Blumen zum Gedenken an die Opfer | Bildquelle: AFP

Ermittlungen zur Germanwings-Katastrophe Die Frage nach der Schuld

Stand: 24.03.2016 14:41 Uhr

Die Trauer vieler Angehöriger ist nach einem Jahr wohl noch nicht aufgearbeitet. Die Frage nach der Schuld ist für sie sehr konkret. Juristisch wird wahrscheinlich niemand belangt werden. Dafür ist ein Blick auf die Krankengeschichte des Co-Piloten wichtig.

Von Andreas Braun und Justine Rosenkranz, WDR

Die Ermittlungsakte zum Absturz der Germanwings-Maschine in den französischen Alpen vor einem Jahr umfasst tausende Seiten. Viele davon sind nicht angenehm zu lesen - zum Beispiel die Listen darüber, was die Ermittler an der Absturzstelle gefunden haben, die menschlichen Überreste der 150 getöteten Insassen. Oder der verzweifelte Ärzte-Marathon des Andreas L. kurz vor seinem Tod. Sein letzter Versuch, Hilfe zu bekommen bei einer Erkrankung, die ihn an den Rand seines Verstands und über seinen Lebenswillen hinausgebracht hat.

Der Reflex des "Das hätte auf keinen Fall so passieren dürfen!" ist schnell da. Aber über diese Empörung hinaus bleibt am Ende des Tages wohl nach hiesigem Recht kein konkreter juristischer Vorwurf stehen. Diese Einschätzung teilen anscheinend auch die Ermittler: Es wird aller Voraussicht nach keine Anklage geben, nicht in Frankreich und nicht in Deutschland.

Wrackteil des abgestürzten Flugzeuges der Germanwings. | Bildquelle: picture alliance / dpa
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Ein Wrackteil der Germanwings-Maschine an der schwer zugänglichen Unglücksstelle in den französischen Alpen.

In den USA gibt es ein anderes Rechtssystem. Dort will eine ganze Reihe von Angehörigen vor Gericht ziehen und hofft auf die Zulassung der Klage. 

Um die juristische Einschätzung nachvollziehen zu können, ist ein Blick in die Krankengeschichte des Co-Piloten notwendig.

Positive ärztliche Prognose für Andreas L.

Schwere Depression - als Andreas L. diese Diagnose bekam, ging er eigentlich schon selbst davon aus, dass der Traum vom Fliegen für ihn ausgeträumt war. Er musste die theoretische Ausbildung in Bremen unterbrechen und sich in mehrmonatige Behandlung begeben. Ein Arzt verschrieb ihm Psychopharmaka und übernahm zusammen mit einem Psychologen die Therapie des Pilotenanwärters. Aber die Lage stellte sich für den behandelnden Arzt offensichtlich weit positiver dar als zunächst für Andreas L. selbst: Schon früh gab der Arzt eine sehr viel versprechende Prognose ab.

Schon einige Monate später erhielt er den positiven Bescheid. Nur Wochen, nachdem seine letzten Medikamente nach und nach reduziert und dann abgesetzt worden waren, bescheinigte man ihm wieder die Tauglichkeitsklasse 1. Er konnte seine Karriere fortsetzen.

Wäre er früher rückfällig geworden, hätte man vielleicht die Frage stellen können, ob das nicht zu schnell gegangen ist. Aber die Jahre danach bestätigten erst einmal die Einschätzung der Therapeuten, die von Heilung sprachen und offensichtlich keine Rückfälle befürchteten: Andreas L. blieb unauffällig, zog die anspruchsvolle Ausbildung durch und bekam eine Anstellung bei Germanwings.

Tauglichkeit mehrfach bescheinigt

Ganz ohne Folgen bleibt die depressive Erkrankung in der Ausbildung aber nicht. Jedes Jahr müssen sich Verkehrspiloten einer medizinischen Untersuchung unterziehen, um ihr Tauglichkeitszeugnis erneuern zu lassen. Hier wurde der Pilot auch nach psychischen Vorerkrankungen gefragt, und L. gab seine Depression immer wahrheitsgemäß an. Jedes Zeugnis, das ihm ausgestellt wurde, war entsprechend mit den Buchstaben REV versehen, die auf eine Vorerkrankung hinweisen.

Auch seine Fluglizenz trug einen entsprechenden Vermerk. Alle Flugärzte, die L. in den folgenden Jahren untersuchten, bescheinigten ihm die Tauglichkeitkeitsklasse 1 - auch noch im Sommer 2014.

Rückfall nach stabiler Phase

Doch Ende 2014 verschlechterte sich sein Zustand wieder dramatisch: Mit einer vermeintlichen Augenerkrankung begann eine neue Abwärtsspirale. Zwar versicherte ihm eine ganze Reihe von Spezialisten, dass seine Augen in Ordnung seien. Er klagte jedoch zunehmend über Beschwerden und außerdem auch über Schlafstörungen. Aber dass seine Erkrankung psychischer Natur sein könnte, wie Ärzte ihm nahelegten, wollte L. nicht wahrhaben. Denn ihm muss klar gewesen sein, dass eine erneute psychische Erkrankung aller Wahrscheinlichkeit nach seine Pilotenkarriere beendet hätte.

Und davor hatte er große Angst. Er hätte nicht nur seinen Traumberuf verloren, auch finanziell hätte das für ihn große Probleme bedeutet. Er hatte keine Berufsunfähigkeitsversicherung, die konnte er auch aufgrund seiner Vorerkrankung nicht abschließen bzw. nur zu sehr teuren Konditionen. Selbst wenn er also davon überzeugt gewesen wäre, dass er erhebliche psychische Probleme hatte, wäre die Hürde, sich den Behörden und seinem Arbeitgeber zu offenbaren, sehr hoch gewesen. Denn dann hätte er seine Tauglichkeit wahrscheinlich für immer verloren. Und damit seinen Traumberuf.

Das Dilemma der Ärzte

Einige Ärzte, die L. in seinen letzten Lebensmonaten aufsuchte, sahen wohl die psychischen Probleme. Aber keiner machte Meldung beim Luftfahrtbundesamt oder dem Arbeitgeber. Denn als selbstmordgefährdet stellte er sich nicht dar und machte während der Behandlungen offensichtlich auch nicht den Anschein.

Dazu kommt, dass das Vertrauensverhältnis zwischen Arzt und Patient in Deutschland ein hohes Gut ist. Ärzte, die vertrauliche Daten an Dritte weitergeben, gehen einen gefährlichen Weg. Stellt sich heraus, dass sie falsch gehandelt haben, ist das eine Straftat, die sogar mit Gefängnis geahndet werden kann.

Mädchen trauern nach dem Absturz einer Germanwings-Maschine vor der Schule in Haltern am See. | Bildquelle: picture alliance / dpa
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Nach dem Absturz: Mädchen trauern in Haltern am See. 16 Schüler und Schülerinnen und zwei Lehrerinnen einer Schule im Ort starben bei dem Unglück.

Unbefriedigendes Fazit

Auch wenn es für die Angehörigen schwer zu ertragen ist: Im System aus Zulassung und Kontrolle der Piloten einzelnen Akteuren ein juristisches Versagen vorzuwerfen, ist in Deutschland schwierig. Hätte das System anders ausgesehen, wäre zum Beispiel die flugmedizinische Datenbank schon eingeführt, die es künftig geben soll, hätte L. vielleicht ebenso versucht, seine Krankheit zu verheimlichen. Vielleicht wäre er, wie die Gewerkschaft Cockpit in ähnlichen Fällen für die Zukunft befürchtet, dann überhaupt nicht zum Arzt gegangen. Wahrscheinlich hätte er seine Pilotenlizenz jedenfalls nicht leichtfertig aufs Spiel gesetzt.

Als unbefriedigendes Fazit bleibt demnach nur: Um seine spätere Tat sicher zu vermeiden, hätte man ihn nach seiner schweren depressiven Ersterkrankung gar nicht mehr zur Pilotenausbildung zulassen dürfen. Ein totales Berufsverbot? Eine schwierige Forderung, denn nach dieser Logik müsste man auch viele andere Menschen von Berufen ausschließen, in denen sie Verantwortung für das Leben ihrer Mitmenschen tragen.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 24. März 2016 um 14:30 Uhr

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