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Umstrittene Zukunftsidee für den Karibikstaat Honduras
Modellstadt oder Experimentierfeld?
Honduras ist - zumindest, wenn es nach der Regierung geht - bald realer Schauplatz eines Science-Fiction-Films. In dem von Kriminalität und Armut geprägten Land soll eine abgeschottete Modellstadt Investoren anlocken. Ob die Menschen des Karibikstaates davon etwas haben, ist allerdings fraglich.
Von Martin Polansky, ARD-Hörfunkstudio Mexiko-Stadt
Noch plätschern die sanften Wellen ruhig an den weißen Strand. Aber bald schon könnte, hier an der Karibikküste von Honduras, ganz groß gebaut werden. Eine Modellstadt will die Regierung des Landes errichten. Einen Ort des Fortschritts und der Sicherheit - weitgehend losgelöst vom Rest des Landes. Investoren aus aller Welt sollen hier dann praktisch freie Hand haben.
Octavio Ruben Sanchez ist im Kabinett von Honduras Präsident Porfirio Lobo für das Projekt zuständig. Sanchez verspricht sich viel von der Modellstadt in der Sonderzone: "Wir glauben, dass dadurch viel mehr Vertrauen in Honduras geschaffen wird. Unser Land hat große Probleme mit Verbrechen und organisierter Kriminalität durch den internationalen Drogenhandel. Daher ist es notwendig, einen anderen Weg zu finden, um internationale Investitionen anzulocken und damit das Leben der Menschen hier zu verbessern.“
Regierung will Modellstadt in Honduras
M. Polansky, ARD Mexiko City
05.09.2012 16:08 Uhr
Die höchste Mordrate der Welt
Ein Blick auf einige Zahlen von Honduras ist erschütternd: Gut 60 Prozent der Bevölkerung leben in Armut. Honduras hat die höchste Mordrate der Welt. Weite Teile von Politik, Polizei und Justiz gelten als verwickelt in das Drogenverbrechen. Manche Beobachter sehen in Honduras einen gescheiterten Staat. Und seit dem Militärputsch vor drei Jahren ist der Ruf des Landes erst recht am Boden.
Aber Präsident Lobo, der nach dem Putsch durch umstrittene Wahlen an die Macht kam, verspricht nun Ordnung im Chaos zu schaffen – zumindest in der Modellstadt. Für das Experiment setzt er auf die Hilfe von außen. Paul Romer ist Wirtschaftswissenschaftler an der New York University - ein Mann der Zahlen und der großen Modelle. Romer ist der Kopf hinter der Idee, die er Charter City nennt: "Die Charter City soll Führern eines Landes eine neue Strategie an die Hand geben für soziale Reformen. Es ist so, als würde ein Unternehmen ein eigenes Start-Up gründen, um neue Dinge auszuprobieren.“
Experimentierzone mit eigener Regierung
Romer glaubt an die Kraft der Marktgesetze. Der Staat muss aus seiner Sicht nur zwei Dinge bereitstellen: Klare Regeln - eine Charta eben - und Sicherheit. Genau das soll es in der Modellstadt geben. Eigene Gesetze, eigene Polizei, eigene Justiz. Die Stadt regieren soll ein Expertengremium. Man hofft auf hochrangige Wissenschaftler aus dem Ausland. Insgesamt würde das viel weiter gehen, als die in manchen Ländern bereits bekannten Sonderwirtschaftszonen, wo Firmen steuer- oder zollvergünstigt produzieren können.
Honduras hat bereits seine Verfassung geändert, um den Plan zu ermöglichen. Allerdings muss noch das Oberste Gericht zustimmen, es gibt Klagen. Und ein Gebiet für die Modellstadt muss auch noch gefunden werden. Vor allem an der Karibikküste hält man Ausschau.
Kein erkennbarer Nutzen für die Bevölkerung
Die Menschen dort wurden aber noch gar nicht gefragt. Miriam Miranda gehört zum Volk der Garifuna. Das entstand, als sich einst Ureinwohner und schwarze Sklaven mischten. Die Bürgerrechtlerin mit dem geflochtenen dunklen Haar und dem bunten Kleid befürchtet nicht nur Landraub. Sie bezweifelt, dass die vermeintliche Stadt der Zukunft den Leuten in der Gegend tatsächlich etwas bringt.
"Die Modellstadt verstößt gegen die Souveränität des Landes. Wir kennen solche Landnahmen. Und nie haben sie geholfen, hier die Armut zu bekämpfen. Wem haben denn die Bananenplantagen hier etwas gebracht? Dann haben sie irgendwann Investoren Land überlassen für ihre Billigfabriken. Aber die Menschen in Honduras sind immer noch arm. Und jetzt kommen sie uns mit ihrer Modellstadt“, sagt Miranda.
Manche Kritiker sehen in dem Plan schlicht eine Bankrotterklärung der Regierenden in Honduras. Nach dem Motto: Ein gescheiterter Staat setzt jetzt auf eine Modellstadt. Die Garifuna wollen sich jedenfalls wehren. Sobald Land vergeben wird, um aus der ruhigen Küstengegend an der Karibik die Modellstadt zu machen.
Stand: 09.09.2012 14:39 Uhr
