Neue Studie zum NS-Terror Mehr als 42.000 Orte des Grauens

Stand: 05.03.2013 01:54 Uhr

Die Wissenschaftler am Washingtoner Holocaust Memorial Museum waren selbst entsetzt darüber, was sie bei ihren 13-jährigen Recherchen herausfanden: Statt der bislang angenommenen 7000 gab es in Europa mehr als 42.000 Orte, an denen die Nazis Menschen quälten und töteten. Das Fazit der Forscher: Die Lager seien so allgegenwärtig gewesen, dass die grausame Vernichtungsmaschinerie den Deutschen nicht verborgen geblieben sein könne.

Von Sabine Müller, HR-Hörfunkstudio Washington

Geoffrey Megargee ist ein erfahrener Holocaust-Forscher. Aber was er und seine Kollegen in 13 Jahren zusammengetragen haben, lässt selbst einen abgehärteten Wissenschaftler wie ihn ungläubig zurück.

Im Interview erzählt Megargee, dass er kopfschüttelnd auf die unglaubliche Zahl schaut, die beweist, dass der Vernichtungsapparat der Nationalsozialisten noch viel größer war als bisher bekannt.

US-Forscher legen neue Zahlen zum Holocaust vor
S. Müller, HR Washington
04.03.2013 21:42 Uhr

Download der Audiodatei

Wir bieten dieses Audio in folgenden Formaten zum Download an:

Hinweis: Falls die Audiodatei beim Klicken nicht automatisch gespeichert wird, können Sie mit der rechten Maustaste klicken und "Ziel speichern unter ..." auswählen.

Zwangsarbeit, Folter und Vernichtung

Er hatte damit gerechnet, dass es europaweit etwa 7000 Orte gab, an denen die Nazis und ihre Verbündeten Menschen in Zwangsarbeit quälten, hungern ließen und umbrachten. Doch es waren mindestens 42.500 -  darunter 30.000 Arbeitslager, mehr als 1100 jüdische Ghettos, fast 1000 Konzentrationslager und 500 Bordelle, in denen Frauen zur Prostitution gezwungen wurden.

Deutsche SS-Soldaten führen 1943 polnische Juden aus dem Warschauer Ghetto ab. (Bildquelle: dapd)
galerie

Deutsche SS-Soldaten führen 1943 polnische Juden aus dem Warschauer Ghetto ab.

Megargees Kollege, Martin Dean, nennt Hamburg und Berlin als Beispiele dafür, dass es in vielen deutschen Städten Hunderte oder Tausende solcher Schreckensorte gab.

Die Forscher vom Holocaust Memorial Museum in Washington schätzen, dass insgesamt 15 bis 20 Millionen Menschen Opfer dieser Nazi-Maschinerie wurden - viele von ihnen überlebten sie nicht.

Megargee, Dean und ihr Team haben für die Studie Unmengen an Material zusammengetragen und ausgewertet, darunter Interviews mit mehr als 400 Holocaust-Überlebenden sowie Untersuchungen aus mindestens einem Dutzend Ländern.

Orte des Leidens - jenseits von Auschwitz

Aus all dem ergibt sich zum ersten Mal ein umfassendes Gesamtbild, das beweist, dass es jenseits von Auschwitz und den anderen berüchtigten Konzentrationslagern, jenseits der großen jüdischen Ghettos wie dem in Warschau Abertausende andere Orte des Leidens gab.

"Sie waren überall", sagt Dean und sein Kollege Megargee fügt hinzu, spätestens jetzt sei völlig klar, dass die Ausrede vieler Deutscher, sie hätten nichts von all dem gewusst, eine Lüge sei.

Chance für Überlebende auf Entschädigung

Es war unmöglich, nichts mitbekommen, so Megargee. Neben den wissenschaftlichen Erkenntnissen könnte die neue Studie auch ganz praktischen Nutzen haben. Sie könnte den wenigen Holocaust-Überlebenden, die es noch gibt, helfen, ihre Ansprüche auf Entschädigung geltend zu machen. Denn bisher scheiterte das manchmal daran, dass der Ort ihres Leidens niemandem bekannt und nicht dokumentiert war.

Das dürfte sich jetzt geändert haben. Megargee geht davon aus, dass die Liste der Lagerorte ziemlich vollständig ist und die Zahl allenfalls noch geringfügig ansteigen wird.

Dieser Beitrag lief am 5. März 2013 um 05:38 Uhr im Deutschlandradio Kultur.

Darstellung: