Skyline von Dubai | Bildquelle: REUTERS

Syrische Flüchtlinge am Golf Gutes tun - und auch darüber reden

Stand: 02.12.2016 11:46 Uhr

Die Golfstaaten reagieren auf Kritik und wollen mehr syrische Flüchtlinge aufnehmen. Großzügige Geber für humanitäre Hilfe waren sie bereits. Darauf verweisen nun viele - trotz des arabischen Sprichworts "Tue Gutes, aber rede nicht darüber".

Von Carsten Kühntopp, ARD-Studio Kairo

"Syrische Flüchtlinge willkommen zu heißen ist eine Pflicht der Golfregion" - dieser etwas komplizierte Hashtag war vor gut einem Jahr beim Kurznachrichtendienst Twitter populär, ganz plötzlich, benutzt vor allem von Usern am Golf.

"Es fehlt ein umfassender Plan"

Etwa zur selben Zeit schrieb der bekannteste Blogger der Region, Sultan Al-Qassemi aus den Vereinigten Arabischen Emiraten: "Der Golf muss begreifen, dass jetzt die Zeit dafür gekommen ist, die Politik gegenüber den Flüchtlingen aus Syrien zu ändern. Dies ist moralisch und ethisch richtig und verantwortungsbewusst." Und ein Journalist in Katar beklagte in einem Leitartikel, dass die Regierungen am Golf bisher zur Krise nur geschwiegen hätten. Es fehle ein umfassender Plan.

Nur selten müssen sich die Herrscher am Golf solch offene Kritik ihrer eigenen Bürger gefallen lassen. Der Politologe Abdelkhaleq Abdulla aus Dubai versucht zu erklären, wieso der Eindruck entstand, die Golfstaaten seien hartherzig gewesen und hätten keine Flüchtlinge aus Syrien aufgenommen: "Zunächst dachte man nicht, dass der Konflikt fünf Jahre dauern würde. Man dachte, dass es besser wäre, wenn die Syrer näher an ihrer Heimat bleiben, anstatt weit zerstreut zu werden, vielleicht sogar für immer."

Syrische Flüchtlinge auf der Flucht in Aleppo. | Bildquelle: AFP
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Angesichts der Offensive syrischer Regierungstruppen in Aleppo steigen die Flüchtlingszahlen von dort weiter an.

Kein offizieller Flüchtlingsstatus

Laut dem Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen haben beispielsweise die Vereinigten Arabischen Emirate im vergangenen Jahr gerade einmal 18 Syrern Asyl gewährt. Doch das ist nur ein Teil des ganzen Bildes. Weil die Golfstaaten die Genfer Flüchtlingskonvention nicht unterzeichnet haben, haben Syrer, die seit Kriegsbeginn 2011 an den Golf gekommen sind, keinen offiziellen Flüchtlingsstatus.

Das bedeute aber nicht, dass die Golfstaaten keine Flüchtlinge aufgenommen haben, sagt Riad Kahwaji von der Denkfabrik INEGMA in Dubai: "Wenn ich ein Syrer bin, der bisher am Golf gearbeitet hat, darf ich meine Eltern, meine Brüder und Schwestern ins Land holen, zusammen mit deren Familien. Diese Menschen bekommen dann Visa und Arbeitserlaubnisse. Sie können sich Arbeit suchen und die Kinder in die Schule schicken. Man schätzt, dass jetzt etwa eine Million Syrer in den arabischen Golfstaaten leben."

Milliarden für syrische Flüchtlinge

Am Golf spricht man nicht von "Flüchtlingen", sondern von "Gästen". Für jeden Araber schwingt dabei mit, wie geschätzt diese Menschen sind, und dass ihnen mit Großzügigkeit und Respekt zu begegnen ist. Doch die Herrscher am Golf haben mittlerweile begriffen, dass das nicht reicht. Vor Kurzem kündigten die Vereinigten Arabischen Emirate deshalb an, 15.000 syrische Flüchtlinge aufzunehmen, offiziell und mit diesem Status. "Das ist ein Zeichen dafür, dass wir bisher nicht sehr entgegenkommend waren. Da müssen wir mehr machen. Wir müssen den Syrern helfen. Dieses ist jetzt zumindest mal eine Geste", sagt der Politologe Abdulla.

Stolz können die Golf-Araber auf die enormen Summen sein, mit denen sie die humanitäre Hilfe für syrische Flüchtlinge überall im Nahen Osten unterstützen. Privatleute und Regierungen haben bereits Milliarden gegeben. 2013 kürte die OECD die Vereinigten Arabischen Emirate sogar zum "Top-Geberland humanitärer Hilfe" weltweit. Dass das kaum bekannt ist, liegt an der eigenen Kultur. Denn für Araber gilt: Tue Gutes, aber rede nicht darüber.

Die Golfstaaten und die Syrienflüchtlinge
C. Kühntopp, ARD Kairo
02.12.2016 09:56 Uhr

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Über dieses Thema berichtete NDR Info am 02. Dezember 2016 um 11:50 Uhr.

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