfte der staatlichen Nahrungsmittelhilfe nicht bei den Betroffenen an. Weil sie schlecht gelagert wird und weil sie im aufgeblähten Verteilsystem verschwindet.

Getreideernte in Nordindien | Bildquelle: picture alliance / Robert Hardin
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Getreideernte in Nordindien: milliardenschwere Programme der Regierung sollten helfen.

"Dieses Land vernachlässigt seine Armen auf kriminelle Weise," kritisiert Sharma. "Schon Mahatma Gandhi hat gesagt, dass ein Land wie Indien keine massenhafte, industrielle Produktion von Nahrungsmitteln braucht, sondern eine Produktion, von der die Bevölkerung leben kann, weil sie an ihr beteiligt ist. Wir brauchen einen lokalen Ansatz. Für die Produktion, die Verteilung und den Verbrauch." 

Fehlende Bildung erschwert die Lage

Reis | Bildquelle: AP
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Hilfe kommt bei den Betroffenen nicht an.

Indien hat seit den 90er-Jahren eine rasante wirtschaftliche Entwicklung hingelegt. Dennoch ist jedes dritte Kind untergewichtig und unterentwickelt wie Karan. Der kleine Müllsammler aus Neu-Delhi hat seinen Hunger bis jetzt überlebt. Karan und seine Geschwister haben oft Durchfall. Sie leben wie etwa 600 Millionen anderer Inder auch ohne Toilette und ohne sauberes Trinkwasser und sind anfällig für Infektionskrankheiten. Der ständige Durchfall mergelt den Körper aus. Die fehlende Gesundheitsbildung vieler Eltern verschlimmert die Lage.

Indiens Hungerkrise ist nicht nur durch den Mangel an Nahrung zu erklären. Neben der mangelnden Hygiene spielen auch das schnelle Bevölkerungswachstum und das traditionelle Kastensystem eine große Rolle. Karans Familie gehört zur Kaste der Dalits. Dalits gelten in weiten Teilen Indiens bis heute als "unberührbar" und werden sozial geächtet.   

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