Die beleuchteten Grenfell Tower | Bildquelle: REUTERS

Ein Jahr nach Feuer-Katastrophe Die offenen Wunden von Grenfell

Stand: 14.06.2018 03:51 Uhr

Bei dem verheerenden Feuer in dem Londoner Grenfell-Hochhaus starben mehr als 70 Menschen. Hunderte verloren ihr Zuhause. Ein Jahr später leben viele ehemalige Bewohner immer noch in Behelfsunterkünften.

Von Imke Köhler, ARD-Studio London

Es ist der 14. Juni 2017, nachts, halb zwei: Der Grenfell Tower im Londoner Stadtteil Kensington steht in Flammen. Innerhalb kürzester Zeit brennt das gesamte Hochhaus lichterloh. Hilferufe gellen durch die Nacht.

Doch für viele Menschen kommt in dieser Nacht keine Rettung mehr. Sie sterben in den Flammen oder springen aus Verzweiflung aus den Fenstern. 72 Menschen verlieren ihr Leben, Hunderte ihr Zuhause - und ihr gesamtes Hab und Gut.

Von offizieller Seite, von Bezirksvertretern und Behörden, kommt trotzdem erst einmal keine Hilfe. Es dauert nicht lange bis Hilflosigkeit und Wut in Rage umschlagen. Die Grenfell-Opfer sind überwiegend Migranten und fühlen sich wie Bürger zweiter Klasse.

Das ausgebrannte Hochhaus Grenfell Tower in Londond | Bildquelle: dpa
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Grenfell Tower in London: Vorwürfe an die Bezirksverwaltung

"Wir wollen Gerechtigkeit!"

Außerdem wird der Verdacht laut, dass die Bezirksverwaltung beim Grenfell Tower am Brandschutz gespart hat - und das obwohl der Bezirk Kensington und Chelsea der reichste des Landes ist. Zwei Tage nach der Katastrophe stürmen aufgebrachte Bürger das Bezirksratshaus von Kensington: "We want justice!", skandiert die Menge, "wir wollen Gerechtigkeit".

Die Opfer-Vertreter werfen der Bezirksverwaltung vor, sich bei der Renovierung des Grenfell Tower 2015/16 gegen die Verwendung feuerfester Materialien entschieden zu haben.

Zahlreiche Vorwürfe

Experten zufolge war die Fassadenverkleidung der Grund dafür, dass aus einem Küchenbrand ein Inferno wurde. Die Mischung aus Polyäthylen und Aluminium habe wie ein Brandbeschleuniger gewirkt. Neben der Bezirksverwaltung werden auch der Einsatzleitung der Feuerwehr schwere Fehler zur Last gelegt. Offenbar hat sie den Menschen viel zu lange geraten, in ihren Wohnungen zu bleiben - bis keine Rettung mehr möglich war.

Gedenken an Brandkatastrophe im Grenfell Tower
tagesschau 12:00 Uhr, 14.06.2018, Barbara Jung, ARD London

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Unabhängige Untersuchungskommission

Parallel zu den strafrechtlichen Ermittlungen von Scotland Yard versucht auch eine unabhängige Untersuchungskommission herauszufinden, wie es zu der Brandkatastrophe kommen konnte.

Ende Mai wurden zunächst die Geretteten und Hinterbliebenen angehört, zu denen auch Marcio Gomes gehört. Seine hochschwangere Frau hat in der Brandnacht zu viel giftigen Qualm eingeatmet, der Junge kam tot zur Welt. "Das hat uns das Herz gebrochen", sagt der Vater schluchzend.

Die verbrannte Fassade des Grenfell Tower im Londoner Stadtteil North Kensington. | Bildquelle: REUTERS
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Verbrannte Fassade des Grenfell Tower: Eine Untersuchungskommission soll die Ursache des Feuers herausfinden

Immer noch kein Zuhause

Nicht nur bei der Familie Gomes ist der Schmerz offensichtlich. Zudem haben viele ehemalige Grenfell-Bewohner auch ein Jahr nach dem Unglück noch kein neues Zuhause.

52 Familien leben noch in befristeten Unterkünften, 69 in Hotels. Was luxuriös klingt, ist auf Dauer eine Zumutung. "Ich bin mit meiner ganzen Familie in einem Zimmer", schimpft ein Mann, "wir schlafen zu fünft in einem Doppelbett."  

Eine Frau legt Blumen nieder | Bildquelle: AFP
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Trauer um die Opfer der Feuer-Katastrophe im vergangenen Jahr

"Die Leute brauchen neue Wohnungen", fordert er. Inzwischen hat die Bezirksverwaltung 235 Millionen Pfund ausgegeben, um Immobilien zu kaufen und Wohnraum zur Verfügung zu stellen.

In vielen Fällen sind die Wohnungen aber noch nicht bezugsfertig. Außerdem wird den Behörden vorgeworfen, zu wenig Rücksicht auf die Bedürfnisse der Betroffenen zu nehmen. Wer Grenfell überlebt hat, will eben nicht mehr in höheren Stockwerken wohnen.

Vor einem Jahr: Brand im Grenfell Tower
Imke Köhler, ARD London
14.06.2018 06:49 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 14. Juni 2018 um 5:49 Uhr.

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