Gefangene in Guantánamo | Bildquelle: picture alliance / AP Photo

Die Geschichte eines Häftlings Tagebuch aus Guantánamo

Stand: 16.01.2015 16:08 Uhr

Seit August 2002 ist Mohamedou Ould Slahi Gefangener in Guantánamo - obwohl längst ein Gericht seine Freilassung angeordnet hat. Slahi berichtet von Folter. Seine Foltererlebnisse beschreibt er in einem Tagebuch, das jetzt als Buch veröffentlicht wird. NDR, WDR und Süddeutsche Zeitung konnten auch einen der Männer treffen, die ihn in Guantánamo verhört haben.  

Von Raphael Thelen und Simon Sturm, WDR

Mohamedou Ould Slahi hat in Guantánamo zeitweise mit schweren Depressionen zu kämpfen. Immer wenn ihn die Erinnerungen einholen, aus der Zeit als US-Beamte ihn täglich folterten. Als sie ihn auf Grund von Gerüchten und Indizien für einen ranghohen Al Kaida-Mann hielten und in Guantánamo Bay einsperrten. Es war die Zeit nach dem 11. September 2001. Die Zeit der schnellen Verhaftungen, der Geheimgefängnisse, der Sonderbefugnisse.

Tatsächlich war der Mauretanier Slahi zwei Mal in Afghanistan, Anfang der 1990er-Jahre war das. Als noch die Mudschahidin gegen die damalige Regierung in Kabul kämpften. Slahi unterstützte die Islamisten, sagten die Amerikaner. Auch andere Al Kaida-Mitglieder nannten seinen Namen.

Mouhamedou Ould Slahi | Bildquelle: Wikimedia Commons
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Seit August 2002 in Guantánamo: Mouhamedou Ould Slahi. Das Bild wurde vom IKRK zur Verfügung gestellt.

Als der Verdacht aufkam, er sei in die Planung eines Anschlags auf den Flughafen in Los Angeles verwickelt gewesen, stellt sich Slahi 2001 der Polizei seines Heimatlandes. Seit August 2002 ist er in Guantánamo. Heute gibt selbst die US-Regierung zu, dass Slahi von den 9/11-Anschlägen nichts wusste.

Das, was ihm in Guantánamo angetan wurde, schrieb der heute 44-Jährige später in einer Art Tagebuch auf. Es ist das erste Werk eines Guantánamo-Gefangenen, das aus der Haft heraus geschrieben wurde - und dessen offizielle Freigabe durch jahrelange juristische Anstrengungen erzwungen wurde. Bald soll es in 16 Sprachen erscheinen. In Deutschland erscheint es am 20. Januar unter dem Titel "Das Guantánamo-Tagebuch".

"Captain Collins" verhört Slahi

John Goetz, Mitarbeiter des Rechercheverbundes von NDR, WDR und Süddeutscher Zeitung traf einen der Männer, die Slahi in Guantánamo verhörten. Der Mann stellte sich Slahi als "Captain Collins" vor. Im eigentlichen Leben soll er Polizist in Chicago mit zweifelhaftem Ruf gewesen sein. Mit dem Verhör vermeintlicher Terroristen hatte er keine Erfahrung. In Guantánamo erhielt er dennoch bald eine führende Rolle.

Der einstige Polizist, inzwischen 68 Jahre alt, bestreitet, dass Slahi je misshandelt wurde - jedenfalls in der Zeit, in der er verantwortlich war. Vielmehr habe er Slahi geholfen, er habe ihm einen Computer besorgt, damit er seine Aussagen selbst protokollieren konnte.

Er spricht heute wohlwollend über den Mauretanier, fast warmherzig, als sei er dessen Vater. Er hält viel von dem klugen und sturen Charismatiker Slahi. "Sollte Slahi freikommen, wird man ihn in Mauretanien zum Präsidenten wählen", sagt er. Er klingt, als gäbe auch er Slahi seine Stimme, wenn er denn in Mauretanien wählen dürfte. Slahi hat andere Erinnerungen an ihn und seine Kollegen.

Guantanamobrief von Häftling
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Ein Blick auf Slahis Tagebuchaufzeichnungen. Sie sind Anklage und Dokumentation zugleich.

Mitte 2003 hatte das US-Verteidigungsministerium eine Liste mit 20 "verschärften Verhörpraktiken" erarbeitet. Slahi berichtet: 20-stündige Verhöre, bellende Hunde, Reizüberflutung durch Lärm und grelles Licht, Demütigungen. Die Nächte habe er nackt in eiskalten Räumen schlafen müssen. Dazu sei Isolationshaft gekommen. Immer wieder sei ihm mit dem Tod gedroht worden.

Im August 2003 sei "Captain Collins" in den Verhörraum gekommen. Slahi schildert, wie er ihm einen Brief gezeigt habe. Darauf habe gestanden, dass sie ihn beschuldigten, drei der Attentäter von New York rekrutiert zu haben. Zwischen den Jahren 1988 und 1999 lebte Slahi in Duisburg und Essen, studierte Elektrotechnik. Viele der 9/11-Attentäter lebten auch in Deutschland.

In dem Brief sei er aufgefordert worden, zu kooperieren. Falls nicht, würde man die mauretanische Regierung bitten, seine Mutter zu verhaften. Slahi blieb bei seiner Version, beteuerte seine Unschuld.

"Ich habe dir gesagt, du bist erledigt"

Die Verantwortlichen im US-Militär glauben zu dem Zeitpunkt offensichtlich, dass sich Slahi in Guantánamo schon zu sicher fühle. Es schien, als hielten sie eine weitere Eskalationsstufe für angebracht.

Im amerikanischen Magazin "Slate" beschreibt Slahi, wie drei Kommandosoldaten in den Verhörraum stürmten. Einer stieß ihn demnach zu Boden, der andere habe ihm ins Gesicht und in die Rippen geschlagen. "Ich habe dir gesagt, du bist erledigt", hätten sie ihm ins Gesicht gebrüllt. Der dritte Mann habe einen abgerichteten Schäferhund am Halsband gehalten, "bereit, ihn jederzeit los zu lassen", wie Slahi sich erinnert.

Schockiert von der Gewalt schritt der Leiter der Wache ein, erzählt Sahi. "Wer hat ihnen die Anweisungen gegeben?", schrie er demnach. "Sie verletzen den Mann."

Die Kommandosoldaten hätten den Einspruch ignoriert, sie hätten Slahi die Augen verbunden und ihn auf einen Lastwagen geworfen. Wieder hätten sie ihn geprügelt. Am Strand hätten sie ihn in ein Boot gezerrt und seien rausgefahren. Dort hätten sie ihn gezwungen, Seewasser zu trinken, bis er brechen musste. "Bin ich ohnmächtig geworden?", schreibt Slahi in seinem Tagebuch. "Ich weiß es nicht."

Geständnisse unter Folter

Irgendwann danach sei Slahi zu dem Schluss gekommen, dass sein Widerstand zwecklos war, dass er reden musste. Nur dann würde die Folter aufhören. Er habe kapituliert, heißt es in den Unterlagen des Gerichts, das sich mit Slahis Fall beschäftigt hat. Er habe sich und andere fälschlicherweise beschuldigt.

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2010 beendete der Militärstaatsanwalt das Gerichtsverfahren, weil die Geständnisse unter Folter erpresst wurden. Seit der Obama-Regierung werde er immerhin nicht mehr gefoltert, er habe auch schon mal seiner Familie schreiben dürfen. Sein Bruder Yahdin Slahi, der auch in Deutschland lebt, sagt: "Der erste Brief war sehr, sehr hart für uns. Keiner wollte das lesen. Das war echt hart." Als Mohamedou Slahi das erste Mal mit der Familie skypen durfte, hätten alle geweint. Seine Mutter ist inzwischen gestorben, auch, weil sie das alles nicht verkraften konnte, meint seine Familie.

Slahi ist weiterhin in Guantánamo eingesperrt. Sein Tagebuch ist gleichermaßen Anklage und Dokumentation. Amerikaner pauschal hassen - das tue er nicht, sagt Slahi. Viel eher täten ihm jene Männer leid, die ihn folterten. Sie, nicht er, seien die Verzweifelten gewesen. "Niemand verdient es, für so einen schmutzigen Job missbraucht zu werden."

Sollte er doch eines Tages frei kommen, würde er gerne wieder nach Deutschland kommen, sagt Slahi.

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