Seitenueberschrift
Drei Jahre nach verheerendem Erdbeben in Haiti
Der Wiederaufbau kommt nur schleppend voran
Drei Jahre liegt das verheerende Erdbeben in Haiti nun zurück. Zwar hat sich seitdem viel getan, doch der erhoffte Neustart ist dem bitterarmen Land nicht gelungen. Es gibt kaum Jobs, viele Menschen leben noch immer in Notunterkünften - und seit dem Beben gab es neue Katastrophen.
Von Martin Polansky, ARD-Studio Mexiko, Mittelamerika und Karibik
Ein Obdachlosencamp in Port-au-Prince: Holzverschläge, Planen, dazwischen Verkaufsstände und spielende Kinder. Drei Jahre nach dem Erdbeben leben immer noch rund 350.000 Menschen in solchen Lagern. Direkt nach der Katastrophe waren es allerdings fünf Mal so viele.
Einige Camps wurden inzwischen ganz aufgelöst. Die Leute bekommen ein bisschen Geld, wenn sie sich was Neues suchen. "Es ist ja eine gute Idee, dass sie einem 100 oder 200 Dollar geben, wenn man verschwindet", sagt eine Frau, die im Camp lebt. "Aber viel hilft das nicht. Denn es gibt ja nicht genug Häuser, wo man hinziehen könnte."
Zwei von drei Haitianern haben keine feste Arbeit
Ansonsten Alltag in den Straßen von Port-au-Prince. Die sind verstopft, am Wegesrand werden lebende Hühner verkauft, andere Händler versuchen Handy-Kabel an die Leute zu bringen. Zwei von drei Haitianern haben keine feste Arbeit - eines der Hauptprobleme. Und weil viele der Hilfsorganisationen inzwischen abgezogen sind, gibt es auch dort keine Jobs mehr.
Auch drei Jahre nach dem Beben sind die Folgen noch zu spüren
M. Polansky, ARD Mexiko City
12.01.2013 02:47 Uhr
Bauarbeiten in Petionville, dem besten Viertel der Hauptstadt. Der meiste Erdbebenschutt ist längst weg. Jetzt entsteht hier ein Vier-Sterne-Hotel. Vom Massentourismus mag zwar niemand träumen. Aber einige Geschäftsleute kommen ins Land, und die sollen investieren.
"Die Auslands-Haitianer sind unser größter Trumpf"
Stanley Handal baut hier das erste Best Western der Stadt. Er ist überzeugt: Das Land brauche vor allem die Auslands-Haitianer, um aus der Misere zu kommen - die Diaspora in Florida oder Frankreich. "Ich glaube, die Auslands-Haitianer sind unser größter Trumpf. Denn sie haben das Geld. Deshalb müssen wir unser Image ändern, alles tun, um Investitionen zu erleichtern. Es muss sich lohnen", so Handal.
Nur 1000 statt der erwarteten 20.000 Jobs im Industriepark
Dieser Linie versucht auch Präsident Michel Martelly zu folgen. Ausländische Investoren sind erst einmal von Steuern befreit, im Norden des Landes wurde mit US-Hilfe ein großer Industriepark entwickelt. Bisher produziert allerdings nur eine koreanische Firma dort Textilien. Statt der angepeilten 20.000 Arbeitsplätze sind erst mal nur 1000 entstanden. Auch das Wirtschaftswachstum Haitis liegt mit 2,5 Prozent deutlich hinter den Erwartungen.
"Die zweite Ernte in Folge, die ausfällt"
Und dann sind da die immer neuen Katastrophen. Bis jetzt hat die Cholera-Epidemie 7500 Menschenleben gekostet, im Herbst zog der Tropensturm Sandy über Haiti hinweg: Mindestens 70 Tote - und vor allem überschwemmte Felder.
Die Folgen seien noch heute zu spüren, sagt Mario Geiger vom Deutschen Roten Kreuz: "Das ist jetzt die zweite Ernte in Folge die ausfällt. Die vorherige ist durch eine Trockenheit stark in Mitleidenschaft gezogen worden. Und jetzt müssen viele Haitianer auf gekaufte Lebensmittel ausweichen. Die Nahrungsmittel-Preise auf dem Weltmarkt sind sehr hoch zur Zeit. Das greift die Ersparnisse der Menschen schon stark an."
Haiti kommt nicht zur Ruhe. Drei Jahre nach dem Erdbeben sind die anfänglichen Hoffnungen auf einen echten Neustart dahin. Vielen einzelnen konnte zwar geholfen werden, betonen die Hilfsorganisationen. Aber die grundlegende Misere des ärmsten Landes Amerikas bleibt bestehen.
Stand: 12.01.2013 03:07 Uhr
