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Haitis Präsident in der Kritik
Der Karnevalskönig und sein Hofstaat
Nach dem schweren Erdbeben ist der Karneval für viele Haitianer eine Chance, ihr alltägliches Elend für ein paar Tage zu vergessen. Denn trotz Milliarden-Hilfe hat sich die Lage der Armen kaum verbessert. Der Präsident hat das Fest sogar zur Chefsache erklärt. Für ihn ist es auch eine Art Imagepflege, denn Korruptionsvorwürfe werden immer lauter.
Von Martin Polansky, ARD-Hörfunkstudio Mexiko City, zzt. Haiti
Die Lieder des Karnevalskönigs werden in diesen Tagen überall in Haiti gespielt. Es sind die Lieder von Präsident Michel Martelly, der als Sänger "Sweet Micky" sehr populär geworden ist - gerade auch wegen seiner Auftritte beim Karneval.
Seit Mai 2011 regiert er das verarmte Land. Das kommt gut drei Jahre nach dem schweren Erdbeben nur schleppend voran, trotz milliardenschwerer internationaler Hilfe. Da kann Martelly gar nichts Besseres passieren als der Karneval, sagt der haitianische Filmemacher Arnold Antonin: "Er ist ein großer Organisator von Spektakeln. Und der Karneval ist für die Haitianer wichtiger als es der Zirkus für die Römer war."
Präsident Martelly erklärt Karneval zur Chefsache
Aber unter der Oberfläche von Haitis Karnevalsgemeinde herrscht Streit und Misstrauen. Denn Martelly hat das Fest praktisch zur Chefsache erklärt. Und ist damit nun erst recht der König im Land.
Auf einem Kreuzfahrtschiff erläuterte er Anfang vergangenen Jahres seinen Plan, dass nun jedes Jahr in einer anderen Stadt ein nationaler Karneval organisiert werden soll, neben den vielen lokalen und oft sehr traditionsreichen Feiern. Er wolle damit den Tourismus ankurbeln. Und davon sollten nach und nach alle profitieren, sagte der Präsident.
Karneval in Haiti - Feiern, um zu vergessen
M. Polansky, ARD Mexiko-Stadt
09.02.2013 14:25 Uhr
Karneval ist in Haiti in großes Geschäft - und Martelly kennt sich da aus. Er war nicht nur Sänger, sondern auch Geschäftsmann mit Zweitwohnsitz in Miami. "Haiti open for business" ist einer seiner Lieblingsslogans.
Ausrichter des nationalen Karnevals ist in diesem Jahr die zweitgrößte Stadt des Landes, Cap Haitien, die an der Nordküste liegt. Nonce Zephir, einer der Chef-Organisatoren der Feier, schwärmt: "So viele Straßen hier wurden für den Karneval neu gemacht oder ausgebessert." Davon werde die Stadt noch lange noch profitieren, sagt Zephir. "Und wenn wir den nationalen Karneval dieses Jahr nicht ausrichten würden, wüsste ich nicht, wie lange wir darauf hätten warten müssen."
Mehr als sechs Milliarden US-Dollar nach dem Erdbeben
Geld ist in Haiti eigentlich vorhanden. Nach UN-Angaben sind seit dem Erdbeben mehr als sechs Milliarden US-Dollar in das Land geflossen. Anfangs vor allem als internationale Katastrophenhilfe, inzwischen für den langfristigen Wiederaufbau. Und weitere Mittel sind zugesagt.
Korruptionsvorwürfe gegen den Präsidenten
Nun geht es darum, wer was abbekommt. Vorwürfe machen die Runde, dass Präsident Martelly Freunde und Bekannte gut mit Aufträgen versorgt, vor allem wenn es um Bauprojekte geht. Wer mitverdienen wolle, müsse sich gut stellen mit dem Präsidenten. Außerdem heißt es, seine Familie habe die Hand auf staatlichen Sozialfonds, verwalte damit weitgehend unkontrolliert Millionenbeträge. Der Karnevalskönig und sein Hofstaat.
Karneval in Haiti
Drei Jahre nach einem verheerenden Erdbeben feiert Haiti wieder Karneval.
Konkrete Belege für Veruntreuung fehlen zwar. Aber auch international ist das Misstrauen gegenüber Martelly gewachsen. Kanada, eines der engagiertesten Länder in der Haiti-Hilfe, verkündete Anfang des Jahres, einen Großteil seiner Hilfsgelder bis auf weiteres einzufrieren. Zu langsam sei der Fortschritt in Haiti, es mangele an Transparenz und Rechenschaft von Seiten der Regierung.
Martellys Open-for-business-Strategie mag zwar einigen genützt haben. Für Haiti insgesamt sind die Ergebnisse bisher aber eher dürftig. Zuletzt ist die Wirtschaft des Landes nur um rund zweieinhalb Prozent gewachsen - deutlich weniger als erwartet.
Kaum Verbesserungen für die Armen in Haiti
Und für viele einfache Haitianer hat sich kaum etwas an der eigenen Misere geändert. Die Mehrheit ist ohne richtigen Job, schlägt sich irgendwie als Straßenverkäufer oder Tagelöhner durch. Gut 300.000 Menschen in der Hauptstadt Port-au-Prince leben immer noch in Obdachlosencamps, wie nach dem Erdbeben vor drei Jahren. "Die Regierung hat nichts erreicht", sagt ein Bewohner eines Camps. Sie wüssten nicht, wann sie hier aus dem Lager rauskommen würden. "Die armen Leute sind immer noch genauso arm wie vorher. Auch wenn einige Reiche noch reicher geworden sind."
Aber jetzt wird gefeiert. Martelly als Dauerschleife. In Cap Haitien wurde ein Sänger, der dem Präsidenten kritisch gegenübersteht, ausgeladen. Die nationale Feier soll nicht gestört werden.
"Nach dem Tanz ist die Trommel umso schwerer"
Filmemacher Arnold Antonin ist sich sicher, dass die Leute trotzdem ihren Spaß haben werden. Der Karneval sei für viele einfach das Größte. Die alten Römer hätten Brot und Spiele geboten. Für Brot würde es zwar nicht unbedingt reichen, aber für eine Feier allemal: "Der Karneval ist die einzige Möglichkeit, sich zu vergnügen. Da kann man dann sein alltägliches Elend vergessen, die Armut, auch den Hunger", sagt Antonin. "Während des Karnevals ist das Land in der Freude vereint. Aber es gilt das haitianische Sprichwort: Nach dem Tanz ist die Trommel umso schwerer."
Stand: 09.02.2013 15:29 Uhr
