Guantanamo

Reportage aus Guantánamo Ausflug nach Absurdistan

Stand: 14.12.2016 04:58 Uhr

Noch immer existiert das US-Gefangenenlager Guantánamo. 59 Häftlinge sind dort eingesperrt. Stefan Niemann verbrachte mehrere Tage im Lager und erfuhr, warum die Häftlinge Harry Potter lesen, wie Anwälte dort arbeiten und welche Rolle Donald Trump vor Ort spielt.

Von Stefan Niemann, ARD-Studio Washington

"Willkommen in Guantánamo, genießen Sie Ihren Aufenthalt!" Unsere uniformierten Gastgeber sind bemüht, nicht ironisch zu klingen. Denn ihr Auftrag lautet: Imagepflege. "Guantánamo Bay Naval Base" (GTMO) ist immer noch ein berüchtigter Ort. Ein von Kuba gepachteter Flecken Erde, über dem die US-Flagge weht, wo die US-Verfassung aber nicht gilt.

59 Insassen sind noch da

Weil die im Gefangenenlager verübten Menschenrechtsverletzungen "Amerikas Ansehen nachhaltig schadeten", versprach Barack Obama schon 2009 an seinem zweiten Tag im Weißen Haus, Guantánamo zu schließen. Doch die republikanische Kongressmehrheit blockiert die Verlegung der Gefangenen in die USA seit Jahren mit aller Macht, weil sie die "Nationale Sicherheit gefährde". Auch vielen Demokraten fehlte der politische Wille, Guantánamo zu schließen. Andere Staaten zur Aufnahme der Häftlinge zu überreden, ist mühsam und langwierig.

779 sogenannte feindliche Kombattanten hatte die US-Regierung in Folge der Terroranschläge vom 11. September 2001 und der Invasion in Afghanistan auf dem alten Marine-Stützpunkt in der Karibik interniert. 59 sind heute noch in Guantánamo - und niemand glaubt, dass der Präsident das Lager in den verbleibenden rund fünf Wochen zu schließen vermag. Obamas designierter Nachfolger scheint ohnehin andere Pläne zu haben: Donald Trump verkündete im Wahlkampf, er werde Guantánamo mit "einigen üblen Typen auffüllen". Seitdem wird spekuliert, ob der 45. US-Präsident das Lager künftig für gefangene IS-Terroristen nutzen will. Ein spannender Zeitpunkt für eine Drehreise nach GTMO.

moma-Reporter: Zustände in Guantanamo
Morgenmagazin, 14.12.2016, Stefan Niemann, ARD Washington

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Begrenzter und streng kontrollierter Zugang

Das Pentagon hatte unsere Anfrage recht rasch genehmigt, mehrmals im Jahr dürfen Reporter nach Guantánamo. Die Botschaft: "Wir haben nichts zu verbergen." Dennoch gelten strikte Regeln für Dreharbeiten im Gefangenenlager. Wir werden pausenlos von Presse-Offizieren begleitet, dürfen nur bestimmte Teile des Lagers betreten, nur ausgewählte Soldaten interviewen. Das Wachpersonal ist so zu filmen, dass es nicht erkennbar ist. Für Außendrehs gilt: keine Bilder der Küste, der Kontrollposten und Radaranlagen, keine Nahaufnahmen von Toren, Türen, Schlössern. Interviews mit Gefangenen - völlig undenkbar. Nur durch eine einseitig verspiegelte Glasscheibe dürfen wir die Männer für ein paar Minuten filmen, aber nicht ihre Gesichter zeigen. Nach jedem Drehtag überprüft das Militär im Medienzentrum alle unsere Fernsehbilder und Fotos. Das sei keine Zensur, sondern diene der Sicherheit der Operation. Beanstandete Aufnahmen müssen gelöscht werden.

Keine Menschenseele sehen wir in Camp 5. Die engen Einzelzellen mit Toilette und Waschbecken: verwaist. Weil die Zahl der Gefangenen in Guantánamo drastisch gesunken ist, wird dieser Teil des Lagers nicht mehr genutzt. Rund drei Viertel der 59 Gefangenen sind in Camp 6 untergebracht, einem Hochsicherheitstrakt mit sternförmigen Zellenblöcken, genau wie viele amerikanische Gefängnisse.

Das berüchtigte Camp X-Ray, inzwischen von der Natur überwuchert. Guantanamos düsterer Anfang: hier wurde wiederholt gefoltert
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Das berüchtigte Camp X-Ray, inzwischen von der Natur überwuchert. Hier wurde wiederholt gefoltert.

Fernseher in Plastikbox

Zweimal dürfen wir mit unserer Kamera in die abgedunkelte Zentrale des Wachpersonals. Rund um die Uhr beobachten sie die Gruppenräume der Gefangenen durch verspiegelte Kontrollfenster. Wir müssen leise sein - die Gefangenen sollen nicht wissen, dass Reporter da sind. Sie könnten sich sonst provoziert fühlen oder "rebellisch" aufführen, warnen die Wachen. Die Stahltische und Hocker im Gemeinschaftsraum sind festgeschraubt, der Fernseher ist mit einer durchsichtigen Plastikbox extra geschützt. In der Vergangenheit gab es hier immer wieder gewalttätige Aktionen, Revolten, Hungerstreiks. Mehrere Gefangene nahmen sich in Guantánamo das Leben.

Die letzten 59 Insassen des Lagers sollen sich derzeit ziemlich mustergültig verhalten, sagt man uns. Sie hoffen, dass sie bald in Gefängnisse im Ausland verlegt werden. Durch die Scheibe beobachten wir die Männer beim Lesen, Aufräumen und Zähneputzen. Auch das Abendgebet filmen wir. Ein Pfeil am Boden markiert die Himmelsrichtung gen Mekka. Wir wissen nicht, was diese Männer wirklich verbrochen haben, viele wurden bis heute nicht angeklagt. Etliche sollen unter Folter gestanden haben. Sie unbeobachtet zu beobachten ist merkwürdig und beklemmend, es fühlt sich falsch an, wie eine Verletzung der Menschenwürde. 

Zwischen Koran und Harry Potter

Dann wird es kurz unruhig: ein Gefangener hält ein selbstgemaltes Bild in unsere Richtung. Darauf zu sehen: ein großes Fragezeichen, den Punkt bildet ein Vorhängeschloss. Haben die Insassen doch mitbekommen, dass wir da sind? War das eine Art Protestaktion, ein Hilferuf? Die Wachsoldaten zucken nur mit den Schultern. Ihr Vorgesetzter, Colonel Stephen Gabavets, wird später sagen: "Viele unserer Gefangenen haben sich hier zu großen Künstlern entwickelt - vielleicht wollte sich der Mann künstlerisch ausdrücken."

Man zeigt uns die kleine Bibliothek, ausgewählte Bücher, Zeitungen und Zeitschriften in 15 Sprachen - von Arabisch bis Uigurisch. Bei Wohlverhalten dürfen sich die Gefangenen mehrere Bücher, Videospiele und einen DVD-Player ausleihen. Wer Probleme macht, bekommt zur Strafe nur noch zwei Bücher. Seit Jahren besonders beliebt: Harry Potter. "Wer wählt aus, was die Gefangenen lesen dürfen?", wollen wir wissen. Und ob Inhalte zensiert werden. Die ausweichende Antwort: man wolle, dass die Gefangenen "positiv inspiriert" werden. Schilderungen extremer Gewalt sowie pornographisches Material seien in Guantánamo tabu.

Der Fluch der Vergangenheit

Guantánamo machte vor allem in den ersten Jahren durch harsche Haftbedingungen, teilweise brutale Verhörmethoden und wiederholte Fälle von Folter weltweit negative Schlagzeilen. Der heutige Kommandant der Wachtruppen, Gabavets, wird nicht müde, uns Reportern zu versichern, dass Guantánamo 2016 mit dem Lager von 2002 nicht vergleichbar sei. All die Vorkommnisse (gemeint sind wohl die Verstöße gegen die Menschenrechte) lägen mehr als zehn Jahre zurück. Heute sei hier alles mustergültig. Wir spüren, dass der Colonel die dunkle Vergangenheit Guantánamo endlich vergessen machen will. Gabavets ist stolz auf die Arbeit seiner Wachsoldaten: "safe, humane, legal, transparent" lautet das Motto der 1700-köpfigen  Joint Task Force Guantánamo: sicher, human, legal und transparent. Lediglich an der enormen Sicherheit haben wir keine Zweifel.

Wir treffen Jim Harrington, der für eine Anhörung nach Guantánamo gekommen ist. Der Rechtsanwalt vertritt Ramzi Binalshibh, den mutmaßlichen Kopf der sogenannten Hamburger Terrorzelle. Der Mann aus dem Jemen wurde mit vier weiteren Gefangenen 2012 angeklagt wegen Beteiligung an den Terroranschlägen vom 11. September 2001. Ihn zählt die US-Regierung zu den "high value prisoners", von denen man sich besonders viele geheimdienstlich relevante Erkenntnisse versprach. Binalshibh ist im geheimen Camp 7 untergebracht, das wir nicht sehen dürfen. Über die dort eingesperrten 14 Gefangenen erfahren wir nichts. Harrington erzählt, sein Mandant klage über Schlafentzug durch Geräusche und Vibrationen. Das Pentagon bestreite die Vorwürfe, verweigere jedoch eine unabhängige Untersuchung. Der Rechtsanwalt kämpft dafür, dass für die Verfahren der Militärkommissionen auf Guantánamo dieselben Gesetze gelten wie für US-Gerichte - bislang vergeblich. Harrington geht davon aus, dass etliche Guantánamo-Gefangene bis zu ihrem Lebensende eingesperrt bleiben werden, da der "Krieg gegen den Terror" wohl niemals ende.

Eingangstor zu "Camp VI", Guantanamo Bay, Kuba | Bildquelle: AFP
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Eingangstor zu Camp 6. Hier wäre theoretisch Platz für mehr Insassen, teilt der Kommandant mit.

Was hat Trump mit Guantanamo zu tun?

Guantánamo letzte Gefangene haben die US-Wahlnacht gespannt im Fernsehen verfolgt, berichtet Admiral Peter J. Clarke. Er ist derzeit Kommandeur der in Guantánamo eingesetzten Vereinigten Einsatzgruppe der US-Streitkräfte. Gerüchte, die Gefangenen hätten nach dem Wahlsieg Donald Trumps verstärkt Beruhigungsmittel verlangt, bezeichnet Clarke als gelogen. Etliche Insassen würden sich allerdings Sorgen machen, ob ihre Verlegung ins Ausland vom neuen Präsidenten gestoppt werde. 21 der 59 Gefangenen haben prinzipiell grünes Licht für eine Verlegung in ein Drittland - doch die Zeit wird knapp.

Wegen Trumps umstrittener Wahlkampfaussage zur Wirksamkeit der verbotenen Verhörmethode des Waterboarding hat Clarke seine Truppen vorsorglich beruhigt. Auch in Zukunft erwarte niemand von ihnen, etwas "Ungesetzliches" zu tun. Ob er denn bereit sei, neue Gefangene aufzunehmen, falls ein Präsident Trump dies künftig befehle, fragen wir den Kommandeur. Wir wären darauf vorbereitet, sagt Clarke knapp. Man könne Camp 6 stärker auslasten und Camp 5 wieder in Betrieb nehmen - es sei theoretisch Platz für rund 230 Gefangene. Was er von Trump hält, sagt der Offizier nicht. Aber er sei bereit, "legale Befehle auszuführen" und zuversichtlich, dass es in Guantánamo "keine Folter geben werde".

Über dieses Thema berichtete das ARD-Morgenmagazin am 14. Dezember 2016 ab 06:45 Uhr.

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