Flagge Großbritanniens im Regen | Bildquelle: dpa

Rassismus in Großbritannien Der Hass nach dem Ja zum Brexit

Stand: 30.06.2016 00:22 Uhr

Hassparolen auf Handzetteln, Graffiti-Hetze, rassistische Sprüche: Die britische Polizei hat bestätigt, dass nach dem Referendum vergangene Woche mehr Fälle von Hasskriminalität gemeldet werden. Angst und Unsicherheit machen sich breit.

Von Gabi Biesinger, ARD-Studio London

Der Londoner Radiomoderator James O’Brien dachte, er habe bei seiner Call-In-Sendung schon so ziemlich alles gehört. Bis Karen aus Chester anrief und bitterlich weinte: "Ich kam vor 43 Jahren aus Deutschland nach England und habe jetzt furchtbare Angst. Mein verstorbener Mann war Brite. Am Freitag warfen sie Hundedreck an meine Haustür und Freunde wenden sich ab. Nachbarn wollen mich nicht mehr in ihrer Straße und sagen, ich soll nach Hause gehen. Aber ich kenne überhaupt niemanden in Deutschland."

O’Brien versuchte, Karen zu trösten: "Leute, die uns jetzt zuhören, werden sich gegen solche Angriffe auflehnen. Es wird alles gut."

Deutlich mehr Angriffe

Doch es scheint tatsächlich, als sähen es in Großbritannien nach der Entscheidung für den EU-Austritt manche als legitim an, versteckte Vorurteile und unterschwelligen Rassismus offen äußern zu dürfen. Die britische Polizei bestätigt, dass nach dem Referendum vergangene Woche 57 Prozent mehr Fälle von Hasskriminalität gemeldet wurden als vor einem Monat. Hass lauert nicht nur im Netz, wo es ohnehin viel Hetzpropaganda gibt, sondern es gibt auch mehr direkte Angriffe.

Ein ausländischer Taxifahrer in Ostlondon filmte, wie er beschimpft wurde: "Lern' erstmal richtig Englisch" war noch das Harmloseste. In der Grafschaft Cambridgeshire ermittelt die Polizei, weil Karten mit der Aufschrift "Raus aus der EU - kein polnisches Ungeziefer mehr" auftauchten. Der polnische Botschafter Witold Sobkow erhält jetzt regelmäßig Fotos von diskriminierenden Schmierereien: "Es sind nicht nur Polen, die uns solche Fotos schicken, sondern auch Briten. Und die entschuldigen sich auch gleich und sagen: Ihr habt unsere Solidarität."

Das polnische Kulturzentrum im Londoner Stadtteil Hammersmith wurde am Samstag zum ersten Mal seit 50 Jahren mit fremdenfeindlichen Graffitis beschmiert. Und prompt brachte ein englischer Anwohner Blumen vorbei, um die Polen zu unterstützen.

Ein Union Jack über einem polnischen Geschäft in Großbritannien | Bildquelle: REUTERS
galerie

Brexit- und Remain-Anhänger stehen sich in Großbritannien oft unversöhnlich gegenüber.

Offener Rassismus

Doch der Post-Brexit-Rassismus trifft nicht nur EU-Ausländer, sondern auch Menschen mit anderer Hautfarbe und Religion. In Manchester schrien Jugendliche in der Straßenbahn einen Schwarzen an, er solle nach Hause gehen, sonst werde er deportiert.

Der Rat der Muslime in Großbritannien trug in den vergangenen Tagen mehr als 100 Berichte über Fremdenfeindlichkeit zusammen. Die Pakistanerin Nisha Parti wurde an einem Zebrastreifen von einem Auto geschnitten und der Fahrer beschimpfte sich aus dem offenen Fenster: "Seit meiner Kindheit, seit über 30 Jahren, habe ich diese Beschimpfung nicht mehr gehört."

UKIP-Chef Nigel Farage vor dem Referenum
galerie

Farage hat für den EU-Austritt getrommelt - und gewonnen.

Farage weist jede Mitverantwortung von sich

Der Erzbischof in Canterbury verdammte die rassistischen Angriffe. Politiker übertreffen sich darin, von der Hasswelle Abstand zu nehmen. Selbst Nigel Farage von der Anti-Europa Partei UKIP, der im Referendumswahlkampf Stimmung mit einem Anti-Flüchtlingsplakat machte, weist jede Verantwortung von sich, Hass geschürt zu haben.

Der scheidende Premierminister David Cameron kündigte im Unterhaus an, es werde einen neuen Aktionsplan gegen Hasskriminalität mit besserem Opferschutz sowie mehr Geld für Strafverfolgung geben: "Wir beobachten die Lage, und wir werden alles tun, um diese abscheuliche Kriminalität aus unserem Land zu verbannen."

Der Hass nach dem Brexit – Ausländer raus...
G. Biesinger, ARD London
30.06.2016 00:15 Uhr

Download der Audiodatei

Wir bieten dieses Audio in folgenden Formaten zum Download an:

Hinweis: Falls die Audiodatei beim Klicken nicht automatisch gespeichert wird, können Sie mit der rechten Maustaste klicken und "Ziel speichern unter ..." auswählen.

Darstellung: