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10.02.2010

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Ausland
Georgier befürchten ein zweites Tschetschenien
Eskalation im Konflikt um abtrünnige Regionen

"Es geht nicht um Südossetien"

Seit Wochen hatten viele Georgier bereits das Schlimmste befürchtet, nun ist der Krieg da. Für sie steht fest, dass Russland angegriffen hat, um die Kontrolle über Georgien zu gewinnen. Sicher ist zumindest eines: Alle Beteiligten haben zur Eskalation beigetragen, bis die Lage außer Kontrolle geriet.

Von Silvia Stöber, tagesschau.de

Russische Artillerie in Südossetien (Foto: AFP) Großansicht des Bildes [Bildunterschrift: Es ist Krieg in Georgien: Viele Bürger machen Russland für die Eskalation verantwortlich. ]
Nun ist eingetreten, was immer als Möglichkeit im Raum stand, aber mit allen Konsequenzen kaum für wahrscheinlich gehalten wurde: Es herrscht Krieg in Georgien. Die Konflikte um die abtrünnigen Regionen Südossetien und Abchasien haben zu einer Invasion Russlands in Georgien geführt - so empfinden es die Menschen in der Südkaukasusrepublik: "Es geht nicht um Südossetien. Russland will die Kontrolle über Georgien übernehmen", sagt Nino aus Tiflis und glaubt sich darin einig mit all ihren Landsleuten. Einige befürchten sogar ein zweites Tschetschenien.

Der Krieg ist überall zu spüren - auch in der Hauptstadt Tiflis. Am Samstag wurden die Wohnhäuser um den Präsidentenpalast evakuiert. Nachts, wenn es auf den Straßen ruhig wird, ist das Motorengeräusch von Kampfflugzeugen bedrohlich laut zu hören. Nahezu aus jeder Familie wurden inzwischen Reservisten eingezogen. Sie müssen sich auf Militärstützpunkten einfinden und sollen die regulären Streitkräfte als Nachhut in der Stadt Gori unterstützen. Die Furcht ist groß, dass sie verletzt oder gar getötet werden, denn in der 50 Kilometer westlich von Tiflis entfernten Stadt seien Kämpfe ausgebrochen, berichten georgische Medien. Militärstützpunkte und -flughäfen in der Nähe würden bombardiert. Auch der wirtschaftlich für Georgien wichtige Hafen von Poti, weit weg von Südossetien, sei von Russland angegriffen worden. Unter den Opfern seien zahlreiche Zivilisten.

Wer ist schuld an der Eskalation?

Georgische Panzer (Foto: REUTERS) Großansicht des Bildes [Bildunterschrift: Wer trägt die Schuld an der Eskalation? Georgische Panzer auf dem Weg nach Südossetien. ]
"Russland hat kein Recht, Georgien anzugreifen", sagt Kulturmanagerin Tamuna Gurchiani in Tiflis. Der Einmarsch der georgischen Armee in Südossetien sei nur die Reaktion auf Provokationen der Separatisten gewesen. So sehen es auch Nino und viele ihrer Bekannten. Wer die Eskalation wirklich betrieben hat, ist schwer herauszufinden. Südossetien liegt in einer unübersichtlichen Bergregion. Zwischen den Dörfern der Osseten gibt es auch von Georgiern bewohnte Orte. Berichte unabhängiger Beobachter aus der Region gibt es bisher nicht. Sicher ist, dass alle Beteiligten die Konflikte um Südossetien und Abchasien in den vergangenen Monaten eher geschürt als entschärft haben. Dass aus den regelmäßig stattfindenden Scharmützeln ein Krieg werden konnte, steht auch in Zusammenhang mit internationalen politischen Entscheidungen.

Russland und der Westen im Machtkampf

Flagge mit NATO-Symbol Großansicht des Bildes [Bildunterschrift: Georgien strebt in die NATO - Russland will dies unbedingt verhindern. ]
Die Unabhängigkeit des Kosovo hat nicht nur die südossetische und die abchasische Führung darin bestärkt, mit Vehemenz die Loslösung von Georgien zu fordern. Auch Russland sah sich provoziert, da es trotz Veto im UN-Sicherheitsrat die Entwicklung nicht aufhalten konnte. Bis in die russische Regierung hinein gab es Forderungen, daraufhin Südossetien und Abchasien anzuerkennen. Die beiden Regionen werden bereits seit Jahren von Russland unterstützt. Dazu kam beim NATO-Gipfel in Bukarest Anfang April die Grundsatzentscheidung, die Ex-Sowjetrepubliken Georgien und Ukraine in die Allianz aufnehmen zu wollen. Im Dezember will die NATO erneut darüber beraten. Aufnahmebedingung für Georgien ist, dass die beiden Konflikte gelöst sind - auf friedlichem Wege.

Deshalb spielt es eine erhebliche Rolle, wer am Ende als derjenige dasteht, der zuerst angegriffen und wer nur reagiert hat. Provokationen gab es in den vergangenen Wochen sowohl von Russland und den abtrünnigen Gebieten als auch von Georgien. Ein Beispiel: Im April ließ die georgische Armee Aufklärungsdrohnen über Abchasien fliegen, was laut Waffenstillstandsabkommen von 1994 verboten ist. Genauso wenig erlaubt war aber der Abschuss einer der Drohnen von einem russischen Kampfflugzeug über abchasischem beziehungsweise georgischem Boden.

Konflikt geriet außer Kontrolle

So wurden die Drohungen immer lauter, und die Zahl gewalttätiger Auseinandersetzungen stieg. Schließlich wurde Realität, was im Fall einer Eskalation in Georgien immer erwartet worden war: Kämpfer aus dem russischen Nordkaukasus kündigten nicht nur ihre Unterstützung für die von Georgien abtrünnigen Gebiete an. Sie sind nach georgischen und russischen Agenturberichten bereits in Südossetien - offenbar ohne von Russland aufgehalten worden zu sein. Trotzdem konnte der russischen Regierung nicht an einem Krieg in Georgien gelegen sein. Denn wenn sich im Kaukasus das Gefüge der zahlreichen Ethnien ändert, droht auch auf der russischen Seite Instabilität.

Hintergrund:

Zerstörte Straße in der georgischen Stadt Gori (Foto: AFP)
Weitere Meldungen Kaum verlässliche Informationen Kämpfe in unüberschaubaren Bergregionen und kaum neutrale Quellen: Die Lage in Georgien ist extrem unübersichtlich. [mehr]

So versuchte der russische Sondervermittler für Südossetien, Juri Popow, in den vergangenen Tagen zu vermitteln. In Georgien war von einem Deal die Rede: Georgien erhält die Kontrolle über Südossetien und überlässt die Kontrolle Abchasiens den Russen. Auch von einem Vorschlag Georgiens, Abchasien aufzuteilen, wurde in russischen Medien berichtet, was allerdings dementiert wurde. Doch Deals auf ihre Kosten wollten sich weder die Abchasen noch die Südosseten gefallen lassen. So musste Russland vor wenigen Tagen zugeben, dass ihm der Einfluss auf die Führung Südossetiens entglitten ist.

Saakaschwili redet mit der Opposition

Georgiens Präsident Saakaschwili (Foto: REUTERS) Großansicht des Bildes [Bildunterschrift: Der Krieg bringt die Feinde zusammen: Präsident Saakaschwili traf sich mit Vertretern der Opposition, die ihn bisher als Wahlbetrüger bezeichneten. ]
Die Georgier sehen vor allem eins: Eine Aggression des 100 Mal größeren Nachbarn im Norden. So rücken sie zusammen und scharen sich um Präsident Michail Saakaschwili. Seit Tagen gibt es Protestaktionen vor der russischen Botschaft in Tiflis. Die Mitglieder des Nationaltheaters in Tiflis sammeln Unterschriften, um den Einsatz gegen den Feind zumindest moralisch zu unterstützen. Und plötzlich passiert, was schier unmöglich schien: Saakaschwili und Oppositionsvertreter setzten sich - live vom Fernsehen übertragen - an einen Tisch. Bisher hatte der Präsident die Opposition, ähnlich wie die Führungen der abtrünnigen Regionen, kaum als ernsthafte Gesprächspartner anerkannt. Die Opposition und viele Bürger hatten Saakaschwili bisher als Wahlbetrüger und sogar Diktator geziehen. Aber im Kampf gegen Russland sind sie sich einig.

Die Menschen in Georgien befürchten das Schlimmste. Viele hoffen, dass wenigstens die Reservisten bald wieder zu ihren Familien zurückkehren können, wenn die 2000 aus dem Irak abgezogenen Soldaten eintreffen werden, die Georgien zur Unterstützung der USA entsandt hatte. Von den USA und Europa erwarten sie, wenn schon kein militärisches Eingreifen, so doch Druck auf Russland. Den Konflikt entschärfen würde es auch, wenn die russischen Truppen, die als "Friedenstruppe" in den abtrünnigen Regionen eingesetzt sind, durch internationale Truppen ersetzt würden.

Stand: 10.08.2008 10:22 Uhr
 

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