Der Aktivist Joshua Wong bei einer Pro-Demokratie-Demonstration zum 20. Jahrestag der Rückgabe Hongkongs an China | Bildquelle: REUTERS

Hongkongs junge Generation "Wir sind keine Chinesen"

Stand: 01.07.2017 14:21 Uhr

Viele junge Hongkonger wollen nichts von Peking wissen. Sie haben bereits das Ende der Autonomie ihrer Stadt vor Augen. Auch deshalb sind die Forderungen der jungen Protestbewegungen immer radikaler geworden. Für die Führung in China kann das zum Problem werden.

Von Jörg Endriss, tagesschau.de

Als "Hongkongs Rückkehr zum Mutterland" feiert Chinas Präsident Xi Jinping das Jubiläum in Hongkong. Aber in der Generation der jungen Hongkonger sieht das kaum jemand so. Seit der Rückgabe der britischen Kolonie an China vor 20 Jahren ist die Kluft zu Peking immer größer geworden. Gerade die Generation, die nach 1997 unter chinesischer Herrschaft erwachsen geworden ist und sich an die britische Kolonie höchstens aus Kindertagen erinnert, identifiziert sich am wenigsten mit der Volksrepublik.

Die Universität Hongkong hält dazu regelmäßig  Umfragen ab. Nur noch gut drei Prozent der unter 30-Jährigen gaben zuletzt an, sich als Chinesen zu fühlen. Die meisten sehen sich als Hongkonger. Ganz anders die Generation der über 50-Jährigen: Mehr als 40 Prozent sind stolz auf ihre chinesische Nationalität. Viele aus dieser Generation haben in den Wirren der Mao-Zeit den Grenzfluss zu Hongkong durchschwommen oder sind mit ihren Eltern nach Hongkong geflohen. Meist sind dabei Verbindungen nach China geblieben.

Die junge Generation erlebt stattdessen China vor allem als Macht, die Hongkongs Freiheiten einschränken will und deren Megastädte mit ihrem Aufschwung letztlich auch Hongkongs Bedeutung als Wirtschaftsmetropole den Rang abgelaufen haben.

Hongkong - ehemalige britische Kolonie mit Sonderstatus

Die frühere britische Kolonie Hongkong gehört seit dem 1. Juli 1997 zur Volksrepublik China. Die Stadt hat als Sonderverwaltungszone eine besondere Stellung und wird nach dem Grundsatz "Ein Land, zwei Systeme" regiert. Hongkong genießt ein großes Maß an Autonomie. Das Grundgesetz ("Basic Law") der Stadt garantiert den rund siebeneinhalb Millionen Hongkongern zum Beispiel Rechtsstaatlichkeit, Meinungsfreiheit und Pressefreiheit. In Festlandchina gibt es das nicht.

Hongkong ist ein eigenes autonomes Zoll- und Steuergebiet. Mit dem Hong Kong Dollar gibt es eine eigene Währung. EU-Bürger brauchen für die Einreise nach Hongkong im Gegensatz zu Festlandchina kein Visum. Auch die Bürger Hongkongs reisen mit ihrem Sonderverwaltungszonen-Reisepass einfacher als Festlandchinesen. Die ehemalige Kolonie ist außerdem eigenständiges Mitglied zahlreicher internationaler Wirtschafts- und Sportverbände.

Das Prinzip "Ein Land, zwei Systeme" wurde im britisch-chinesischen Übergabevertrag für 50 Jahre festgeschrieben, es gilt also noch bis zum 30. Juni 2047. Nach wie vor erlaubt die Zentralregierung in Peking keine freien Wahlen in Hongkong, obwohl diese bei der Übergabe 1997 in Aussicht gestellt worden waren. 2014 zogen Tausende Hongkonger für mehr Demokratie auf die Straßen.

"Wir haben eine andere Art zu denken"

Genauso sieht es Chow Shue-Fung, Präsident einer der Studentenvertretungen in Hongkong. Er gehört zu den so genannten Lokalisten, Gruppierungen, die am liebsten Hongkongs Unabhängigkeit erreichen und neu zugewanderte Menschen aus der Volksrepublik ausweisen wollen.

"Mein Vater sagt immer, dass wir doch alle Chinesen sind und mit denen da drüben gemeinsam für Demokratie kämpfen müssen", erzählt Chow. "Aber erstens sehe ich nicht, dass sich in China etwas ändert. Nur bei uns wird es schlechter. Zweitens haben wir einfach eine andere Kultur, wir sprechen Kantonesisch, haben ein anderes politisches Bewusstsein, eine andere Art zu denken."

Es ist ein Generationenkonflikt, der sich bis in die Demokratiebewegung zieht. Viele der jungen Hongkonger sehen, trotz der gemeinsamen Geschichte, vor allem die Unterschiede. Und die bestehen neben Äußerlichkeiten wie dem Linksverkehr und den von der Kolonialzeit geprägten Umgangsformen vor allem auch in der regen politischen Subkultur der Stadt. Bürgerrechtsgruppen verschiedener Couleur sind in den Stadtteilen aktiv. Selbst der zuckersüße Canto-Pop, der in den 70er Jahren von Hongkong aus die asiatische Welt erobert hat, ist heute politisch geworden. Viele Bands unterstützen mit ihren Texten die neue Demokratiebewegung.

Schulfach "Chinesische Geschichte"

Die pro-chinesische Regierung in Hongkong ist sich bewusst, dass Hongkongs Jugend immer chinafeindlicher wird. Eine Expertenkommission empfahl ihr jüngst, mehr Jugendaustausch mit dem Festland zu organisieren. Doch sie setzt auch auf Holzhammer-Methoden. Ein Schulfach zur "Patriotischen Erziehung" sollte vor ein paar Jahren eingeführt werden. Massenproteste von Schülern, Eltern und Lehrern, die darin "Gehirnwäsche" sahen, konnten das jedoch verhindern. Jetzt befürchten viele einen neuen Anlauf. Die neue Regierungschefin Carrie Lam will ein eigenes Fach "Chinesische Geschichte" in den Schulen einführen. Erster Widerstand formiert sich bereits.

Carrie Lam und Xi Jinping | Bildquelle: dpa
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Hongkongs neue Regierungschefin Carrie Lam und Chinas Präsident Xi Jinping

Doch je mehr Peking und seine loyale Regierung in Hongkong auf solche Instrumente setzen, desto stärker und radikaler scheint der Protest unter Hongkongs Jugend zu werden. Nachdem die Forderungen nach mehr Demokratie bei den Regenschirmprotesten 2014 am Ende nicht gehört wurden, haben sich viele Gruppen radikalisiert.

Forderungen nach Selbstbestimmung

Die Lokalisten, die extremste Strömung, haben nach Berechnungen der "South China Morning Post" insgesamt fast ein Fünftel der Stimmen bei den vergangenen Wahlen zum Hongkonger Legislativrat bekommen. Viele wollen die Unabhängigkeit - Hongkong als Stadtstaat wie Singapur ist ihre Idee, auch wenn das allein aus wirtschaftlichen Gründen schwierig sein dürfte. Unter ihnen sind Hongkong-Nationalisten, die aus Provokation schon einmal die alte Kolonialfahne schwenken. Manche behelligen Chinesen, die nach Hongkong einreisen, mit Beschimpfungen und Sprechchören. Auch vor Gewalt bei Protestaktionen schrecken manche nicht zurück. Wurfgeschosse gegen Polizisten, Tränengas gegen Demonstranten - so etwas gab es in den letzten Jahrzehnten kaum in Hongkong.

Die gemäßigteren jungen politischen Gruppen bestehen auf friedlichen Protest, wie die Partei Demosisto von Joshua Wong und Nathan Law, beide prominente Gesichter der Regenschirmbewegung. Aber auch sie wollen, dass Hongkong seine Zukunft selbst bestimmt. Großbritannien und China hätten die Rückgabe 1997 ausgehandelt, argumentieren sie. Wenn der Autonomiestatus endet, müsse man die Hongkonger selbst darüber abstimmen lassen, wie es weitergeht.

Das Verfallsdatum der Freiheiten: 2047

Doch je radikaler diese Forderungen werden, desto weniger dürfte Peking zu Zugeständnissen bereit sein. Denn ein Hongkong, das seinen Willen gegen den Herrschaftsanspruch der KP Chinas durchsetzt, kann sich wohl kein chinesischer Präsident leisten.

Viele der jungen Hongkonger haben eine Jahreszahl vor Augen: 2047 - das Verfallsdatum der Freiheiten in der chinesischen Sonderverwaltungszone. Bis dahin gilt noch das "Basic Law", das Grundgesetz, in dem die Unabhängigkeit der Justiz und Presse und die Meinungsfreiheit garantiert werden.

Bei den Verhandlungen 1997 schien das Ende noch in ferner Zukunft. Die heute 20-Jährigen werden es wohl erleben - und viele wollen sich schon jetzt engagieren, um auch dann weiter in einem freien Hongkong leben zu können.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 01. Juli 2017 um 12:00 Uhr.

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