Zur Haupt-Navigation der ARD.
Zum Inhalt.

21.11.2009

ARD-Logo

Suche in tagesschau.de

Hauptnavigation
Multimedia
  • VideoLivestream.tagesschau 10:00 Uhr
  • Videotagesschau24.
  • VideoLetzte Sendung.tagesschau 05:14 Uhr
Inhalt
Ausland

Österreich: Der unheimliche Haider-Kult

Posthume Verehrung in Österreich

Der unheimliche Haider-Kult

Seit seinem Tod wird Jörg Haider geradezu kultisch verehrt: Gedenkstätten sollen eingerichtet werden, ein Geschäft wirbt mit seinem Sakko im Schaufenster. Das alles ist nur scheinbar harmlos: Wer sich darüber lustig macht, lebt gefährlich.

Von Andreas Meyer-Feist, ARD-Hörfunkstudio Wien

"Es ist doch nur Satire", wundern sich die Kabarettisten Dirk Stermann und Christoph Grissemann. In ihrer ORF-Sendung "Hallo Österreich" nahmen sie den pompösen Abschied von Jörg Haider aufs Korn und widmeten dem in Kärnten überaus beliebten Rechtsaußen-Politiker, der volltrunken in den Tod raste, viel Raum: "Es geht nit mehr...", schluchzte der eine, "in Kärnten ist die Sonne untergegangen - sollen wir ihnen jetzt Taschenlampen schicken?", feixte der andere in Anspielung auf die Trauerreden in Kärntens Hauptstadt Klagenfurt.

Der österreichische Politiker Jörg Haider (Foto: dpa) Großansicht des Bildes [Bildunterschrift: Ein Populist, der die österreichische Politik über Jahrzehnte prägte: Kärntens Landeshauptmann Jörg Haider im Oktober 2006. ]
Seit ihrem umstrittenen Auftritt werden die beiden Satiriker bedroht und verfolgt. Droh-Mails sind noch das Harmloseste. Ein "Haider-Ehrenretter" lockerte die Radmuttern am Auto ihres Managers. Für ihr böses Kabarett-Stück sollten sie sterben wie Haider - hinterm Steuer. Das Auto schlitterte, der Fahrer konnte aber noch rechtzeitig bremsen. Eine Anzeige wegen Mordversuchs nahm die Polizei nicht an - "es sei ja nichts passiert", bekam das verblüffte Satirikerduo zur Antwort.

Aus Angst vor Übergriffen sagten sie einen lange geplanten Auftritt an der Klagenfurter Universität ab. Und am vergangenen Sonntag brach in ihrer Agentur ein Brand aus - es gab Gerüchte über eine angebliche Brandstiftung.

Bilder:

Jörg Haider starb im Alter von 58 Jahren.  (Foto: REUTERS)
Bilderstrecke Politprofi und Populist Jörg Haider war das höchst umstrittene Gesicht der politischen Rechten Österreichs. [mehr]

"Er war einfach toll"

In Kärnten versteht man keinen Spaß, wenn es um den Tod Haiders geht. Haiders Anhänger trauern ihm nach, versammeln sich an seinem frischen Grab an einer Kapelle im Bärental. Und sie halten Andacht an der Unfallstelle in Laimbichl bei Klagenfurt.

Trauergäste am Sarg von Jörg Haider (Foto: dpa) Großansicht des Bildes [Bildunterschrift: An der Trauerfeier für Jörg Haider nahmen auch Bundeskanzler Gusenbauer und Bundespräsident Fischer teil. ]
"Jörg Haider ist lange genug kritisiert worden", faucht eine Anwohnerin, "früher haben sich viele nicht getraut, sich zu Jörg Haider zu bekennen. Nach seinem Tod ist das anders." Sie wohnt in der Nähe der Ortseinfahrt, dort, wo Haider mit 1,8 Promille und überhöhter Geschwindigkeit ein Tempo-70-Schild ummähte und mit seiner Limousine überschlug. Sie will eine "Haider-Gedenkstätte" am Unfallort einrichten - wenn es sein muss, sogar auf ihrem Privatgrundstück: "Die werden Ostern kommen, Weihnachten kommen, am Todestag kommen. Haider starb wie er lebte. Er war einfach toll". 

An den Kärntner Stammtischen haben Verschwörungstheorien noch immer Hochkonjunktur, auch wenn die Unfallursache längst feststeht und die Staatsanwaltschaft die Akten geschlossen hat. Eine Theorie lautet: Der israelische Geheimdienst hätte "Rache geübt", für Haiders Auftritt vor SS-Veteranen und seine "freundlichen Kommentare" zu Hitlers Beschäftigungspolitik.

Skeptiker gibt es auch - aber sie sind vorsichtig

Diese Eskapaden liegen viele Jahre zurück. Aber für die Haider-Verehrer gehören auch diese dunklen Seiten ihres Idols zum "Mythos Haider", an dem sie eifrig stricken: "Er hat aufgeräumt. Er hat sich nicht den Mund verbieten lassen. Er hat dafür gesorgt, dass es den Kärntnern gutgeht", sagt eine junge Frau aus Klagenfurt. Wer die posthume Haider-Verehrung skeptisch betrachtet, wagt sich mit Kritik nur sehr vorsichtig heraus: "Er hat negative Seiten gehabt. Die werden jetzt unter den Teppich gekehrt", flüstert ein Mann auf der Straße und verschwindet. 

Haiders zertrümmte Limousine (Foto: dpa) Großansicht des Bildes [Bildunterschrift: Haider war stark betrunken, als er den tödlichen Unfall verursachte. ]
Wer den "Mythos Haider" kritisiert, wird eingeschüchtert. Auch der österreichische Schriftsteller Robert Menasse bekommt das zu spüren. Kurz vor seinem Tod nannte er ihn in einem vielbeachteten Essay in der Wiener "Presse" einen "Austrofaschisten". Für viele Österreicher eine weniger schlimme, ja sogar "gute Form" des Faschismus. Die "bösen Seiten" hätten sie auf die Deutschen abgeschoben und ihre eigene Verstrickung nach dem Krieg verdrängt.

Jörg Haider wird in Österreich zur politischen Pop-Ikone - unsterblich. Jede Einzelheit wird gepflegt. In einem Klagenfurter Herrenausstattergeschäft hing bis vor kurzem noch das letzte Sakko von Jörg Haider. Er hatte es vor seinem Unfall bestellt, aber nicht mehr abgeholt: "Vielleicht wird es für einen guten Zweck versteigert",  überlegt die Ladenbesitzerin. Das Sakko wird noch gebraucht - ein neues Detail in Kärntens unheimlichem Haider-Kult.

Stand: 17.11.2008 17:58 Uhr
 

© tagesschau.de

tagesschau.de ist für den Inhalt externer Links nicht verantwortlich.

Die Landesrundfunkanstalten der ARD: BR, HR, MDR, NDR, Radio Bremen, RBB, SR, SWR, WDR,
Weitere Einrichtungen und Kooperationen: ARD Digital, ARTE, PHOENIX, 3sat, KI.KA, DLF/ DKultur, DW