Deutsch-italienisches Forschungsprojekt Kommission legt Bericht zu NS-Verbrechen in Italien vor

Stand: 19.12.2012 09:37 Uhr

Als aus den Ex-Verbündeten Italien und Deutschland im Zweiten Weltkrieg Feinde wurden, gingen Wehrmacht und SS brutal gegen Italiener vor. Nach einem Streit um Entschädigungen wurde eine gemeinsame Historikerkommission eingesetzt. Jetzt liegt der Abschlussbericht vor.

Von Tilmann Kleinjung, ARD-Hörfunkstudio Rom

Friedhof Casaglia bei Marzabotto | Bildquelle: AP
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Der Friedhof Casaglia bei Marzabotto: Hunderte von Opfern der NS-Massaker sind hier begraben.

Der Bericht der deutsch-italienischen Historikerkommission wird alte Wunden aufreißen. Im Anhang werden 5000 Fälle dokumentiert, in denen es zu Übergriffen von deutschen Truppen kam: Plünderungen, Vergewaltigungen und Morde.

Elide Ruggeri hat am 29. September 1944 in Marzabotto, in den Bergen südlich von Bologna, ein Massaker von deutschen SS- und Wehrmachtssoldaten wie durch ein Wunder überlebt: "Ich war dort, und dann kam einer von der SS, der ein Mädchen tötete, deren Kopf zertrümmert war und die nur noch jammerte. Er gab ihr einen Schlag und ich dachte, der nächste ist für mich. Er fixierte mich mit seinen Blicken und dann sagte er: 'Niente kaputt' - das heißt, er würde mich nicht töten." 

Eine Spur der Verwüstung

Marzabotto hat eine Vorgeschichte. Und die beginnt am 8. September 1943. Als Italien das Bündnis mit Hitler-Deutschland aufkündigte, wurden aus Freunden Feinde. Von einem Tag auf den anderen waren die deutschen Streitkräfte im Land Besatzungstruppen und hinterließen bei ihrem Rückzug nach Norden eine Spur der Verwüstung. "Das war schon eine begrenzte Zahl von Einheiten, die dafür umso grausamer vorgegangen ist", sagt Wolfgang Schieder, Professor für Zeitgeschichte und stellvertretender Vorsitzender der deutsch-italienischen Historikerkommission. Diese hat im Auftrag der beiden Regierungen dreieinhalb Jahre lang die blutige Geschichte der letzten Kriegsjahre in Italien erforscht. Dabei ging sie von den Erfahrungen der Betroffenen aus, von Opfern und Tätern.

Viele Mythen wurden widerlegt

Gruppe deutscher Soldaten in einer Verteidigungsstellung bei Cassino (1944) | Bildquelle: picture alliance / akg-images
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Gruppe deutscher Soldaten in einer Verteidigungsstellung bei Cassino im Jahr 1944

Dieser Blick auf die deutsch-italienische Geschichte ergibt ein differenziertes Bild und widerlegt auch Mythen, wie zum Beispiel den, dass Italien seit 1943 geschlossen in der "Resistenza" war, im Widerstand gegen Hitler. Die deutschen Truppen wurden bei ihren Aktionen gegen die Zivilbevölkerung immer wieder auch von italienischen Faschisten und Anhängern Mussolinis unterstützt. "Das Problem der Kollaboration muss intensiver erforscht werden. Dann ergeben sich ganz andere Aspekte, als wenn man das aus einer reinen Widerstandsperspektive sieht", sagt Schieder.

Die Historikerkommission wurde ins Leben gerufen, nachdem das Oberste Gericht in Italien 2008 die Bundesrepublik Deutschland zu einer Schadenersatzzahlung verurteilt hatte und dafür auch deutschen Besitz in Italien beschlagnahmen wollte. Juristisch ist der Fall geklärt. Der Internationale Gerichtshof in Den Haag hat die Ansprüche gegen Deutschland zurückgewiesen: Kein Staat kann einen anderen in Haftung nehmen.

"Das ist mein Erbe"

Für die Opfer und ihre Angehörigen in Italien ist das unbefriedigend. 1830 Menschen sollen allein bei dem Massaker von Marzabotto umgebracht worden sein, fast ausschließlich Zivilisten. Gianluca Lucarini, der der Präsident der Opfervereinigung von Marzabotto, sagt: "Das ist mein Erbe, ein sehr schwieriger Teil meines Lebens. Denn mein Vater hat mit 18 Jahren seine Eltern verloren, und natürlich hat er den Schmerz darüber in die Familie gebracht, die er dann gegründet hat. Sein Leben war nicht so einfach. Damals gab es niemanden, der dabei half, das Leben in die Hand zu nehmen und zu verstehen, was passiert war."

Was passiert war - das wird der Bericht der Historikerkommission nun aufklären. Für den Vater von Lucarini und die allermeisten Opfer kommt dieser Bericht allerdings viel zu spät.

Dieser Beitrag lief am 19. Dezember 2012 um 07:15 Uhr auf SR2.

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