Avi Primor

Israels Ex-Botschafter Primor im Interview "Einreiseverbot für Grass ist populistisch"

Stand: 08.04.2012 22:40 Uhr

Nachdem die israelische Regierung ein Einreiseverbot gegen Literaturnobelpreisträger Günter Grass ausgeprochen hat, wird Kritik daran auch aus Israel laut. Der ehemalige Botschafter Israels in Deutschland, Avi Primor, nannte diese vom Innenminister Eli Jischai verhängte Maßnahme übertrieben und populistisch.

"Ich glaube, dass der Innenminister gar nichts von Deutschland versteht", sagte Primor in den Tagesthemen. "Er betreibt Innenpolitik. Ich halte das für falsch. Ich halte Günter Grass nicht für einen Antisemiten. Ich weiß, wovon ich spreche."

Primor kritisiert Grass-Aussagen

Primor äußerte aber auch Kritik an Grass' israelkritischem Gedicht. Dessen Behauptung, Israel wolle den Iran auslöschen, sei lächerlich. Der Iran sei schließlich fast hundertmal größer als Israel.

Auch seien die Sorgen der israelischen Regierung berechtigt, dass der Iran Atomwaffen bauen könnte. Schließlich habe nicht nur Präsident Mahmud Ahmadinedschad, sondern auch Ayatollah Ali Chamenei von der Auslöschung Israels gesprochen. Und der Iran unterstütze terroristische Gruppierungen gegen Israel. Es bestehe eine echte Gefahr darin, dass der Iran diese Gruppen mit Atomwaffen ausrüste.

Grass ist Persona non grata in Israel

Zuvor hatte Israel Grass wegen seines am Mittwoch erschienen Gedichts zur Persona non grata erklärt. Als unerwünschte Person darf Grass nicht mehr nach Israel einreisen. Innenminister Jischai sagte nach Angaben seines Sprechers, das Gedicht von Grass habe darauf abgezielt, "das Feuer des Hasses auf den Staat Israel und das Volk Israel anzufachen". Grass wolle so "die Idee weiterbringen, die er früher mit dem Tragen der SS-Uniform offen unterstützt hat".

Gesetz verbietet ehemaligen Nazis die Einreise

Bei dem Einreiseverbot gegen Grass griff Jischai auf ein Gesetz von 1952 zurück, das es der Regierung erlaubt, ehemaligen Nazis die Einreise ins Land zu verweigern. Grass hatte eingestanden, in den letzten Monaten des Zweiten Weltkrieges in der Waffen-SS gedient zu haben.

Jischai sagte weiter: "Wenn Günter Grass weiter seine verqueren und lügnerischen Werke verbreiten will, sollte er dies vom Iran aus tun, dort kann er sicher ein begeistertes Publikum finden."

Kritik am Einreiseverbot in Deutschland

Der außenpolitische Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion, Rolf Mützenich, äußerte in der Tagesschau Kritik am Einreiseverbot: "Ich glaube, das ist unangemessen und wird auch dem Thema nicht gerecht. Wir brauchen eine sachliche Auseinandersetzung mit den Thesen von Günter Grass."

Der Präsident der Deutsch-Israelischen Gesellschaft, Reinhold Robbe, sagte, er halte es für maßlos übertrieben, "diesem so genannten Gedicht von Günter Grass so viel Beachtung zu schenken. Er gebärdet sich wie ein aufgeblasener Kulturtitan. In Wirklichkeit ist es ein alter Mann, der die Realität leider nicht mehr zur Kenntnis nimmt."

Der Parlamentarische Geschäftsführer der Grünen im Bundestag, Volker Beck, kritisierte ebenfalls die israelische Regierung für ihre Entscheidung. "Es passt zur Linie der aktuellen israelischen Regierung und wie sie mit Kritik und Streit auch im eigenen Lande umgeht." Dies sei "unsouverän und demokratisch nicht klug", sagte Beck dem "Handelsblatt".

Volker Beck | Bildquelle: picture-alliance/ dpa
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Beck hält das Einreiseverbot für "unsouverän und demokratisch nicht klug".

Zugleich betonte Beck erneut, dass er die Verärgerung in Israel gut verstehen könne. Grass habe sich in seinem umstrittenen Gedicht "ignorant gegenüber der tatsächlichen Bedrohung Israels durch den Iran" gezeigt. Zudem habe sich Grass als "vermeintlicher Tabubrecher eines Israelkritik-Verbotes geriert und sich damit eines antisemitischen Propagandainstruments bedient". Dies rechtfertige "harsche Kritik".

In der Causa sieht er jedoch keine Belastung für das deutsch-israelische Verhältnis: "Ich glaube, es ist deutlich geworden, dass Grass nicht für Deutschland steht, weder für die deutschen Schriftsteller noch die deutsche Bevölkerung, noch die deutsche Regierung. Deshalb glaube ich, ist das keine Belastung für das deutsch-israelische Verhältnis."

Grass warnte vor israelischem Präventivschlag

Literaturnobelpreisträger Grass hatte in seinem Gedicht behauptet, dass der Iran von einem atomaren Präventivschlag durch Israel bedroht sei, der das iranische Volk auslöschen könne. Zudem schrieb er, dass Israel den Weltfrieden gefährde. Später fügte er relativierend hinzu, dass er sich in erster Linie gegen die derzeitige israelische Regierung Netanjahu wende.

Das Gedicht war am vergangenen Mittwoch in einigen Zeitungen erschienen. In Deutschland hatte dies eine heftige Debatte ausgelöst, aus Politik und Kultur kam überwiegend scharfe Kritik. Die israelische Regierung hatte sich zunächst nicht zu dem Gedicht geäußert.

"Keine Spielwiese für Polemik"

Außenminister Guido Westerwelle | Bildquelle: dpa
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Israel und Iran moralisch auf eine Stufe zu stellen sei "nicht geistreich, sondern absurd", sagt Außenminister Westerwelle.

Unmittelbar vor Bekanntwerden des Einreiseverbotes hatte sich auch Bundesaußenminister Guido Westerwelle zu Wort gemeldet. "Israel und Iran auf eine gleiche moralische Stufe zu stellen, ist nicht geistreich, sondern absurd", schrieb der FDP-Politiker in einem Gastbeitrag für "Bild am Sonntag", ohne allerdings konkret auf das Gedicht einzugehen. Der Streit mit der Regierung in Teheran sei "keine Spielwiese für Polemik, Ideologie und Vorurteile, sondern bitterer Ernst". Wer die vom Iran ausgehende Bedrohung verharmlose, "verweigert sich der Realität".

Lob für Grass aus Teheran

In Internet-Foren - auch hier auf tagesschau.de - äußerten aber auch viele Nutzer ihre Zustimmung zu dem Gedicht. Lob für Grass kam auch aus dem Iran. "Ich habe Ihr warnendes Gedicht gelesen, das auf so großartige Weise Ihre Menschlichkeit und Ihr Verantwortungsbewusstsein zum Ausdruck bringt", schrieb Irans Vize-Kulturministers laut iranischen Medien an Grass. "Mit ihrer Feder allein können Schriftsteller Tragödien eher verhindern als Armeen."

Die iranische Führung spricht Israel das Existenzrecht ab. Revolutionsführer Ayatollah Ali Chamenei bezeichnete Israel zuletzt im Februar als "Krebsgeschwür, das herausgeschnitten werden sollte und herausgeschnitten werden wird". Der Westen verdächtigt den Iran, unter dem Deckmantel der zivilen Atomforschung Kernwaffen zu entwickeln. Der Iran bestreitet das. Israel ist nach allgemeiner Einschätzung von Experten eine Atommacht. Aus der israelischen Regierung gibt es dafür weder eine offizielle Bestätigung noch ein Dementi.

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