Künstliche Befruchtung im Labor | Bildquelle: AP

Großbritannien erlaubt Genmanipulation an Embryos "Wie das Entfernen der Handbremse beim Auto"

Stand: 01.02.2016 16:56 Uhr

In Großbritannien dürfen Wissenschaftler künftig zu Forschungszwecken das Erbgut menschlicher Embryonen verändern. Jens-Peter Marquardt erklärt, wie die Methode funktioniert und warum Kritiker einen Schritt hin zu "Designer-Babys" befürchten.

Von Jens-Peter Marquardt, ARD-Studio London

Die Forscher am Francis Crick Institut in London wollen mehr über die ersten Momente menschlichen Lebens erfahren. Die Experimente an den Embryos sollen deshalb in den ersten sieben Tagen nach der Befruchtung durchgeführt werden. Sie sollen Aufschluss darüber geben, warum es zu Fehlgeburten kommt. "Wir wollen heraus finden, welche Gene essentiell wichtig sind im Frühstadium der Entwicklung eines Embryos", erklärt Kathy Niakan, die die Forschungen leitet. "Wir können dadurch Einsicht in die Ursachen für Unfruchtbarkeit oder Fehlgeburten bekommen."

"Als wollten Sie wissen, wie ein Auto funktioniert"

Die Forscher wollen dafür das Erbgut der Embryos verändern, um zu lernen, welche Gene für die gesunde Entwicklung eines menschlichen Embryos gebraucht werden. Derzeit schaffen es nur 13 von 100 befruchteten Eizellen, sich im weiblichen Körper weiter zu entwickeln und die ersten drei Monate zu überstehen. 

Der Gynäkologe Peter Braude vom Londoner King's College erklärt die Frage, die hinter dem Forschungsprogramm steht: "Wenn ich ein bestimmtes Gen entferne, was passiert dann mit der weiteren Entwicklung des Embryos? Das ist so, als würden Sie wissen wollen, wie ein Auto funktioniert. Wenn Sie den Anlasser entfernen, startet der Motor nicht mehr. Oder wenn Sie die Handbremse entfernen, dann können Sie prima weiterfahren, aber wenn Sie an einer Steigung parken wollen, merken Sie schnell, wozu sie eine Handbremse brauchen. Genauso ist es hier. Und das Tolle an der Gentechnik ist: Sie brauchen jeweils nur ein Gen herauszunehmen, um mehr zu wissen."

Aus dem deutschen Embryonenschutzgesetz

Das deutsche Embryonenschutzgesetz verbietet die Herstellung oder Verwendung von Embryonen zu einem anderen Zweck als dem, eine Schwangerschaft herbeizuführen. Die künstliche Veränderung menschlicher Keimbahnzellen ist laut Paragraf 5 grundsätzlich unter Strafe gestellt.
Ausgenommen ist eine künstliche Veränderung der Erbinformation einer außerhalb des Körpers befindlichen Keimzelle, die nicht zur Befruchtung verwendet wird.
Ebenfalls ausgenommen sind Veränderungen einer Keimbahnzelle, "die einer toten Leibesfrucht, einem Menschen oder einem Verstorbenen entnommen worden ist". Dann müsse aber ausgeschlossen sein, "dass die Keimbahnzelle auf einen
Embryo, Fötus oder Menschen übertragen wird oder aus ihr eine Keimzelle entsteht". Keimbahnzellen sind Vorläufer von Keimzellen. Keimzellen sind beim Menschen Eizellen und Spermien.

Eine Entscheidung steht noch aus

Die britische Regulierungsbehörde hat jetzt erstmals grünes Licht für die Genmanipulationen an menschlichen Embryos gegeben - die Experimente am Francis Crick Institut sollen in den kommenden Monaten beginnen; noch steht die Entscheidung eines weiteren Ethik-Komitees aus.

Im vergangenen Jahr hatten bereits Forscher in China bekannt gegeben, dass sie erfolgreich die Gene menschlicher Embryos manipuliert hätten, um eine Funktionsstörung des Blutes zu korrigieren. Diese Experimente sind umstritten - Kritiker befürchten, dass sie am Ende zu "Designer-Babys" führen könnten.

"Eltern wollen gesunde Babys"

Sarah Norcros ist die Leiterin des Progress Education Trust, der die Entwicklung der künstlichen Befruchtung unterstützt. Sie weist die Bedenken zurück: "Eltern wollen gesunde Babys. Sie suchen nicht nach dem perfekten Baby. Sie wollen, dass sich ein Kind zu einem gesunden Erwachsenen entwickelt."

Die Genforschung an menschlichen Embryos ist in Großbritannien streng reguliert. So müssten die genveränderten Embryos zerstört werden, sie dürften nicht zum weiteren Wachstum in den menschlichen Körper eingepflanzt werden, erklärt Professor Robin Lovell-Badge von Francis Crick Institut. Die Embryos, an denen die Forscher arbeiten werden, stammen von Paaren, die nach der künstlichen Befruchtung nicht alle Eizellen benötigten. Nach der Genmanipulation müssen die Embryos innerhalb von 14 Tagen zerstört werden.    

 

Großbritannien erlaubt Genmanipulation bei Embryos
J.-P. Marquardt, ARD London
01.02.2016 16:20 Uhr

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Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 1. Februar 2016 um 16:15 Uhr.

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