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20.03.2010

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Guantanamo
Guantánamo: Ein Trip in die Vorzeigehölle
US-Gefangenenlager Guantánamo

Ein Trip in die Vorzeigehölle

Wer sich kooperativ verhält, darf weiß tragen. Wer renitent ist, wird in den berüchtigten orangefarbenen Overall gesteckt. Das hat sich auch unter der Obama-Regierung im Gefangenenlager Guantánamo nicht geändert.

Von Hanni Hüsch, ARD-Studio Washington

Blick auf das Filmteam durch die Gitterstäbe Großansicht des Bildes [Bildunterschrift: Das ARD-Team im Innenhof von Camp 6 - immer mit dabei: vier Soldaten. ]
Die kleine Propellermaschine dreht noch eine letzte Runde über die karibische See, ehe sie Kurs auf die Landebahn von Guantánamo Bay nimmt. An Bord sind wir von der ARD und zwei Anwälte, die ihren russischen Mandanten treffen wollen. Er werde in Camp 4 gefangen gehalten, erfahren wir noch von ihnen - ehe wir von unserer Eskorte in Empfang genommen werden. Zwei Tage wird sie keinen Schritt von unserer Seite weichen. Vier Soldaten mit acht Augen, denen nichts entgeht, und die uns sogar an die Toilettentür begleiten.

Guantánamo ist Hochsicherheitszone. Was wir sehen dürfen, ist bis ins Detail festgelegt. Was wir hören sollen auch. Was die Welt nicht sehen darf, wird jeden Abend von unseren Kassetten gelöscht: sicherheitsrelevante Installationen, das kleine Elektrizitätswerk, nicht besetzte Wachtürme, die Gesichter der Gefangenen.

Museumsführung mit lebendigen Gefangenen

ARD-Reporterin Hanni Hüsch interviewt einen Soldaten. Großansicht des Bildes [Bildunterschrift: Hanni Hüsch im Gespräch mit dem Verantwortlichen für Camp 4 ]
Es mutet wie eine Museumsführung an, was wir dann erleben.  Zunächst besuchen wir Camp 4, von Zäunen und Stacheldraht umgeben, nur einen Steinwurf von der Felsküste entfernt. Das blaue Meer sehen die Gefangenen nicht. Dafür werfen wir in einen Blick in die Vorzeige-Zelle. Fein säuberlich und exemplarisch wird aufgebahrt, was der Gefangene in Camp 4 sein Eigen nennen darf: einen Koran, einen kleinen Gebetsteppich, eine Zahnbürste und ein Sudokuspiel. Die Gefangenen tragen hier weiße Kleidung. Das weist sie als "kooperativ" aus. Will heißen: Sie machen keinen Ärger und haben deswegen Anrecht auf Ausgang im Innenhof und fünf Bücher pro Woche.

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"Krieg und Frieden" auf arabisch

Natürlich zeigen uns unsere Führer auch die Bibliothek mit ihren 40.000 Exemplaren: "Krieg und Frieden" auf arabisch, "Harry Potter“ auf deutsch. Vielleicht für Murat Kurnaz, den Bremer, der hier fünf Jahre unschuldig einen Leben hinter Gittern und auf nicht mal fünf Quadratmetern fristen musste?

Überhaupt würden wir gerne mit den Gefangenen sprechen, deren Unschuld längst geklärt ist, und die die Amerikaner dennoch weiter gefangen halten, weil sie nicht wissen, wohin mit ihnen. Aber deren Lager ist tabu für Journalisten. Stattdessen ist der Blick in die Lager 5 und 6 vorgesehen: Hochsicherheitsverwahrung, neu gebaut. 

23 Stunden am Tag isoliert 

Zelle in Camp 5 (Foto: ARD Washington) Großansicht des Bildes [Bildunterschrift: Camp 5: Wer gegen die Regeln verstößt verbringt seine Zeit in dieser Zelle ohne Fenster. ]
Wir werden Zeuge einer Englischstunde in Fußfesseln. Die Wachen tragen Plexiglas-Gesichtsschutz. Es komme immer mal wieder vor, dass sie von den Gefangenen mit Exkrementen und anderen Körperflüssigkeiten beworfen würden, erzählt der Diensthabende. Jenseits der Gitter liegt die Gefechtsausrüstung bereit, Helm, Brustpanzer, wohl auch Pfefferspray. Im 15 Quadratmeter großen "Erholungskäfig" dreht ein bärtiger Mann seine Mini-Runden. Seine Anstaltskleidung ist orange – das bedeutet "non-compliant", dauer-renitent. 23 Stunden am Tag verbringt er in seiner knapp fünf Quadratmeter großen Zelle.

Von Folter will der Offizier nichts wissen

Verhörzelle in Guantanamo und Fußfesseln Großansicht des Bildes [Bildunterschrift: Folter-Verhöre gäbe es nicht, versichert der stellvertretende Kommandant. ]
14 der derzeit noch 241 Guantánamo-Gefangenen gelten als "high value"-Insassen: Al-Kaida-Kämpfer mit Kenntnis der Terrorstrukturen und die Köpfe der Anschläge vom 11. September 2001. Sie sind in einem Geheimgefängnis untergebracht. Zumindest einige von ihnen wurden gefoltert, um ihnen Wissen über Osama Bin Laden und Al Kaida zu entlocken.

Nein, es gäbe kein Waterboarding, keinen systematischen Schlafentzug, keine Prügel, keine Isolationshaft, versichert der Stellvertreter des Kommandanten. Er könne sich nicht vorstellen, dass das hier passiert sei. Die Memos der Bush-Administration zu CIA-Verhörmethoden und Gefangenenaussagen beschreiben eine andere Wahrheit.

Großansicht des Bildes [Bildunterschrift: Innenhof in Camp 4]
Großansicht des Bildes [Bildunterschrift: Zellentüren im Hochsicherheitstrakt]
 

Camp Iguana: Unschuldige ohne Ausweg

Zuletzt Camp Iguana. Was so freundlich klingt, ist ein Rechtsstaat-Skandal. In diesem Camp werden die Männer festgehalten, denen keine Schuld nachgewiesen werden konnte, für die es aber keine Bleibe gibt. Manche sind seit Jahren von den US-Behörden "geklärt", etwa die Gruppe der Uiguren, Angehörige einer muslimischen Minderheit aus China.

Zuhause drohen ihnen Folter und Verfolgung. Ein Trip dorthin wäre eine Reise vom Regen in die Traufe. Vielleicht stehen ihre Namen ja auf der Liste, die die Amerikaner nach Deutschland mit der Bitte um Aufnahme sandten.

Wir begegnen bei den Soldaten, die uns zwei Tage durch das Lager schleusen, einer Mischung aus Freundlichkeit und Misstrauen. Es sei wichtig, dass wir hier seien, um das richtige Bild über Guantánamo zu vermitteln, sagen sie. Es fallen wie auswendig gelernt immer die gleichen Worte: "Fair", "gleich", "menschlich", sei die Behandlung der Gefangenen, alles im Geiste der Genfer Menschenrechtskonvention. Worte sind geduldig.

Stand: 05.05.2009 21:59 Uhr
 

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