Ein Gedenkkreuz für verstorbene Migranten in Reynosa, Mexiko | Bildquelle: Mellmann / ARD

USA und Mexiko Tod an der Grenze

Stand: 07.03.2017 15:56 Uhr

Viele Migranten scheitern Jahr für Jahr beim Versuch, die US-mexikanische Grenze zu überqueren. Sie verdursten in der Wüste, ertrinken im Grenzfluss - oder werden von mexikanischen Drogenkartellen getötet.

Von Anne-Katrin Mellmann, ARD-Studio Mexiko-Stadt

Rio Grande heißt der Grenzfluss auf US-amerikanischer Seite. In Mexiko hat er den Namen, den er verdient: Río Bravo. Der wilde Fluss. Seine Wasser sind grünlich-trüb und undurchsichtig, die Strömungen unberechenbar.

Hunderte Migranten verunglücken Jahr für Jahr beim Versuch, den Fluss bei Nacht zu durchschwimmen. Sie ertrinken, werden von Schlangen oder Skorpionen gebissen.

Oder ermordet, von Mexikanern. Ein Kartell kontrolliert das mexikanische Flussufer. Wer keinen Schleuser bezahlen oder eine Gebühr entrichten will, sondern auf eigene Faust rüberschwimmt, wird umgebracht.

Kreuz am Rio Bravo erinnert an ertrunkene Migranten
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Ein Kreuz am Rio Bravo erinnert an ertrunkene Migranten.

Manche tragen noch Schuhe

Omar Enriquez von der Feuerwehr Nuevo Laredo kümmert sich um die Bergung der Wasserleichen. Er erzählt, manche trügen noch ihre Kleidung, sogar Schuhe.

"Die meisten, die wir finden, waren schon vor etwa einer Woche verschwunden", sagt Enriquez. "Wenn sie keine Dokumente bei sich haben, landen sie in einem Massengrab. Die Behörden bestatten sie dann ohne Namen."

Auf dem städtischen Friedhof registriert Fernando Hernández die Namenlosen in den Massengräbern. 100 waren es im vergangenen Jahr. Er gibt ihnen Nummern, legt Zeichnungen an, damit ihre sterblichen Überreste wiedergefunden werden können.

Grenze USA Mexiko: Todesopfer | Bildquelle: Mellmann / ARD
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Ein Massengrab für namenlose Tote

Keine Namen, keine Ermittlungen

Früher habe sich niemand darum geschert: Hernández zeigt ältere, eingeebnete Massengräber, mit verwitterten Kreuzen und Müll - ein Durcheinander aus Plastikengeln, Blumen und Knochen im Wüstensand. Bis vor kurzem wurden die Namenlosen einfach verscharrt, egal, woher sie kamen, unter ihnen viele Migranten, die im Fluss gefunden worden waren.

"Die Behörden hatten keinerlei Register oder irgendeine Ordnung", sagt Hernández. "Deshalb können wir nicht mal herausfinden, wie viele Tote in den alten Massengräbern waren. Es gibt absolut keine Informationen, mit denen wir arbeiten könnten."

Keine Namen, keine Erinnerungen, keine Ermittlungen. Das organisierte Verbrechen hat die Grenzregion fest im Griff. Die Straflosigkeit sei absolut, 100 Prozent - das sagen lokale Journalisten, die anonym bleiben wollen, anonym bleiben müssen.

Die Zeitungen berichten zwar über die Toten im Fluss; aber kein Wort davon, dass ganz offensichtlich und immer häufiger Gewalt im Spiel ist. Der Druck habe zugenommen, seit US-Präsident Donald Trump die Stimmung gegen Migranten anheizt.

Ihr Mann wollte in den USA Geld verdienen

Irma Gómez hat sich stark geschminkt, Augen und Lippen betont. Fast fröhlich könnte sie dadurch wirken, wären da nicht ihre nervösen Hände, die den Schlüsselbund nicht in Ruhe lassen.

An einem Abend vor drei Wochen brach ihr Mann in Richtung Fluss auf. Er wollte nur ein paar Monate in den USA Geld verdienen, damit die Familie ihre Schulden bezahlen kann. Hilfe von Schleuserbanden lehnte er ab. Seitdem fehlt jede Spur von ihm.

"Ich war dort, wo er losschwimmen wollte", erzählt Gómez. "Ich habe jeden gefragt, ob er etwas gesehen hat: die Soldaten, die dort manchmal patrouillieren, die Bundes- und die Verkehrspolizei. Ich habe jeden ihrer Wagen gestoppt und gefragt, habe eine Vermisstenanzeige aufgegeben, aber niemand weiß etwas, niemand hilft mir. Ich weiß nicht, was ich machen soll. Mit den ganzen Schulden, und jetzt ist er nicht mehr da."

Sie weint. "Unserem kleinen Sohn habe ich noch nichts gesagt. Ich bringe es nicht übers Herz, habe einfach Angst, dass er sich dann etwas antut."

Der Sechsjährige glaubt, dass sein Vater auf der US-Seite jeden Morgen zur Arbeit geht. Und dass er in spätestens fünf Monaten mit viel Geld zurückkehren und ihm Geschenke mitbringen wird. Aber sein Papa ist verschwunden.

Feuerwehr, Friedhofspersonal, Journalisten - alle stimmen darin überein, dass es von solchen Schicksalen künftig noch mehr geben wird, wenn Trump seine Mauer baut. Die Kartelle in Mexiko würden noch mächtiger, die Gewalt nähme zu.

Tod auf der Flucht
A.-K. Mellmann, ARD Mexiko Stadt
06.03.2017 16:56 Uhr

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