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Serie "Highway to Hell" - Teil 3
Der Salang-Pass - Höllentrip durch den Hindukusch
Staus, Raserei, Verkehrschaos - das gibt es mittlerweile überall auf der Welt. Auf einigen Straßen ist es allerdings besonders gefährlich zu fahren. Die ARD-Hörfunkkorrespondenten erzählen in einer Serie vom "Highway to Hell" in ihrem Berichtsgebiet.
Wer mit dem Auto von Nord-Afghanistan in den Süden will oder umgekehrt, kommt um den Salang-Pass nicht herum. Auch NATO-Nachschub-Trucks müssen diese Route nehmen. Doch die Straße ist lebensgefährlich - nicht nur weil die Gefahr besteht, von Taliban gestoppt zu werden.
Von Kai Küstner, ARD-Hörfunkstudio Südasien
Viele Lastwagen-Fahrer nennen sie das "Eingangstor zur Hölle" - die Öffnung, die den Beginn des Salang-Tunnels bildet. Denn jeder, der sie je passiert hat, weiß, dahinter wartet das Grauen. Es kommt einem so vor, als würde man direkt in den Schlund eines gewaltigen Monsters hineinfahren, dem man danach völlig ausgeliefert ist.
"Es fühlt sich so an, als gebe es überhaupt keinen Sauerstoff im Tunnel. Es ist staubig, eine asphaltierte Straße gibt es nicht. Es könnte sein, dass ich darin eines Tages sterbe, weil man einfach keine Luft kriegt", sagt Trucker Mohammad Bashir, ein erfahrener Lastwagen-Fahrer, der jede Tunnel-Tücke seit Jahren kennt.
Diesmal transportiert er Benzin für die NATO-Truppen. Eine an sich schon gefährliche Fracht. Aber damit muss er nun auch noch durch diese elende Röhre: "Es gibt da Schlaglöcher, einige davon sind 40 bis 50 Zentimeter tief. Und du kannst absolut nichts sehen, so viel Dreck und Smog ist da drin."
Der Salang-Tunnel - Höllentrip durch den Hindukusch
K. Küstner, ARD Neu-Delhi
02.08.2012 02:42 Uhr
Stillstand kann den Tod bedeuten
Wer immer sich in die Innereien des Berges begibt, hofft, unversehrt und möglichst schnell wieder herauszukommen. Eine Illusion, denn der Verkehr in der Röhre - natürlich gibt es nur eine - kriecht bestenfalls. Die Straße mag einst asphaltiert gewesen sein, doch heute ist sie eine holprige, dreckige, stellenweise matschige Piste.
Wenn die Trucks die Löcher um- oder durchfahren, legen sie sich oft bedrohlich auf die Seite. Kippt ein Lastwagen aber im 2,6 Kilometer langen Tunnel ganz um oder bleibt mit seiner Fracht an der Wand gequetscht hängen, wird es besonders gefährlich.
Denn dann kommt alles zum Stillstand, erinnert sich mit Grauen Taxi-Fahrer Abdul Fatah Amiri: "Vor ein paar Jahren ist mir das mal passiert. Wir steckten etwa 90 Minuten mitten im Tunnel fest. Ich sah damals, wie ein Baby in den Armen seiner Mutter starb. Vielleicht, weil es nicht mehr atmen konnte. Ich weiß es nicht. Ich sah, wie die Frau weinte und schrie und versuchte zu helfen. Die Frau aber sagte mir, ihr Kind sei bereits tot."
Eine der höchsten Pass-Straßen der Welt
In 3400 Metern Höhe durchschneidet der Salang-Tunnel die Hindukusch-Berge. Ist damit eine der höchsten Pass-Straßen der Welt. Hier ist die Luft ohnehin schon dünn. Im Tunnel ist sie zum Ersticken. Erst schlängelt sich die Straße auf beiden Seiten in Serpentinen die Berge hoch. Dann wird sie - im Tunnel selbst - im Wortsinn zum Eng-Pass.
Selbst der Mann, der für die Instandhaltung der Straße zuständig ist und diese wie kein zweiter kennt, meint: Jeder, der hier durchfahre, komme dem Tod ein ganzes Stück näher.
In den 1980er-Jahren, erinnert sich Mohammad Radschab, seien hier auf einen Schlag fast 1000 Sowjet-Soldaten und Afghanen erstickt, als ein Militär-Konvoi im Tunnel in der Falle saß. Als die Bergdurchbohrung Mitte der 1960er-Jahre von der Sowjetunion fertig gestellt wurde, sei der Tunnel für 1000 Fahrzeuge pro Tag ausgerichtet gewesen. Als die Pakistani aber bis vor kurzem die NATO-Nachschubrouten geschlossen hielten, seien es mehr als zehnmal so viele gewesen.
"Der Salang-Pass ohne Unfälle, das ist einfach eine wirklichkeitsfremde Vorstellung", sagt Radschab, "das wird immer so bleiben. Es besteht hier oben stets die Gefahr, dass Felsbrocken herabfallen. Es könnten sogar eines Tages ganze Teile des Berges abstürzen. Im Winter gibt es zusätzlich die Gefahr von Schneelawinen."
Niemand kommt um ihn herum
Wie eine "Straße des Schicksals" dürfte der Salang-Pass auf viele wirken. So sehr man ihn verabscheut, man kommt um ihn nicht herum. Zumindest nicht, wenn man aus Afghanistans Norden etwa in die Hauptstadt Kabul will - oder umgekehrt.
Wegen des hohen Verkehrsaufkommens gibt es für die Laster die Vorschrift: An einem Tag darf der Tunnel nur in Richtung Norden durchfahren werden, am nächsten in Richtung Süden. Für einen Trucker kann eine Fahrt wie Kabul-Kundus, die eigentlich nur ein paar Stunden dauern sollte, bis zu zehn Tage in Anspruch nehmen.
Taliban, Räuber und Polizisten
Hinzu kommen auf der Strecke weitere Verkehrshindernisse. Gefährliche und kostspielige, wie der Lastwagenfahrer Hadschi Hadschat berichtet: "Wir müssen eigentlich 24 Stunden am Tag mit Räubern, Taliban oder Polizisten rechnen. 80 bis 90 Prozent unserer Einnahmen können dabei draufgehen. Korrupte Regierungsleute verlangen ständig irgendwo Geld und lassen sich immer neue Vorschriften einfallen."
So stellt sich die Lage in den Sommermonaten dar. Im Winter, so berichten die Fahrer, ist der Weg über den dann oft vereisten und von Lawinen bedrohten Pass noch viel gefährlicher.
Wohl dem, der es in den dunklen Schlund hinein- und heil wieder heraus schafft, meint Trucker Bashir: "Jedes Mal, wenn ich in den Tunnel hineinfahre, bete ich. Wenn ich wieder draußen bin, atme ich die frische Luft ein. Aber solange wir da drin sind, kann nur Gott uns schützen."
Stand: 02.08.2012 08:48 Uhr
