Manfred Hösl

ARD-Themenwoche Wenn Gläubige am Glauben zweifeln

Stand: 13.06.2017 15:00 Uhr

Am Ende seines Theologiestudiums hat er ihn erwischt: der Zweifel. Pfarrer Hösl konnte nicht mehr glauben. Seine "innere Glaubensfestplatte" sei abgestürzt, sagt er im Rückblick. Wie geht er heute mit dem Zweifel um?

Von Barbara Schmickler, NDR

"Meine innere Glaubensfestplatte ist abgestürzt", erinnert sich der katholische Pater Manfred Hösl an das Ende seines Studiums. Heute ist er 52 Jahre alt, damals war er Theologiestudent. "Bis dahin war mein Glaube selbstverständlich. Ich war mir sicher, dass es Gott gibt und die Bibel stimmt, dann kam ich in diese Krise", erzählt Hösl rückblickend. Während er seine Diplomarbeit schrieb, hat er sich gefragt: "Was mache ich eigentlich? Es gibt keinen Gott!" Damals sei sein ganzes Leben zusammengestürzt.

Er wollte, so erzählt er heute, sich wieder vom Kopf auf die Füße stellen lassen. Auf der Suche nach einer Lösung kam er damals mit dem Jesuiten-Orden in Kontakt. Dort gab er zu: "Ich glaube das gar nicht, ich würde das gerne glauben, aber ich schaffe es nicht."

Er durfte trotzdem bleiben, machte Exerzitien, also geistige Übungen - und nach einigen Monaten wurden die Zweifel weniger. Inzwischen ist Manfred Hösl Jesuiten-Pater und Pfarrer an St. Michael mitten in der Göttinger Innenstadt.

Jesuiten

Das Wort Jesuit kommt von Jesus. Die Jesuiten verstehen sich als "Gefährten Jesu", also als Männer, die in Freundschaft zu Jesus Christus leben und sich von ihm in den Dienst nehmen lassen. Die Gemeinschaft zählte im Jahr 2016 nach eigenen Angaben weltweit mehr als 16.000 Mitglieder, das Durchschnittsalter liegt bei 57 Jahren.

Absolut sicherer Beweis fehlt

Zweifel erlebt er noch heute: "Der Zweifel ist die Rückseite der gleichen Münze: Wo vorne der Glaube ist, ist hinten der Zweifel. Es sind zwei Geschwister, die eng miteinander verbunden sind", sagt der Jesuiten-Pater. "Ich glaube, der Zweifel holt jeden ein und ist phasenweise stärker und schwächer."

Er wünscht sich manchmal von Gott, dass er "den absolut sicheren Beweis" herunterschicken könnte, damit die Zweifel ein für alle Mal weg sind. Gerade im Gespräch mit Jugendlichen würde er gerne das "ultimative Argument" liefern, warum es wichtig sei, zu glauben. "Aber mir fällt das Argument nicht ein. Ich kann bei vielen Angeboten nicht mithalten", sagt Hösl.

FC Bayern als Alternative zum Christentum

Der Göttinger Pfarrer ist sich sicher: Jeder Mensch glaubt an bestimmte Grundpfeiler. Die Frage sei allerdings: Wem oder was glaube und vertraue ich? Manche glaubten an Veganismus, andere an den FC Bayern München. "Der FC Bayern hat seine Hochämter in der Champions League, die Spieler sind die Heiligen. Die Fans können mitfiebern, mitleiden und die Gesänge im Stadion mitsingen", meint Hösl.

Für ihn schließt sich hier die Frage an: "Warum finden manche Menschen beispielsweise im Fußball etwas, was sie früher vielleicht in der Kirche gefunden haben? Was können wir tun, damit sie bei unseren Traditionen wieder etwas Passendes finden?"

Mehr Erlebnis in der Kirche

Hösl vermutet, dass die Menschen die Religion heute unmittelbarer erleben möchten. "Wir müssen stärker betonen, dass der Glaube den ganzen Menschen anspricht, nicht nur das Gehirn, sondern mindestens genauso das Herz." Hösl interessieren vor allem die Menschen, die auf der Suche sind und die sagen, ich komme nicht mehr zu Recht in dieser postmodernen Welt mit einem Hype nach dem anderen." Gäbe es nicht mehr als eine endlose Ansammlung von Hypes?

"Ich glaube ein Pfarrer, der signalisiert, ich glaube das alles bis in die Fußnoten hinein, der schreckt eher ab. Da würden die meisten Leute sagen, ich bin aber nicht so." Ein Seelsorger, der zugebe, Defizite zu haben, gewinne Glaubwürdigkeit. Auch wenn er manchmal hadert, letztlich ist Pater Hösl für seine Zweifel dankbar: "Meine Zweifel helfen mir, zweifelnde Menschen zu verstehen."

Über dieses Thema berichtet auch das NDR Fernsehen heute Abend um 21:15 in der Sendung Panorama 3.

Über dieses Thema berichtete NDR Info am 13. Juni 2017 u.a. ab 13:05 Uhr im "Mittagsecho". Die "ARD-Themenwoche: Woran glaubst Du" läuft vom 11. - 17.06.2017.

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