Der Labour-Abgeordnete Lord Dubs | Bildquelle: AFP

Großbritannien Der Lord und die Flüchtlingskinder

Stand: 09.02.2017 18:17 Uhr

Einst selbst als Flüchtlingskind nach Großbritannien gekommen, setzte der Labour-Politiker Dubs 2016 mit anderen Abgeordnenten durch, dass Kinder aus Lagern in Europa aufgenommen werden. Die Regierung stoppte das Programm nun, zum Ärger Dubs.

Von Jens-Peter Marquardt, ARD-Studio London

Es war ein Sieg des Parlaments: Im Frühjahr 2016 brachten Unterhaus und Oberhaus die britische Regierung dazu, ein Programm für die Aufnahme von Kindern aus den Flüchtlingslagern auf dem europäischen Kontinent aufzulegen. Die Rede war damals von 3000 minderjährigen Flüchtlingen, die nach Großbritannien kommen sollten und von neuen Kindertransporten, ähnlich wie vor dem Zweiten Weltkrieg, als die Briten etwa 10.000 jüdische Kinder aus Deutschland, Österreich und anderen europäischen Ländern aufnahmen.

Einer der damals vor der Nazi-Verfolgung geretteten Kinder ist der heutige Lord Alfred Dubs: "Ich war sechs Jahre alt, als England mich aufgenommen hat." Der in Prag geborene und heute 84 Jahre alte Lord Dubs sitzt jetzt für die oppositionelle Labour-Party im britischen Oberhaus.

Er war es, der vor einem Jahr die Initiative für einen neuen Kindertransport ergriff. Er fand auch bei zahlreichen Abgeordneten der regierenden Konservativen Unterstützung. Am Ende musste der damalige Premierminister David Cameron nachgeben. Er legte ein Programm für die Aufnahme von Kindern aus europäischen Flüchtlingslagern auf.

Flüchtlingskinder in einem Lager an der griechisch-mazedonischen Grenze | Bildquelle: AFP
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Flüchtlingskinder in einem Lager an der griechisch-mazedonischen Grenze

Keine neuen Fluchtanreize schaffen

Jetzt aber stoppt die Regierung dieses Programm. Im März, nach der Aufnahme von insgesamt nur 350 Kindern, sei Schluss mit den Kindertransporten, erklärte Innenministerin Amber Rudd: "Wir haben einen anderen Ansatz: Wir sind bereit, 3000 Kinder aus den Lagern rund um Syrien aufzunehmen, aber nicht aus Europa. Dieses Ziel werden wir auch weiter verfolgen."

Der Grund: Die britische Regierung wolle mit der Aufnahme von Kindern keine neuen Fluchtanreize nach Europa schaffen. Das bekräftigte auch Premierministerin Theresa May nach ihrem Treffen mit dem italienischen Ministerpräsidenten Paolo Gentiloni in London.

Während Gentiloni noch einmal eine gerechte Verteilung der Flüchtlinge unter den EU-Staaten forderte, sagte May, man dürfe nicht vergessen, dass die Flüchtlingsbewegungen Menschenhändlern große Profite bescherten. Das müsse gestoppt werden.

"Eine Schande"

Die Opposition in London will sich damit aber nicht abspeisen lassen. Der Stopp der Kindertransporte sei eine Schande, erklärte die Labour-Fraktion. Lord Dubs spricht davon, dass die Regierung ihre Zusagen gegenüber dem Parlament gebrochen habe. Er sei gerade in Griechenland gewesen, habe in den Flüchtlingslagern gesehen, unter welch erbärmlichen Bedingungen die Kinder dort lebten. Großbritannien sei diesen Kindern etwas schuldig.

Wenn die Regierung nicht einlenkt, will die Opposition versuchen, die Wiederaufnahme der Kindertransporte vor Gericht durchzusetzen. 

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 09. Februar 2017 um 20:00 Uhr

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