Installation aus Holz und Papier zeigt die "Regenschirm-Revolution" in Hongkong | Bildquelle: REUTERS

Zerfallene Bewegung Das Ende der Regenschirme

Stand: 28.09.2015 09:57 Uhr

Am 28. September 2014 begannen in Hongkong die Regenschirm-Proteste. Die Demonstranten forderten mehr Demokratie. Ein Jahr danach fehlen die Regenschirme auf den Straßen. Und Peking mischt sich immer stärker in Hongkonger Angelegenheiten ein.

Von Markus Rimmele, ARD-Hörfunkstudio Shanghai

Hongkong im Herbst 2014. Konflikt liegt in der Luft. Schüler und Studenten verlangen Demokratie für die chinesische Sonderverwaltungszone. Seit Monaten hat sich Druck aufgebaut. Verschiedene Protestgruppen haben sich formiert. Die prominenteste - Occupy Central - will das Finanzviertel der Stadt lahmlegen. Mit ein paar Tausend Straßenbesetzern rechnen die Organisatoren. Doch dann werden es sehr viel mehr.

Bis zu 100.000 überwiegend junge Hongkonger strömen Ende September auf die Straßen der Stadt, blockieren wichtige Verkehrsachsen. Ihr Symbol wird der Regenschirm, mit dem sie sich vor dem Pfefferspray der Polizei schützen.

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"Regenschirm-Revolution": Aufstand in Hongkong (September 2014)

Demonstranten blockieren die Zugänge zum Regierungssitz

Bei den Protesten in Hongkong blockierten Demonstranten die Zugänge zum Regierungssitz. | Bildquelle: dpa

"Wir erwarten eine Antwort der Hongkonger Regierung. Wir machen weiter, bis wir eine befriedigende Antwort erhalten haben", sagte damals ein Demonstrant.

Eine Zeit wie im Rausch

Diese Antwort hat es bis heute nicht gegeben. Doch im September und Oktober besteht noch Hoffnung. Überwältigt sind die Studenten von der unerwarteten Eigendynamik der Demokratiebewegung. Wer mitmacht, erlebt diese Zeit wie im Rausch. Hongkong ist verwandelt. Die kühle Finanzstadt sieht gewaltsame Zusammenstöße mit der Polizei, auch Gegenproteste wütender Bürger. In Erinnerung bleiben wird aber eine große und kreative Demokratieparty. Öffentliche Diskussionen im Zeltlager, Vorlesungen auf der Straße, Kunst an Brückengeländern. Ganze Familien flanieren die Protestmeile entlang.

79 Tage dauern die Straßenbesetzungen. Dann hat sich die Bewegung totgelaufen. Die Polizei räumt im Dezember die letzten Demonstranten weg. Sie wehren sich nicht mehr.

"Ich bin traurig", sagte damals eine Studentin. "Ich war vom ersten Tag an mit dabei. Wir haben nichts erreicht. Und ich bin mir nicht sicher, dass wir in der Zukunft noch für Demokratie kämpfen können."

Massenproteste in Hongkong | Bildquelle: dpa
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In Hongkong demonstrierten Zehntausende gegen Pläne der chinesischen Führung in Peking, den Bürgern der Stadt 2017 zwar erstmals direkte Wahlen zu erlauben, ihnen aber eine freie Nominierung der Kandidaten zu verweigern. Mit Demonstrationen, Barrikaden und der Besetzung von Straßen protestierten sie wochenlang. Mit Regenschirmen schützten sich die Demonstranten gegen von Sicherheitskräften eingesetztes Pfefferspray.

Alles bleibt beim Alten

Immerhin: Die von Peking vorgeschlagene Wahlrechtsreform, nach der nur vorausgewählte Kandidaten zur Wahl antreten dürften, wurde verhindert. Die prodemokratischen Parteien blockierten das Vorhaben im Parlament, in dem sie einige Sitze innehaben. Doch das bedeutet auch: Alles bleibt beim Alten. Das Volk wählt den Regierungschef weiterhin gar nicht, sondern dieser wird wie bislang de facto von Peking eingesetzt. Chinas Regierung gibt keinen Millimeter nach.

Diese Unnachgiebigkeit entmutigt. Die Protestbewegung ist mittlerweile zerfallen. Die Anführer von damals, darunter auch der Schülervertreter Joshua Wong, müssen sich vor Gericht verantworten. Also alles umsonst? Nein, sagen die Akteure von damals. Man habe die Hongkonger politisiert, die Idee der Demokratie für die Zukunft neu belebt.

Andere sind aber weniger optimistisch. Einer der Gründer von Occupy Central, der Universitätsprofessor Chan Kin-man etwa. Er glaubt zwar auch, dass die Proteste richtig waren. Doch während der Regenschirmbewegung seien nur etwa 40 Prozent der Bevölkerung auf der Seite der Demonstranten gewesen. "Früher aber waren 60 Prozent der Hongkonger pro Demokratie eingestellt", sagt er ."Das könnte heißen, dass die Unterstützung der Demokraten von 60 auf 40 Prozent gefallen ist."

Im Hongkonger Zentrum fahren längst wieder Autos

Peking tut derweil alles dafür, den demokratischen Ideen entgegenzuarbeiten. Das langfristige Ziel ist die politische Kontrolle der aufmüpfigen Ex-Kolonie, sagt der Politikwissenschaftler Willy Lam.

Seit dem Ende der Regenschirmbewegung mischt sich Peking immer stärker in Hongkonger Angelegenheiten ein. Es ist möglich, dass Peking bald eine so genannte patriotische Erziehung in den Schulen durchdrückt. Auch die Einführung eines Sicherheitsgesetzes, das etwa Aktivitäten gegen die Zentralregierung ahndet, ist möglich. Insgesamt sind die Aussichten für die Demokratie in Hongkong nicht gut.

Auf den einst besetzten Straßen im Hongkonger Zentrum fahren längst wieder die Autos. Regenschirme fehlen.

Jahrestag der Hongkong-Proteste
M. Rimmele, ARD Shanghai
28.09.2015 09:36 Uhr

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Dieser Beitrag lief am 28. September 2015 um 22:54 Uhr im Deutschlandradio Kultur.

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