Griechenland: Wenn Gesundheit ein Luxusgut ist

Reportage aus Thessaloniki

Wenn Gesundheit ein Luxusgut ist

Längst hat die Krise das griechische Gesundheitswesen erreicht. 30 bis 40 Prozent der Griechen sind nicht versichert, die Krankenhäuser überfüllt. Organisationen wie "Ärzte der Welt", die kostenlose Vorsorge anbieten, haben alle Hände voll zu tun.

Von Anna Koktsidou, SWR-Hörfunk

Der Kinderarzt Jorgos Tzouvelekis empfängt eine Mutter mit ihrer siebenjährigen Tochter und dem vierjährigen Sohn. Beide Kinder müssen geimpft werden. Das Untersuchungszimmer ist ein enger Raum im ersten Stock eines Gebäudes in der Innenstadt von Thessaloniki, hier ist die Organisation "Ärzte der Welt" untergebracht. Sie behandelt Menschen ohne Krankenversicherung kostenlos.

Immer mehr Griechen ohne Krankenversicherung
A. Koktsidou, SWR
18.07.2013 15:14 Uhr

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Während Tzouvelekis die Spritzen vorbereitet, erklärt er: "Das Mädchen ist mit den Impfungen spät dran. Sie bekommt bei uns die Impfungen, die sie als Einjährige hätte bekommen sollen. Und jetzt ist sie sieben! Die Eltern sind nicht versichert und sie haben kein Geld." Fast beschämt sagt die Mutter: "Wir können das nicht bezahlen." Es sind ja nicht nur die Medikamente, auch der Arztbesuch kostet Geld. Die Frau arbeitet schwarz, ihr Mann findet nur ab und zu Gelegenheitsjobs.

Jetzt kommt auch die Mittelschicht

Arzt-Praxis von "Ärzte der Welt" in Athen (Bildquelle: picture alliance / dpa)
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Eine Praxis von "Ärzte der Welt" in Athen. Die Organisation hat alle Hände voll zu tun.

Rund 1500 Patienten suchen die Praxis von "Ärzte der Welt" auf. Während es früher vor allem Ausländer ohne Papiere waren, sind mittlerweile zwei Drittel von ihnen Griechen. Denn Schätzungen zufolge sind 30 bis 40 Prozent der Griechen ohne Krankenversicherung. Sofia Garane, die die Einrichtung in Thessaloniki leitet, sagt: "Die Krise hat die sozial benachteiligten Gruppen inzwischen an den Rand der Verelendung gedrängt - Obdachlose etwa oder Menschen, die bereits an der Grenze zur Armut lebten. Doch nun kommen auch Menschen zu uns, die nicht zu den Randgruppen gehören. Die Krise hat im Vergleich die breite Mittelschicht viel stärker getroffen. Sie haben ihre Arbeitsstellen verloren oder sie hatten Geschäfte, die sie schließen mussten. Diese Menschen haben nun kein Geld mehr, um sich zu versichern."

So etwas wie Sozialhilfe gibt es in Griechenland nicht. Arbeitslosengeld bekommt man nur für ein Jahr. Wer nicht genug in die Sozialkassen eingezahlt hat, fällt durchs Raster. Nötige Behandlungen werden nicht mehr gemacht oder hinausgezögert, erklärt Sofia Garane: "Entsprechend haben wir viele Patienten mit chronischen Erkrankungen, die seit langem keine Medikamente genommen haben:  Menschen, die an Diabetes, Bluthochdruck oder Herzerkrankungen leiden, dazu die vielen nicht versicherten Kinder, viele schwangere Frauen, die nicht zur Vorsorge gehen können, und - etwas weniger - Menschen mit Hauterkrankungen oder Magenschmerzen." 

Krankenhäuser sind überfüllt

Ärztedemo in Athen (Bildquelle: picture alliance / dpa)
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Ärzte demonstrieren in Athen.

Alle Bürger, auch die ohne Versicherung, haben zwar das Recht, sich in den Ambulanzen und Notdiensten der Krankenhäuser behandeln zu lassen, doch diese sind mittlerweile überfüllt. Betroffene warten monatelang auf einen Termin, manchmal werden sie sogar abgewiesen. Im  Extremfall kann es auch passieren, dass Krebspatienten nicht behandelt werden.

Im Untersuchungsraum erklärt unterdessen Kinderarzt Tzouvelekis einer anderen Mutter das Antibiotikum für ihr Kind. Alle Medikamente in der Praxis sind gespendet. Wer etwas übrig hat, bringt es vorbei, auch Babymilch oder Windeln. Tzouvelekis arbeitet hier ehrenamtlich, genauso wie weitere 40 Mediziner fast jeder Fachrichtung. Die Situation ist katastrophal, sagt der 70-Jährige: "Zum Glück gibt es die Freiwilligen, die die Lücken dort schließen, wo der Staat nicht in der Lage ist. Fast alle Sozialleistungen wurden gekürzt. Wir haben eine Situation, wie ich sie aus alten amerikanischen Spielfilmen kenne: Der Kranke erreicht das Krankenhaus und kann nicht hinein, weil er nicht versichert ist. Und er stirbt draußen. So weit wird es auch hier kommen."  

Dieser Beitrag lief am 18. Juli 2013 um 14:51 Uhr auf NDR Info.

Stand: 18.07.2013 14:48 Uhr

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