The Guardian | Bildquelle: dpa

Britische Behörden setzen "Guardian" unter Druck "Wir wollen das Snowden-Material"

Stand: 20.08.2013 13:41 Uhr

Monatelang hat die britische Regierung wegen der Snowden-Berichterstattung Druck auf den "Guardian" ausgeübt - vernichtete schließlich sogar Dokumente der Zeitung. Der "Guardian" enthüllte nun den Vorfall - und bringt die Regierung in Bedrängnis.

Von Barbara Wesel, ARD-Hörfunkstudio London

Nach dem Vorfall vom Wochenende, wo der Lebenspartner des "Guardian"-Journalisten Glenn Greenwald in Heathrow festgehalten und verhört worden war, schlägt die britische Zeitung jetzt zurück und plaudert aus dem Nähkästchen. Und die Enthüllung ist für die Regierung in London mehr als peinlich.

Chefredakteur Alan Rusbridger berichtet in schönem Understatement von "einem der bizarrsten Momente in der Geschichte seines Blattes": Vor zwei Monaten erschien ein hoher Regierungsvertreter in seinem Büro, so berichtet er, und forderte ihn in scharfem Ton auf, die Snowden-Unterlagen, an denen man gerade arbeitete, zurück zu geben oder zu zerstören. Der Mann erklärte, er vertrete die Ansichten des Premierministers.

Vor einem Monat dann habe erneut ein Regierungsvertreter angerufen: "Ihr hattet euren Spaß, wir wollen das Snowden-Material zurück." Darauf folgten weitere Treffen mit sinistren Behördenvertretern, immer mit der gleichen Forderung.

Schließlich habe Rusbridger gefragt: "Würdet ihr versuchen, die Zeitung durch Gerichtsbeschluss schließen zu lassen?" Die Antwort hieß - Ja, das sei die Absicht. Man sei an dem Punkt, wo man Veröffentlichungen im vorab verhindern wolle.

Frank Jahn, ARD London, zum vernichteten Informationsmaterial des Guardian
tagesschau 14:00 Uhr, 20.08.2013

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Darauf, so berichtet der Chefredakteur weiter, sei er nach den Erfahrungen mit WikiLeaks vorbereitet gewesen. Er habe den Beamten darauf hingewiesen, dass man über die USA weiter veröffentlichen könne, wo die journalistische Freiheit durch die Verfassung geschützt sei. Man müsse ja nicht von London aus berichten.

Das jedoch habe die Abgesandten der Regierung nicht weiter beeindruckt. Mit zwei sogenannten Sicherheitsexperten der britischen Abhör- und Überwachungszentrale GCHQ stieg Rusbridger in den Keller der Zeitung und sah zu, wie im Computerraum Festplatten zerstört wurden. "Jetzt können wir die schwarzen Hubschrauber abberufen", soll einer noch gewitzelt haben, als er die Reste eines zerstörten MacBook einsammelte. Ein Fall von wirklich schwarzem britischem Humor.

Guardian berichtet von Eingriff der Regierung
B. Wesel, ARD London
20.08.2013 11:11 Uhr

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Henry Porter, Kommentator des "Observer", der Sonntagszeitung aus dem Hause Guardian sagt zu der Geschichte, die Zeitung sei "unter enormen Druck geraten". Aber so sei der Journalismus in diesen Tagen. Er entwickele sich zu einem "sehr harten Beruf in diesem Zeitalter der totalen Überwachung". Der Staat habe so viele Eingriffsmöglichkeiten und könne Menschen überwachen und Kommunikation einfach abfangen.   

David Miranda (links) und Glenn Greenwald | Bildquelle: AFP
galerie

Glenn Greenwald (rechts) holte David Miranda auf dem Flughafen von Rio ab. Dieser sagte, die brasilianische Regierung müsse wegen seines Verhörs etwas unternehmen.

Chefredakteur Rusbridger nennt die Drohveranstaltung im Keller seiner Zeitung ein besonders sinnloses Stückchen Symbolismus. Der Chefredakteur hatte offenbar längst verstanden, dass die Regierung seines Landes vor nichts zurückschrecken würde und sich entsprechend abgesichert.

Er könne schon verstehen, warum das GCHQ die Daten zerstören wollte - "aber das ist natürlich lächerlich im Zeitalter der schnellen digitalen Kommunikation", sagt sein Kollege Porter.

Man werde weiter anhand der Snowden-Dokumente berichten, so die Schlussfolgerung des Chefredakteurs aus den Ereignissen, aber man werde es nicht mehr von London aus tun. Und, so warnt er: "Wir sind noch nicht an dem Punkt, wo journalistische Quellen nicht mehr geschützt sind - aber auf dem Weg dahin." Jedermann hinterlasse dieser Tage zu viele digitale Spuren. Auf jeden Fall aber wüssten jetzt alle Reporter auf Reisen, dass man den Transitraum von Heathrow meiden müsse.

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