Tiflis, Georgien | Bildquelle: picture alliance / robertharding

Gastland auf der Buchmesse 2018 Georgiens Sehnsucht nach Europa

Stand: 15.10.2017 04:16 Uhr

Bei der Frankfurter Buchmesse im kommenden Jahr wird Georgien Gastland sein - eine Chance, mehr über dessen bewegte Geschichte, die vielfältige Kultur und die Hoffnungen seiner Einwohner zu erfahren.

Von Silvia Stöber, tagesschau.de und Birgit Virnich, WDR

Lange war Georgien ein Geheimtipp. Inzwischen spricht sich herum, wie attraktiv das Land im Südkaukasus ist: die Gastfreundschaft seiner Einwohner, die abwechslungsreiche Landschaft zwischen Europa und Asien, der Wein und die vielfältige Küche, fernab gelegene Bergdörfer und seit einer Weile auch die Techno-Clubs in der Hauptstadt Tiflis.

Doch was sollte man unternehmen, wenn man das Land und seine Menschen wirklich verstehen will? Nino Haratischwili - Anfang der 1980er-Jahre in Tiflis geboren und in Deutschland als Regisseurin und Schriftstellerin erfolgreich - würde mit einem Gast eine Supra besuchen, eines der berühmten Festmahle, bei denen oft auch gesungen wird.

"Wenn die Runde spannend, die Atmosphäre nicht allzu förmlich und die Stimmung gut ist, kann die Supra eine ganz neue Welt mit sehr vielen neuen Emotionen eröffnen", sagt Haratischwili. "Vor allem der Gesang, bei dem alle einstimmen, hat einerseits etwas sehr Direktes und Pures und zugleich etwas sehr Komplexes."

Der Stand Georgiens auf der Frankfurter Buchmesse | Bildquelle: dpa
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2018 ist Georgien Gastland auf der Frankfurter Buchmesse.

Eine bewegte Geschichte, kaum aufgearbeitet

Die Lieder, Trinksprüche und Geschichten spiegeln das oft bittere Schicksal der Menschen wider. Haratischwili widmete den Georgiern einen fast 1300 Seiten langen Roman, den sie auf Deutsch verfasst hat.

In "Das achte Leben" erzählt sie die Geschichte einer Familie im Georgien des 20. Jahrhunderts, das durch Fremdherrschaft, Kriege und Revolutionen geprägt war. Aber auch durch Georgier wie Josef Stalin und dessen Geheimdienstchef Lawrenti Beria, der bei Haratischwili eine unheimliche Rolle als "Kleiner Großer Mann" spielt.

Vieles wird im heutigen Georgien ausgeblendet: "Leider ist die Vergangenheit nur sehr sporadisch und überhaupt nicht gründlich aufgearbeitet. Die Gesellschaft hat zu sehr vielen Ereignissen und historischen Fakten keine klare und homogene Haltung", sagt Haratischwili.

Es mache sie fassungslos, dass das Stalin-Museum in seiner Geburtsstadt Gori noch immer so existiere wie seit seiner Eröffnung 1957. Da müsse viel auf politischer Ebene geschehen. Auch das Bildungssystem sei noch immer sowjetisch geprägt, das eigene Denken stehe nicht sonderlich im Fokus. Doch sehe sie bei der jungen Generation ein Bestreben, eine gesellschaftskritische Position zur Vergangenheit zu finden. Viele Künstler und Institutionen befassten sich damit, so Haratischwili. Ihr eigener Roman soll 2018 auf Georgisch erscheinen.

Eine Idee von Europa

Die Zukunft Georgiens verbinden viele Einwohner mit der Anbindung an Europa. Sichtbarstes Zeichen sind die Europa-Flaggen vor öffentlichen Gebäuden im ganzen Land, auch wenn die ersehnte EU-Mitgliedschaft in weiter Ferne liegt. Aber die Europa-Flagge steht auch für den Europarat, dessen Mitglied Georgien seit 1999 ist.

"Es geht nicht darum, einem Club beizutreten, sondern nach und nach wie Europa zu werden, die Werte anzunehmen. Dann wird es ganz natürlich sein", sagt der Schriftsteller und Übersetzer Rati Amaglobeli. Er zählt zur jungen Generation der Künstler Georgiens und übersetzt deutsche Werke ins Georgische.

Ein Beispiel sieht Amaglobeli in Servicezentren für die Bürger, die vor einigen Jahren eingerichtet wurden. Das Bürgerzentrum der Hauptstadt ist in einem luftigen Glasgebäude untergebracht. Dort können die Tifliser schnell und unbürokratisch alle Behördengänge erledigen. "Es ist ein Zeichen für Demokratie, wenn man alle Dokumente bequem und schnell an einem Ort bekommt. Und es ist ein Zeichen, dass das Land seinen Bürgern dient." Anders als in Sowjetzeiten, als öffentliche Ämter mit Korruption und Bestechung in Verbindung gebracht wurden.

Kaleidoskop Europa

Doch was verbinden die Georgier mit Europa? "Das Land ist sehr vielschichtig, und in verschiedenen Alters- und sozialen Gruppen der Gesellschaft herrschen demnach vollkommen verschiedene Vorstellungen von Europa", erklärt Haratischwili. Manche Georgier hätten eine naive Vorstellung von Europa, im guten wie im schlechten Sinne.

Doch vor allem Jüngere seien sich bewusst, dass Europa sehr viel mit Eigenverantwortung und Zivilgesellschaft zu tun habe. Für sie selbst sei Europa in erster Linie Gedankengut, "das sich stets verändert und deren Werte immer wieder aufs Neue verteidigt gehören", so Haratischwili.

Georgische Bücher auf der Frankfurter Buchmesse | Bildquelle: dpa
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Für Georgien könnte die Frankfurter Buchmesse 2018 eine große Chance sein.

Seit Ende März ist es für Georgier leichter geworden, sich selbst ein Bild vom Leben in der EU zu machen. Seitdem können sie sich 90 Tage ohne Visum im Schengen-Raum aufhalten. Die Bedingungen dafür hatte Georgien lange vorher erfüllt, doch immer wieder war die Liberalisierung hinausgezögert worden.

Buchmesse als Chance für Georgien

Haratischwili sieht "eine gewisse überhebliche Haltung des Westens" gegenüber den ehemaligen Oststaaten und leider sei Georgien nach wie vor nicht ansatzweise so bekannt wie beispielsweise Deutschland in Georgien. Doch aus persönlicher Erfahrung könne sie sagen, dass das Interesse wachse.

Eine Chance auf mehr Aufmerksamkeit für das kleine Land und seine Literatur bietet die Frankfurter Buchmesse im kommenden Jahr, wenn Georgien Gastland sein wird. "Idealerweise ist es eine Plattform, bei der das Interesse an Georgien und seiner Kultur wachsen und dem Kulturaustausch mehr Möglichkeiten bieten kann", hofft Haratischwili.

Amaglobeli glaubt, dass Georgien eine Bereicherung für Europa ist: "Georgien erinnert Europa an seine Vergangenheit und es ist wichtig, dass Europa in Georgien sein Spiegelbild sieht."

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk Kulturnachrichten am 13. Oktober 2017 um 14:30 Uhr.

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