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Die Hungerrevolte hat Haiti fast ins Chaos gestürzt. Der Sturz der Regierung konnte die Proteste gegen die hohen Lebensmittelpreise nicht stoppen. Die Entwicklung zeigt, wie der Hunger in armen Ländern die politische Stabilität bedroht.
Von Michael Castritius, ARD-Hörfunkstudio Mexiko
[Bildunterschrift: Die Proteste gegen die hohen Lebensmittelpreise gefährden die politische Stabilität in Haiti. ]
Die explosionsartig gestiegenen Lebensmittelpreise bringen nicht nur hunderttausenden Menschen Hunger. Sie destabilisieren auch sowieso schon wackelige Länder. Der ärmste Staat Amerikas, Haiti, wird seit eineinhalb Wochen von schweren Hungerunruhen erschüttert. Fünf Menschen kamen dabei ums Leben, über 200 wurden verletzt. Jetzt gerät der vor zwei Jahren gewählte Präsident René Préval ins Wanken. Sein Regierungschef wurde mitsamt dem kompletten Kabinett am Wochenende vom Senat gestürzt. Haiti droht der Rückfall in politisches Chaos und Anarchie.
"Ein hungriger Mann ist ein wütender Mann" sagt man in Haiti. Nicht nur wütende Männer, auch wütende Frauen hatte der Hunger vor zehn Tagen zunächst auf die Straße, dann auf die Barrikaden getrieben. Wenn der Reis doppelt so teuer ist, heißt das für die 80 Prozent der armen Haitianer nicht etwa, dass sie jetzt doppelt soviel bezahlen. Sie essen nur noch halb so viel.
[Bildunterschrift: Haitis Premierminister Jacques Edouard Alexis musste nach tagelangen Unruhen sein Amt räumen. ]
Aus den Hunger-Unruhen wurden sehr schnell politische Unruhen. Gegner des Präsidenten griffen seinen Palast an, forderten schon sehr früh den Rücktritt seines Ministerpräsidenten Jacques Edouard Alexis, ohne das eigentlich klar wurde, warum. Die Krise hat zu allererst internationale Gründe: Die Lebensmittel-Preise steigen durch die Konkurrenz der Biosprit-Produktion, durch die höheren Energiekosten, durch Spekulanten und durch die Nachfrage-Explosion von China und Indien.
Dass Haiti andererseits fast alle Grundnahrungsmittel einführen muss und kaum selbst produziert, ist eine Folge der jahrzehnte- oder jahrhundertelangen Ausbeutung von Erde und Menschen, von Diktaturen, Anarchie und politischem Chaos.
Erst in den vergangenen zwei Jahren, nach den Wahlen, haben Präsident, Regierung und UN-Schutztruppe kleine Schritte in Richtung Stabilisierung des Landes zurückgelegt. Diese ersten Erfolge stehen jetzt auf der Kippe. Die 16 oppositionellen Senatoren in der Zweiten Kammer des Parlaments nutzten den Hunger-Aufruhr dafür, die Regierung abzusetzen. Ministerpräsident Alexis muss gehen. Sein politischer Freund, Präsident Préval, ist angeschlagen, aber noch nicht gestürzt. Er versucht, die Haitianer zu beruhigen.
"Bei der weltweiten Krise um die Lebensmittelpreise geht es ganz konkret darum, etwas zu essen zu haben oder nicht. Viele Haitianer können sich nicht mehr genug Reis leisten, deshalb haben wir durchgesetzt, das importierter Reis um 15 Prozent billiger wird", sagte Préval. Der Preis für einen 50-Kilo-Sack Reise falle von 51 auf 43 Dollar. Auf drei Dollar dieser Differenz verzichteten die Importeure, die restlichen fünf Dollar schieße der Staat aus der internationalen Finanzhilfe bei. "Parallel werden wir die lokale Produktion unterstützen, etwa durch Subventionierung von Dünger", versprach Préval.
[Bildunterschrift: Für die UN-Mission in Haiti ist der Sturz der Regierung ein schwerer Rückschlag. ]
"Ungerecht" nannte der Präsident die Entlassung seines Ministerpräsidenten. Ihm bleibt aber nichts anderes übrig, als nach einem Nachfolger zu suchen. Die UN-Schutztruppe in Haiti sieht die Absetzung als "schweren Rückschlag". Schnelle internationale Hilfe braucht Haiti jetzt, um den Hunger und damit die Wut zu bannen. Venezuela will 364 Tonnen Lebensmittel schicken. Brasilien, das den Großteil der UN-Blauhelmsoldaten im Land stellt, hat 14 Tonnen Nahrung zugesagt. Für Ende April ist schon seit längerem eine Internationale Geberkonferenz einberufen. Der Karibikstaat hofft auf 1,3 Milliarden Euro Hilfszusagen.
Weltbank-Geschäftsführerin Ngozi Okonjo-Iweala fordert aber Soforthilfe, und zwar nicht nur für Haiti. "Der Anstieg der Lebensmittelpreise kann uns bei der Armutsbekämpfung um sieben Jahre zurückwerfen. Das ist ziemlich dramatisch, vor allem in den ärmsten Ländern wie Haiti, wo sich die Armen nicht mehr genug zu essen leisten können", sagte sie. Kurzfristig sei es deshalb sehr wichtig, Organisationen wie das UN-Welt-Ernährungsprogramm zu unterstützen, das zusätzliche 500 Millionen Dollar brauche.
Das wäre in erster Linie Hilfe für die darbenden Menschen, könnte aber auch Länder wie Haiti vor dem politischen Abgrund retten. Sonst wäre der Sturz der Regierung Alexis das Fanal für instabile Verhältnisse in vielen armen Ländern, vor allem in Afrika.
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