Atombombenabwurf über Hiroschima

Atombombe über Hiroshima Einsteins und Belgiens Schuldgefühl

Stand: 06.08.2017 01:57 Uhr

Sie ist heller als 1000 Sonnen und lässt Menschen bei lebendigem Leib verdampfen: Vor 72 Jahren explodiert über Hiroshima die erste Atombombe der Kriegsgeschichte. Bei ihrer Entwicklung spielten Belgien und Albert Einstein eine entscheidende Rolle.

Von Ralph Sina, ARD-Studio Brüssel

Es ist der 6. August 1945, 8.16 Uhr morgens. Über Hiroshima detoniert die erste Atombombe der Kriegsgeschichte. Ihr Name: "Little Boy". Der "Kleine Junge" tötet auf der Stelle fast 100.000 Menschen.

Gedächtnishalle
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Die Gedächtnishalle von Hiroshima erinnert mit Fotos an die Opfer des Atombombenabwurfs

Das Uran 235 der Bombe kommt aus der damaligen belgischen Kolonie Kongo - aus dem bleischweren gelben Gestein der Uran-Mine von Shinkolobwe in der Katanga-Provinz, der Rohstoff-Schatzkammer des belgischen Kolonialkonzerns Union Minière du Haut Katanga. Unter größter Geheimhaltung transportiert der damalige belgische Minendirektor Edgar Sengier bereits 1940 die gesamte Uran-Ausbeute von drei Jahren in die USA. Auf zwanzig Schiffe lässt er im Hafen von Matadi die schwach strahlende Fracht verteilen, damit zumindest ein Teil des kriegswichtigen Rohstoffs die Vereinigten Staaten erreicht.

Uran vor Hitler in Sicherheit bringen

1200 Tonnen Uran aus den Erzminen des Kongo lagert der Minendirektor zunächst im Hafen von New York ein: atomwaffenfähiges Uran von höchster Qualität, wie es weder in den USA noch in Kanada zu finden war. Sengier ahnte bereits zu Beginn des Zweiten Weltkrieges, dass das Kongo-Uran waffenrelevant werden könnte. Schließlich war Otto Hahn bereits Ende 1938 der Versuch einer Kernspaltung gelungen. Physiker auf der ganzen Welt diskutierten deren waffentechnische Nutzung.

Den belgischen Minendirektor treibt die Angst um, dass Hitler die Welt in ein atomares Inferno verwandeln könnte, wenn dessen Afrika-Feldmarschall Erwin Rommel von Ägypten aus den Kongo-Rohstoff erbeuten würde. Mit Rückendeckung der belgischen Königin lässt Sengier deshalb 1940 die belgische Mine vorsichtshalber fluten. Elisabeth genehmigt auch den Uran-Transport in die USA.

Gedenken in Hiroshima | Bildquelle: AP
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Um 8.15 Uhr Ortszeit hielt Hiroshima heute inne. Mit einer Schweigeminute wurde der Opfer des Atombombenabwurfs gedacht. "Diese Hölle ist keine Sache der Vergangenheit", sagte der Bürgermeister der Stadt, Kazumi Matsui. "Solange Nuklearwaffen existieren und Politiker mit deren Gebrauch drohen, könnte der Horror in jedem Moment in unsere Gegenwart treten."

Elisabeth, Einstein und Geigen

Die Königin ist seit Jahren eine enge Vertraute des Physikers und Nobelpreisträgers Albert Einstein. In Brüssel hatten sich die Königin und der Nobelpreisträger kennengelernt. Am Rande einer Konferenz entdeckten sie ihre gemeinsame Liebe zur Geige. Und 1933, als die Königin Einstein vor den Nazis an der belgischen Nordseeküste versteckte, gaben sie sogar gemeinsam ein Violinkonzert im Kurhaus von Ostende.

Das Geigenduo hielt engen Briefkontakt, nachdem Einstein im September 1933 von Belgien aus über England in die USA emigrierte. Durch die Briefe der Königin wusste der Physiker, dass das belgische Uran nicht mehr im Kongo lag, sondern quasi vor der Haustür des US-Präsidenten Franklin D. Roosevelt, der sich häufig in New York aufhielt.

Einstein müsse auf den US-Präsidenten einwirken, die Kernforschung in den USA zu intensivieren und Hitler beim Bau der Atombombe zuvorzukommen, bedrängen ihn seine amerikanischen Physikerkollegen der Universitäten Princeton und Columbia, Robert Oppenheimer und Leo Szilard. Am 2. August 1939 schreibt Einstein jenen Brief, den er später als seinen "größten Fehler" bezeichnet.

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Atombombenabwurf in Hiroshima 1945

Gedenken Hiroshima

Ein Atompilz über Hiroshima nach dem Abwurf einer Atombombe am 6. August 1945. Die Bombe detonierte um 8.16 Uhr Ortszeit in 580 Metern Höhe über der Innenstadt. | Bildquelle: AFP

Einsteins "größter Fehler"

Der Nobelpreisträger weist den US-Präsidenten eindringlich auf die Möglichkeit einer neuen, extrem zerstörerischen Bombe hin. Hitler-Deutschland verfüge über Uran aus tschechischen Minen, habe den Verkauf gestoppt und experimentiere damit. Einstein fordert Roosevelt auf, sofort die amerikanischen Forschungsarbeiten für den Bau einer atomaren Bombe voranzutreiben.

Belgien sei einer der weltbesten Uranlieferanten, schreibt der Physiker. Wenig später informiert er mit Hilfe des belgischen Botschafters den US-Präsidenten, dass ein Teil des belgischen Kongo-Urans bereits im Hafen von New York liegt - dank der weitsichtigen Initiative des belgischen Minendirektors Sengier, an dessen Bürotür kurze Zeit später US-General Nichols anklopft.

"Ich habe gehört, Du bist im Besitz von Uran", so habe er die Verhandlungen mit dem Belgier Sengier begonnen, erinnert sich Roosevelts Rohstoffbeschaffer Kenneth Nichols Jahre später in einem Interview: "Lass uns einen Deal machen". Kurze Zeit später ist der amerikanisch-belgische Vor-Vertrag perfekt. Er habe zunächst die Kaufoption und später das Uran bekommen, so günstig wie später niemand mehr, freut sich der Unterhändler des US-Präsidenten in einem Gespräch mit dem US-Journalisten Stephane Groueff.

Gedenken an Atombombenabwurfe von Hiroshima
tagesschau 20:00 Uhr

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Die Folgen des Uran-Deals

Insgesamt lieferte Belgien 4200 Tonnen Natur-Uran an die US-Armee - mit einem hohen Anteil an Uran 235, ohne das der schnelle Bau der verheerenden Hiroshima-Bombe den Amerikanern nicht möglich gewesen wäre. 2,5 Milliarden US-Dollar kassiert Belgien von den USA für den Kongo-Rohstoff. Außerdem bekommt das Königreich Zugang zu amerikanischer Nukleartechnolgie. Belgien baut mit dem Geld zunächst einen Atom-Forschungsreaktor in der Hauptstadt des Kongo. Und die Amerikaner festigen die belgische Kolonialherrschaft, indem sie im Kongo den Bau zweier großer Militärflughäfen unterstützen.

Der US-Regierung ist durch den Uran-Deal mit Belgien plötzlich klar geworden, wie wichtig das Rohstoff-Eldorado Kongo für die Aufrüstung im Kalten Krieg ist - und vor allem die Minen von Shinkolobwe, der damals hochwertigsten Uranmine der Welt. Erst als mit dem Fall der Mauer auch der Kalte Krieg endet, lässt das Interesse der Amerikaner an den Machtverhältnissen in Kinshasa und in der kongolesischen Katanga-Provinz schlagartig nach.

Der Hiroshima-Deal beeinflusst auch die belgische Nachkriegsgeschichte bis heute: Ein Teil der Uran-Dollar floss später in das Kernforschungszentrum im flämischen Mol und in den Aufbau der heutigen Schrottreaktoren in Doel und Tihange.

Schuldgefühle

Einstein hat diese Spätfolgen des Uran-Deals nicht mehr erlebt. Bis zu seinem Tod 1955 verfolgt den jüdischen Pazifisten das Wissen, dass er den Uran-Kaufvertrag mit ermöglichte. Unter schweren Schuldgefühlen litt auch die belgische Königin. Rastlos reiste Elisabeth selbst mit über 80 Jahren zu Mao und Breschnjew und beschwor die Atommächte, niemals die Bombe einzusetzen.

"Ja, ich habe auf den Knopf gedrückt", sagte Einstein kurz vor seinem Tod und fügte hinzu: "Der Krieg ist gewonnen, aber nicht der Friede. Ohne einen radikalen Mentalitätswandel wird unsere Zivilisation dem Untergang geweiht sein."

6. August: Hiroshima, Belgien und Einstein
Ralph Sina, ARD Brüssel
05.08.2017 12:25 Uhr

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Über dieses Thema berichtete NDR Info am 06. August 2017 um 06:00 Uhr.

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