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Hongkong seit 1997 Ex-Kolonie
Fremdes Mutterland China
Die Unsicherheit war groß, als Hongkong nach 155 Jahren britischer Herrschaft an China zurückgegeben wurde. Heute, 15 Jahre später steht die Ex-Kolonie besser da denn je. Doch Chinas Einfluss wächst. Bei den Menschen in Hongkong schürt das Ängste. Das Mutterland ist ihnen zunehmend fremd.
Von Markus Rimmele, ARD-Hörfunkstudio Schanghai
Es ist ein emotionaler Moment an diesem 1. Juli 1997, als Großbritanniens Flagge - der Union Jack - eingeholt wird. Es gießt in Strömen. Unsicherheit liegt über der Zukunft Hongkongs.
Doch die Tränen sind schnell getrocknet. Hongkong ist keine Stadt, die sich lange mit der Vergangenheit aufhält. 15 Jahre später steht die ehemalige Kolonie besser da denn je: als Drehscheibe des boomenden China-Handels, als globales Finanzzentrum auf Augenhöhe mit London und New York. Die Bevölkerung ist auf mehr als sieben Millionen Menschen angewachsen. Deren Lebensstandard ist einer der höchsten der Welt.
Und, woran viele 1997 nicht geglaubt hatten: Die kommunistische Führung in Peking hat ihr Versprechen weitgehend eingehalten. Hongkong genießt nach der Formel "Ein Land, zwei Systeme" nach wie vor Presse-, Meinungs- und Versammlungsfreiheit. Die Justiz ist unabhängig.
Hongkong 15 Jahre nach der Rückgabe an China
M. Rimmele, ARD Schanghai
01.07.2012 00:09 Uhr
"Hongkong besitzt einen gewissen Grad an Freiheit. Solange wir darauf bestehen, werden wir diesen haben", sagt der Verleger Bao Pu. Er bringt politische Bücher heraus, die sonst in China verboten sind. "Die Freiheit ist immer bedroht - durch Selbstzensur, durch Angst, durch Einflussnahme vom Festland. Aber solange man darauf besteht, kann man in Hongkong die Freiheit bewahren."
Anti-chinesische Gefühle
Unverkennbar ist Chinas wachsender Einfluss. In der Politik, im Geschäftsleben, in den Medien - und auf der Straße. 30 Millionen Touristen vom Festland haben im vergangenen Jahr Hongkong besucht. Sie kommen zum Einkaufen in die Stadt. Doch nicht nur. Schwangere Chinesinnen bringen in Hongkonger Kliniken ihre Kinder zur Welt. Reiche Festländer kaufen Wohnungen als Spekulationsobjekte und treiben die Immobilienpreise in immer astronomischere Höhen. Das hat zu einer neuen Welle von anti-chinesischen Gefühlen in Hongkong geführt. Auch die immer neuen Fälle von Menschenrechtsverletzungen im Mutterland tragen zur Entfremdung bei. Nur noch knapp 17 Prozent der Hongkonger bezeichnen sich einer Umfrage zufolge selbst in erster Linie als "chinesische Bürger". Das ist der niedrigste Wert seit zwölf Jahren. Immer mehr sehen sich selbst einfach als Hongkonger.
"Wir kämpfen um unsere Freiheit"
Eine Mehrheit wünscht sich auch allgemeine und freie Wahlen in der Stadt. Heute trat der neue Regierungschef Leung Chun-ying sein Amt an. Bestimmt wurde er von einem pekingtreuen Wahlgremium, nicht vom Volk. Am Tag der so genannten Wahl gab es lautstarke Proteste. "Wir kämpfen um unsere Freiheit", sagt ein Demonstrant. "Die chinesische Regierung will die Wahl des Regierungschefs in Hongkong kontrollieren. Das kann doch nicht sein. Sie haben uns gesagt, wir könnten uns selbst regieren. Aber sie halten ihr Versprechen nicht."
Immerhin: Bei der nächsten Wahl 2017 soll - so die Zusage Pekings - das ganze Volk den Regierungschef demokratisch wählen dürfen. Unklar ist allerdings, ob dann auch jeder, der will, kandidieren darf. Langfristig ist der Hongkonger Politologe Michael DeGolyer trotzdem optimistisch. "Der Reformdruck in China ist immens und wird immer größer, wirtschaftlich und politisch. Aber einer muss vorangehen. Das chinesische System folgt normalerweise erfolgreichen Beispielen. Man experimentiert zuerst, schaut sich die Auswirkungen an. Dann werden Entscheidungen getroffen. Und ich bin ziemlich sicher, dass Hongkong vorangehen wird."
Zur Amtseinführung von Leung Chun-ying kam auch Chinas Staatspräsident Hu Jintao. Auf einer parallelen Großdemonstration machten die Hongkonger wieder einmal ihrem Ärger Luft über die soziale Ungleichheit in der Stadt, über den Mangel an Demokratie.
Doch das heißt nicht, dass sie sich die Vergangenheit zurückwünschten: Den britischen Kolonialherren weint in Hongkong heute kaum noch jemand eine Träne nach.
Stand: 01.07.2012 13:03 Uhr
