Flüchtlinge protestieren lautstark auf den Straßen von Athen und halten Schilder hoch, auf denen "Wir wollen raus aus Griechenland" steht.  | Bildquelle: dpa

Odyssee in Griechenland Flüchtlingstrecks der Verzweiflung

Stand: 27.02.2016 13:04 Uhr

Die Verzweiflung bei den in Griechenland gestrandeten Flüchtlingen wächst. Sie sitzen fest. Nun haben sich viele zu Trecks zusammengeschlossen und versuchen, gemeinsam einen Weg nach Nordeuropa zu finden. Die Regierung in Athen ist wütend - aber nicht auf die Flüchtlinge.

Von Thomas Bormann, ARD-Studio Istanbul

Tausende Flüchtlinge sind in Griechenland gestrandet. Sie kommen zwar nach wie vor nach Griechenland hinein - per Schlauchboot vom türkischen Festland aus auf griechische Inseln -, aber dann ist für die meisten Flüchtlinge vorerst Endstation. Denn das Nachbarland Mazedonien hat seine Grenze zu Griechenland weitgehend geschlossen.

Dramatische Lage der Flüchtlinge an der griechisch-mazedonischen Grenze
tagesschau 20:00 Uhr, 27.02.2016, Christian Limpert, ARD Rom, zzt. Athen

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Nur in wenigen Fällen lässt Mazedonien Flüchtlinge über die Grenze - und dann auch nur Syrer und Iraker. Die meisten Schutzsuchenden, inzwischen mehrere zehntausend, warten in Flüchtlingslagern oder ziehen in großen Trecks quer durch Griechenland. Die Verzweiflung unter den Flüchtlingen wächst. "Help, please!" - "Helft, bitte", ruft ein junger Afghane in die Mikrofone der Journalisten in Athen, die den verzweifelten Protestzug der Flüchtlinge über Athener Hauptverkehrsstraßen begleiten.

Ein Treck aus Flüchtlingen läuft mit Sack und Pack durch Athen. | Bildquelle: dpa
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Treck durch Athen: Flüchtlinge sind verzweifelt und bitten um Hilfe.

Ungeliebtes Notquartier in Athen

Die griechische Regierung hatte den stillgelegten, früheren Flughafen Athens eilig zum Notquartier für gestrandete Flüchtlinge erklärt. Aber die Flüchtlinge weigerten sich, dort zu bleiben. Stattdessen marschierten sie zu Hunderten los. "Wir wollen nach Deutschland"", "Lasst uns nach Mazedonien!" oder "Helft uns!", riefen sie.

550 Kilometer weiter nördlich, in der kleinen Stadt Polykastro, zeigt sich ein ähnliches Bild. Seit Tagen harren hier Hunderte Flüchtlinge aus. Einer von ihnen ist Adam aus Damaskus. Er ist verzweifelt – wie alle hier: "Wir sind hier seit vier, fünf Tagen. Ohne Schlaf, wir können nicht duschen, nicht die Kleidung wechseln. Wir können nichts machen hier. Deshalb haben wir entschieden, zur Grenze nach Mazedonien zu laufen", erzählt er. Etwa 500 Flüchtlinge machten sich gestern auf den 30 Kilometer langen Fußmarsch in Richtung Grenze.

Fluchtwege nach Europa
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Die Karte zeigt die alternative Route durch Kroatien und Slowenien nach Österreich nach der Schließung der ungarischen Grenze.

Verzweifelt, erschöpft, ängstlich

Doch dort harren bereits etwa 4000 weitere Schutzsuchende aus. Sie werden notdürftig versorgt von hilfsbereiten Einheimischen und auch von Mitarbeitern des Flüchtlingshilfswerks der Vereinten Nationen. Eine von ihnen ist Stella Nanou: "Immer noch kommen hier viele Leute zu Fuß an, einige wenige auch mit dem Taxi. Sie sind verzweifelt, sie sind erschöpft. Sie sind ängstlich und nervös und sie wissen nicht, was passieren wird", sagt sie.

Wie es weitergehen soll, weiß derzeit niemand in Griechenland, auch nicht Ministerpräsident Alexis Tsipras. Er wiederholte gestern seine Kritik an den Ländern, die ohne Absprache die Grenzen geschlossen hatten und die Griechenland Vorwürfe machen, es würde die eigenen Grenzen nicht richtig sichern. "Ich finde es unfassbar, dass manche Länder, die keinen einzigen Flüchtling aufnehmen, jetzt mit dem Finger auf Länder wie Griechenland zeigen", kritisierte Tsipras.

Flüchtlings-Trecks auf Odyssee in Griechenland
T. Bormann, ARD Istanbul
27.02.2016 11:53 Uhr

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Beim Ertrinken zusehen?

Griechenland könne seine Seegrenze nicht absolut dicht machen, argumentieren griechische Politiker immer wieder. Wenn die griechische Küstenwache Flüchtlinge in Schlauchbooten im Ägäischen Meer entdecke, müsse sie die Menschen retten und an Land bringen. "Sollen wir etwa zusehen, wie die Flüchtlinge ertrinken?", fragt ein Mitarbeiter der Küstenwache. Ministerpräsident Tsipras rief die EU dazu auf, eine gemeinsame Lösung zu finden und die Flüchtlinge gerecht auf alle EU-Länder zu verteilen. Einfach so die Grenzen zu schließen und Griechenland mit den Flüchtlingen im Stich zu lassen, das sei nicht hinnehmbar, heißt es in Athen.

Dieser Beitrag lief am 27. Februar 2016 um 12:38 Uhr im Deutschlandfunk.

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