Zur Haupt-Navigation der ARD.
Zum Inhalt.
Am 10. Dezember werden in Stockholm die Nobelpreise verliehen. Die Lesung des Preisträgers für Literatur findet jedoch traditionell schon vorher statt. Herta Müller erzählte darin von ihrer Todesangst unter der rumänischen Diktatur. Schreiben sei für sie der letzte Ausweg gewesen.
Von Albrecht Breitschuh, NDR-Hörfunkstudio Stockholm
[Bildunterschrift: Hielt ein Plädoyer gegen die Grausamkeit von Diktaturen: die designierte Nobelpreisträgerin Herta Müller. ]
"Es gibt zwei Sorten Schriftsteller", so der Ständige Sekretär der Schwedischen Akademie, Peter Englung, in seinen einleitenden Worten zu Herta Müllers Nobelvorlesung. "Die einen schreiben, weil sie es können, die anderen, weil sie es müssen. Die einen empfinden Glück dabei, für die anderen hat Schreiben mit Mangel und Wunden zu tun. Für sie erfüllt Schreiben den Zweck der Rehabilitierung und sie wissen, es sind nicht nur wir, die die Worte benutzen, sondern es sind die Worte, die uns benutzen."
Englund musste nicht weiter ausführen, zu welcher Sorte Schriftsteller er Herta Müller rechnet. Das ergab sich aus ihrer Erzählung "Jedes Wort weiß etwas vom Teufelskreis", mit der sie die Besucher im Börsensaal der Schwedischen Akademie in der Stockholmer Altstadt beeindruckte. Scheinbar harmlos fing es an, mit der unverfänglichen Frage 'Hast Du ein Taschentuch?', die ihre Mutter ihr immer gestellt hatte, bevor sie als junges Mädchen das Haus verließ: "Ich hatte jeden Morgen keines, weil ich jeden Morgen auf die Frage wartete. Das Taschentuch war der Beweis, dass die Mutter mich am Morgen behütet. In den späteren Stunden und Dingen des Tages war ich auf mich selbst gestellt. Die Frage 'Hast Du ein Taschentuch?' war eine indirekte Zärtlichkeit."
Die Taschentuch-Metapher zog sich durch die Erzählung Müllers, stand einmal für Liebe und Fürsorge durch die Mutter oder auch als Ordnung schaffendes Utensil in ihrer Familie, in der jeder sein eigenes Taschentuch besaß. Mal stand es für alltägliche Funktionalität, dann wieder als Symbol für Menschlichkeit dort, wo sie kaum noch vermutet wurde: in den Arbeitslagern der stalinistischen Sowjetunion. Müller erinnerte an ihren 2006 verstorbenen Schriftsteller-Freund Oskar Pastior, der nach dem Zweiten Weltkrieg in die Ukraine deportiert wurde und fünf Jahre Lagerinsasse war.
Seine Erlebnisse hat Müller zu ihrem jüngsten Roman "Atemschaukel" verarbeitet. So klopfte der halbverhungerte Pastior während seiner Lagerhaft eines Tages an der Tür einer alten Frau, um etwas Essbares zu erbetteln. Sie gab ihm eine Suppe und als seine Nase tropfte, stellte sie ihm die Frage, die Herta Müller von ihrer Mutter kannte: 'Hast Du auch ein Taschentuch?'
"Ich habe, seitdem ich diese Geschichte kenne, auch eine Frage", so Müller: "Ist 'Hast Du ein Taschentuch?' überall gültig und im Schneeglanz zwischen Frieren und Tauen über die halbe Welt gespannt? Geht sie zwischen Bergen und Steppen über alle Grenzen, bis hinauf in ein riesiges mit Straf- und Arbeitslagern übersätes Imperium? Ist die Frage 'Hast Du ein Taschentuch?' nicht einmal mit Hammer und Sichel, nicht einmal im Stalinismus der Umerziehung durch die vielen Lager totzukriegen?"
[Hinweis: Sie benötigen das Flash-Plugin und aktiviertes Javascript um das Video zu sehen.]
Kann es sein, fragt Müller am Ende ihrer Erzählung, dass gerade die kleinsten Gegenstände wie etwa ein Taschentuch es sind, die Dinge im Leben zusammenfügen, die nicht zusammen zu passen scheinen? "Man kann es glauben", fährt sie fort, "aber nicht sagen". Und was man nicht sagen kann, darüber solle man nicht etwa schweigen, wie Wittgenstein empfohlen hat, sondern darüber könne man schreiben.
Das Geschehene, auch ihre eigenen Erfahrungen im Rumänien Ceaucescus, sei im Reden nicht mehr zu artikulieren gewesen, dieses konnte sie nur noch im Kopf stumm buchstabieren: "Wenn uns der Mund verboten wird, versuchen wir uns durch Gesten, sogar durch Gegenstände zu behaupten. Sie sind schwer zu deuten, bleiben eine Zeitlang unverdächtig. So können sie uns helfen, die Erniedrigung in eine Würde umzukrempeln, die eine Zeit lang unverdächtig bleibt."
[Hinweis: Sie benötigen das Flash-Plugin und aktiviertes Javascript um das Video zu sehen.]
Kurz bevor Herta Müller aus Rumänien emigrierte, wurde ihre Mutter von der Polizei vernommen. Man ließ sie zunächst einen Tag lang in einem Büro warten, allein. Die alte Frau weinte zunächst, und begann nach einiger Zeit mit ihrem Taschentuch das verdreckte Büro zu putzen. Nachdem die Empörung über das Handeln ihrer Mutter verklungen war, so Müller, wurde ihr klar, dass sie sich durch die freiwillige Erniedrigung Würde im Arrest verschafft habe: "Ich wünsche mir, ich könnte einen Satz sagen, für alle, denen man in Diktaturen alle Tage, bis heute, die Würde nimmt - und sei es ein Satz mit dem Wort 'Taschentuch'. Und sei es die Frage: 'Habt ihr ein Taschentuch?' Kann es sein, dass die Frage nach dem Taschentuch seit jeher gar nicht das Taschentuch meint, sondern die akute Einsamkeit des Menschen?"
Es folgte lang anhaltender Applaus. Die Vorlesungen der Literatur-Nobelpreisträger waren in den letzten Jahren von sehr unterschiedlicher Qualität. Oft kaum geeignet, über die Nobelwoche hinaus Beachtung zu finden. Herta Müllers Erzählung "Jedes Wort weiß etwas vom Teufelskreis" gehört nicht in diese Reihe.
Die Landesrundfunkanstalten der ARD: BR, HR, MDR, NDR, Radio Bremen, RBB, SR, SWR, WDR,
Weitere Einrichtungen und Kooperationen: ARD Digital, ARTE, PHOENIX, 3sat, KI.KA, DLF/ DKultur, DW