Wahlplakate in Port-au-Prince | Bildquelle: AFP

Parlamentswahl in Haiti Eine nicht endende Katastrophe

Stand: 09.08.2015 09:44 Uhr

Haiti kämpft mit den Folgen des Erdbebens von 2010. Nun kehren Tausende Haitianer, denen in der Dominikanischen Republik die Abschiebung droht, in ihre Heimat zurück. Vor der heutigen Parlamentswahl trauen nur wenige der Regierung zu, die Probleme zu lösen.

Von Anne-Katrin Mellmann, ARD-Hörfunkstudio Mexiko

Zehntausende haitianisch-stämmige Einwohner der Dominikanischen Republik sind von Abschiebung bedroht. Denn ein neues Gesetz verhindert, dass im Land geborene Kinder von Ausländern automatisch die Staatsbürgerschaft erhalten. Aus Angst vor unangekündigter Abschiebung bei Nacht und Nebel verkaufen viele ihre Habseligkeiten und ziehen ins Nachbarland Haiti.

Einer von ihnen ist der 22-jährige Rafael, der vier Jahre lang auf Zuckerrohrfeldern und Baustellen geschuftet hat. An der Grenze bekommt er den Stempel für Rückkehrer. Mit dabei sind seine Frau und seine sieben Monate alte Tochter.

"Wir gehen, weil wir im Fernsehen gesehen haben, dass die ganze Sache noch gefährlich für uns werden könnte. Meine Familie kommt mit, die kann ich ja nicht einfach hierlassen. Ich gehe lieber!", sagt Rafael.

Sie gehen nach Haiti, in die nicht endende Katastrophe: Schon lange ist es das ärmste Land Amerikas. Bis heute hat es sich zudem nicht vom verheerenden Erdbeben Anfang 2010 erholt. Noch immer leben Zehntausende in Zelten und Notunterkünften. Wie sollen da noch Flüchtlinge oder Deportierte aufgenommen werden? 15.000 sollen bereits ins Land gekommen sein. Das Thema erzeugt große Spannungen in der ohnehin instabilen Situation: Seit Januar gibt es kein Parlament mehr. Präsident Michel Martelly regiert per Dekret.

Ein vom Erdbeben zerstörtes Hotel | Bildquelle: AP
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Auch fünf Jahre nach dem Erdbeben sind viele Schäden noch nicht behoben.

Drei Wahlen in diesem Jahr

Immer wieder gab es in den vergangenen Monaten gewaltsame Proteste gegen die Regierung. Sie möge endlich verschwinden und Platz machen für eine neue. Jahrelang hatte die es nicht geschafft, Wahlen zu organisieren. Jetzt soll alles in diesem Jahr durchgezogen werden: Parlaments-, Präsidenten- und Kommunalwahlen.

Trotz Verspätung ist es noch zu früh, denn es fehlte Zeit, die Wahl an diesem Wochenende gut vorzubereiten. So haben die Wähler erst am Mittwoch erfahren, wo sie ihre Stimme abgeben können. In einem Land, in dem die Hälfte der Menschen nicht lesen und schreiben kann, ist das viel zu spät. Hinzu kommt die hohe Zahl der erst kurzfristig zugelassenen Kandidaten und Parteien: Kaum jemand findet sich in dem Dickicht zurecht.

Häuser im Viertel Jalousie in Port-au-Prince | Bildquelle: AP
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Haiti bleibt ein von Korruption und Misswirtschaft gezeichnetes Land.

Bei der letzten Wahl 2011 gab gerade mal ein Viertel der Wahlberechtigten ihre Stimme ab. Denn die Haitianer vertrauen Politikern nicht. Seit Jahrzehnten regieren Korruption und Misswirtschaft. Oder Politikern mangelt es an Format: Der aktuelle Präsident, der Musiker Martelly, verlor gerade erst zwei Minister seines Kabinetts. Sie traten aus Protest zurück, weil Martelly auf einer Veranstaltung eine Frau sexistisch beleidigt hatte.

Die zweite Runde der Parlamentswahl soll Ende Oktober stattfinden, zeitgleich mit der Wahl eines neuen Präsidenten. Ob es aber dazu kommt, das steht - wie so oft in Haiti - in den Sternen.

Angespannte Lage vor Parlamentswahl in Haiti
A.-K. Mellmann, ARD Mexiko City
09.08.2015 02:30 Uhr

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Dieser Beitrag lief am 08. August 2015 um 08:38 Uhr im Deutschlandfunk.

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