US-Geheimdienstchef James Clapper bei einer Senatsanhörung  | Bildquelle: AFP

Auftritt der Geheimdienste Vom Schattenreich ins Rampenlicht

Stand: 12.02.2016 21:17 Uhr

Früher kannte man nicht mal ihre Namen. Doch weil die althergebrachten Regeln der Spione im Internet-Zeitalter nicht mehr gelten, suchen die Chefs der Geheimdienste nun die Öffentlichkeit - und präsentieren sich in München als nette Herren von nebenan.

Von Christian Thiels, tagesschau.de, zurzeit in München

Sie wirken ein bisschen wie die grauen Herren aus Michael Endes Momo. Vier Männer im mittleren Alter, unscheinbar in gedeckten Anzügen, einer hat eine Glatze. Sie alle könnten auch Bankangestellte oder Finanzbeamte sein.

Doch James Clapper, Robert Hannigan, Robert Antonius Cornelis Bertholee und Gerhard Conrad sind alles andere als harmlose Biedermänner. Sie führen mächtige Nachrichtendienste, haben Zugriff auf sensibelste Daten und Staatsgeheimnisse. Und sie haben eines gemein: ein Imageproblem.

Geheimdienste gelten in pluralen Gesellschaften spätestens seit den Enthüllungen von Wikileaks und Edward Snowden als gierige Datenkraken. Natürlich ist der Auftritt der vier Herren auf der Münchner Sicherheitskonferenz keine echte Charmeoffensive, aber die Geheimdienstchefs sind sichtlich bemüht, sich als besonders verständnisvoll für die Sorgen der Bürger zu präsentieren.

Neue Balance zwischen Privatheit und Sicherheit

Robert Hannigan, der Chef des britischen GCHQ, etwa betont, man wolle keine Massenüberwachung. Man sammele zwar schon riesige Datenmengen, aber diese seien viel zu gewaltig, um die E-Mails oder Kurznachrichten jedes Bürgers auszuwerten. "Im Grunde ist das, was wir machen nicht so viel anders als ein Telefon anzuzapfen. Die Technik im Internet ist noch relativ neu, aber moralisch ist das das gleiche Paar Schuhe", sagt Hannigan. Dabei wirkt er freundlich-verbindlich. Sein Sakko hat er ausgezogen, das wirkt selbstsicher und locker.

Es müsse eine neue Balance zwischen Privatheit und Sicherheit gefunden werden, pflichten die anderen Herren bei. Auch James Clapper, der mächtige Director of National Intelligence und damit quasi der Chef aller US-Geheimdienste. "Wir müssen klären, wie zudringlich man uns haben will", sagt er. Schließlich gehe es doch auch darum, die Gefahren durch den sogenannten "Islamischen Staat" abzuwehren. Clapper betont, dass ihm vor allem die Verbreitung moderner Verschlüsselungstechnik Sorgen mache. "Das ist kein Plädoyer für eine Hintertür", beschwört der Ex-General, aber die Verbreitung von Technologie, die ein sofortiges Löschen von Nachrichten ermögliche, sei ein Problem für die Nachrichtendienste.

Auch sein britischer Kollege will keine technischen Hintertürchen, um im Falle eines Falles auch kodierte Nachrichten lesen zu können. "Wir finden, dass Verschlüsselungstechnologie sehr wichtig ist, aber wir müssen uns auch fragen, wie wir sicherstellen, dass sie nicht missbraucht wird", sagte Hannigan. Auch er bemüht den IS für seine Argumentation. Die islamistischen Terrroristen nutzten die Macht der Kommunikationswege sehr geschickt. "Und irgendwann könnten ihre Fähigkeiten in der Realität mit denen in der Kommunikation gleichziehen. Aber wir sollten nicht in kollektive Panik verfallen", sagte der Brite.

"Wir entwickeln erst die Fähigkeit, das zu verstehen"

Robert Antonius Cornelius Bertholee vom Geheimdienst der Niederlande formuliert es anders, meint aber das Gleiche. Wann immer man die Frage danach stelle, wie viel Privatheit man wolle, müsse man auch eine Antwort auf die Frage nach der Sicherheit haben. "Wir haben jedenfalls noch keine Lösung", sagte Bertholee.

Und dann ist da noch der frühere BND-Agent Gerhard Conrad, von dem man lange nicht einmal wusste, ob der Name überhaupt echt ist. Seit ein paar Wochen ist er der EU-Koordinator für Nachrichtendienste. Er spricht von der "asymmetrischen Bedrohung" im Internet-Zeitalter. Mit den dort verfügbaren technischen Möglichkeiten könne man erheblichen Schaden anrichten. "Wir entwickeln erst die Fähigkeit, das zu verstehen."

Er wünscht sich einen besseren Austausch innerhalb der Nachrichtendienste Europas und der USA. Natürlich immer im Rahmen von Gesetzen und mit guter Überwachung durch demokratische Gremien, sagt er. Sein niederländischer Kollege hätte lieber gleich ein neues Geheimdienst-Gesetz: "Unseres ist von 2002 - also Jahre vor der Einführung des iPhones in Europa". Die Balance zwischen dem Schutz der Privatsphäre und dem Wunsch nach mehr Sicherheit durch mehr Information müsse auch dabei immer neu ausgelotet werden. "Wahrscheinlich", sagt Bertholee, "ist sie aber immer nur für eine kurze Zeit erreichbar".         

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