Eine Frau im improvisierten Zeltlager auf Samos, in dem mehr als 500 Migranten leben. | Bildquelle: AFP

Flüchtlinge in Griechenland Kein Platz mehr auf Samos

Stand: 03.08.2018 08:53 Uhr

Die griechische Insel Samos ist ausgelastet: Mehr als 500 Migranten kampieren in Zelten ohne Strom und Duschen. Platzt der Flüchtlingsdeal mit der Türkei, könnte der Druck noch steigen.

Von Michael Lehmann, ARD-Studio Athen

Wie Glühwürmer geistern die Lichtsignale der Smartphones durch die wilde Zeltstadt hoch über Vathi. Es sind primitive Zelte für mehr als 500 Flüchtlinge - ohne Stromversorgung, keine Duschen, wenig Waschstellen. Abends ist es in dieser Geister-Zeltstadt fast ganz dunkel.

Gut 500 Menschen sind es inzwischen, die in den Containern hinter dem Stacheldrahtzaun keinen Platz mehr haben. Sie wurden in Not-Zelte gepackt. Das Flüchtlingscamp liegt knapp zehn Fußminuten entfernt vom Hafen in Samos-Stadt. Jean aus Kamerun wohnt seit drei Monaten hier in einem der Zelte.

"Es geht uns hier wirklich beschissen"

"Es geht uns hier wirklich beschissen", sagt er. Wir leben tagsüber hier bei Hitze zwischen den Büschen, und mein Fuss ist ziemlich verletzt. Ich habe mir da etwas eingefangen, das nicht heilt. Es ist hier kaum möglich, einen Arzt für uns Flüchtlinge zu finden. Aber wenn ich Glück habe, sagen sie in der Stadt, finde ich bald einen Spezialisten. Ein Orthopäde könnte Zeit haben."

Jean ist von der Türkei aus über eine der Hauptrouten gekommen, die Schleuser übers Meer nach Samos wählen. Sie verläuft etwas nördlicher als die zweite Route. Es gibt eine Route für Schwarzafrikaner und eine, die Schleuserbanden fast nur für die Flüchtlinge aus arabischen Ländern wählen.

Migranten und Touristen sitzen sich an der Promenade auf der Insel Samos gegenüber. | Bildquelle: Michael Lehmann /SWR
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Migranten und Touristen sitzen sich an der Promenade auf der Insel Samos gegenüber.

"Eigentlich kein Platz mehr", sagt der UNHCR-Koordinator

Wir erfahren im Ort, dass auf türkischer Seite nicht nur die Schleuser Geld bekämen. Korruption sei weit verbreitet, heißt es auch von Verantwortlichen, die mit der Registrierung von Flüchtlingen auf Samos beruflich zu tun habe. Sie wollen aber offiziell nicht genannt werden.

Boris Cheshirkov kann sich um diese Geschichten, die vor der Flucht übers Meer passiert sind oder passiert sein sollen, nicht kümmern, sagt er. Er ist der Koordinator für das UNHCR, das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen - und muss auf allen griechischen Inseln, die von Flüchtlingen angesteuert werden, dafür sorgen, dass die Menschen halbwegs menschenwürdig leben können.

Bis 2019 auf die Registrierung warten

Cheshirkov sagt, dass es auf Samos eigentlich keinen Platz mehr für neu ankommende Flüchtlinge gebe; auch keinen mehr für die knapp 50 schiffbrüchigen Migranten, die diese Woche mit Hubschraubern und Booten der Küstenwache im Meer gesucht werden mussten:

"Wir haben jetzt viele Neuankünfte hier in Vathi auf Samos, von denen klar ist, dass sie bis 2019 warten müssen, um überhaupt erst mal ihre Anhörung zu haben. Sie können sich vorstellen, was das für die Menschen bedeutet, die so zusammengepfercht leben." Auch auf den anderen Inseln gebe es viele Flüchtlingsfamilien und alleinstehende Frauen, die eigentlich aufs Festland gebracht werden sollen. Aber das funktioniere oft nicht: "Da gibt es zu wenig Transportmöglichkeiten und auch auf dem Festland ist nicht genügend Platz für sie."

Streit um ein mögliches neues Flüchtlingscamp

Panajotis Sakkas, ein Tavernenwirt, schaut unten an der Hafenstraße von Samos-Stadt skeptisch auf die Schwarzafrikaner, die gegenüber einen ganzen Spielplatz belegen - mit Decken und vielen kleinen Kindern, die ziemlich munter spielen. Eigentlich ein friedliches Bild an diesem Abend. Wobei an manchen Ecken die älteren griechischen Inselbewohner in der Minderheit sind - und genau das sei manchmal schon ein Problem, meint der junge Wirt: "Das ist nur tagsüber immer richtig friedlich. Nachts ist es manchmal nicht so friedlich. Dann sind viele der jungen Migranten betrunken und dann machen sie auch Sachen in Läden kaputt oder hier drüben auf den Plätzen."

Der griechische Migrationsminister Dimitris Vitsas will die Lage auf Samos möglichst schnell entschärfen. In Athen kündigte er vor drei Wochen an, eine größere Zahl von Flüchtlingen aufs Festland zu bringen. Auf Samos soll ein neues, besseres Camp an anderer Stelle gebaut werden. Doch das stößt auf Widerstand.

Touristen bekommen von Flüchtlingen nichts mit

Manos Stephanakis ist Herausgeber der "Samiakon Vima", der einzigen Zeitung auf Samos. Den Streit um ein mögliches neues Flüchtlingscamp, wie es der griechische Migrationsminister auf Samos bauen will, hat er in seiner Zeitung immer wieder beschrieben. Er versteht beide Seiten - und schaut in Richtung Türkei. Entscheidend sei jetzt, dass das Land nicht doch wieder umschwenke in Sachen Flüchtlingspolitik: "Erdogan ist wieder der neue Präsident des Landes, gerade wiedergewählt. Das müssen wir akzeptieren. Und manche hier sagen, es ist gut, dass er wiedergewählt wurde, weil er sowas wie ein Hund ist, der oft bellt, aber niemals beisst. Dieses Bild müssen wir jetzt vor Augen haben."

Dass der Flüchtlingsdeal mit dem Nachbarn Türkei irgendwie hält und nicht doch wieder sehr viel mehr Flüchtlinge über die Ägäis nach Griechenland kommen, das hoffen sie alle auf Samos. Denn die Hochsaison läuft bestens, Hotels und Pension sind im Sommer 2018 sehr gut gebucht. Von den Flüchtlingen in Samos-Stadt bekommen die allermeisten Bade- und Wanderurlauber so gut wie nichts mit.

Flüchtlinge auf Samos - überfülltes Lager, wenig Lösungen
Michael Lehmann, ARD Athen
03.08.2018 07:19 Uhr

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Dieser Beitrag lief am 03. August 2018 um 05:25 Uhr im Deutschlandfunk.

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