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436 Millionen Euro hat die EU den Menschen im Gazastreifen versprochen. Doch fast nichts kommt an, weil Israel Einfuhren blockiert. Die Menschen leben weiter im Elend, während die Hamas durch Tunnel an der Grenze zu Ägypten schmuggelt, was sie braucht.
Von Martin Durm, ARD-Hörfunkstudio Straßburg
Gaza fünf Monate nach dem Krieg, im Lager Musajarat mit seinen ausgebombten Häusern, den aufgerissenen Straßen, den geborstenen Mauern und Minaretten. Eigentlich müssten die hier Lebenden allesamt hassgetränkte Hamas-Anhänger sein: Palästinenser, die der letzte Krieg nur noch mehr fanatisiert hat. So jedenfalls hat sie in Jerusalem der israelische Knesseth-Abgeordnete Arieh Eldad beschrieben.
[Bildunterschrift: Viele Menschen im Gazastreifen versuchen, mit Fischfang der Lebensmittelknappheit zu entkommen. ]
Die in der Europäischen Union, sagte der rechtsnationalistische Eldad etwas zynisch, sollten doch endlich begreifen, worum es hier geht: "Europa muß sich entscheiden, ob es hier Demokratie haben will oder nicht. Wenn Europa Demokratie für die Palästinenser fordert, dann muß es auch hinnehmen, wen die wählen. Die Palästinenser haben in Gaza Hamas gewählt. Der radikale Islam setzt sich durch. Es ist letztendlich ein Religionskrieg."
Nun sind wir also mitten drin. Vor uns eine Gruppe muslimischer Männer, die Tee trinken und am Straßenrand sitzen. Sie winken, lachen und sagen, was man in dieser Gegend eben so sagt, wenn ein Fremder vorbei kommt und wissen will, wie es geht: "Gut, tausendmal gut, Gott ist mit uns und mit Dir", meint der Älteste und zerrt für den Gast einen Plastikstuhl aus den Ruinen. Es dauert ein paar Minuten, bis die üblichen Segenswünsche ausgetauscht sind, die Höflichkeitsformeln und Namen. Dann, ganz unvermittelt, sagt der Älteste: "Unser Leben ist zerstört. Wir haben alles verloren in diesem Krieg: Unsere Kinder, unsere Häuser, unsere Arbeit. Keiner hilft uns; nicht die Araber und auch nicht Europa. Wir werden allein gelassen von der Welt."
[Bildunterschrift: Hochmodern und funktionstüchtig im Gazastreifen ist nur der Grenzposten Erez nach Israel. ]
Eigentlich müsste man als Europäer widersprechen und darauf verweisen, dass die EU Geld, viel Geld für den Wiederaufbau des Gazastreifens bereit gestellt hat. Genau 436 Millionen Euro, allein 150 Millionen kommen aus Deutschland. Nur wird das die Leute vermutlich nicht trösten, weil von der europäischen Wiederaufbauhilfe bislang so gut wie nichts ankam in Gaza. "Seit Kriegsende hat sich hier nichts verändert", sagt Karin Abu Said. Sie leitet das UN-Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen in Gaza-Stadt: "Wegen der israelischen Blockade können wir kein Baumaterial hinein bringen. Wir bräuchten Zement, Holz und Stahl. Aber die Grenzen sind dicht. Den Leuten geht es sehr schlecht."
Ein halbes Jahr nach dem Krieg wirkt der Gazastreifen kaum anders als vorher. Ein Elendsgebiet war er schon immer. Nun ist er ein zerbombtes Freiluft-Gefängnis, ausgebrannt, isoliert. Das einzige, was hochmodern und funktionstüchtig ist, ist der Grenzübergang Erez mit seinen Überwachungskameras, den elektronischen Sicherheitsschleusen und stählernen Türen. Als wir dort sind, wird gerade von einem Beobachtungsturm aus Richtung Gaza geschossen.
In Jerusalem hatten wir zuvor mit einem israelischen Verteidigungsexperten über die Blockade von Gaza gesprochen und darüber, dass Israel nun schon seit Monaten dafür sorgt, eineinhalb Millionen Menschen im hoffnungslosen Zustand des Ausgebombtseins zu halten. "Wir würden die Blockade verstehen, wenn sie in Gaza die Bunkeranlagen der Hamas gesehen hätten", antwortete Oded Eran vom Israelischen Institut für Sicherheitsstudien: "Die Hamas hat vor dem Krieg viele Bunker gebaut, um aus Gaza eine Terrorhochburg zu machen und Raketen auf Israel abzufeuern. Aber ich kann natürlich verstehen, dass es ein Problem beim Wiederaufbau Gazas gibt, solange kein Baumaterial reinkommt."
[Bildunterschrift: Weil Israel die Einfuhr von Baumaterial blockiert, können die Ruinen im Gazastreifen nicht wieder aufgebaut werden. ]
Wobei natürlich doch einiges reinkommt nach Gaza, illegal, über die Tunnelanlagen von Rafah an der ägyptischen Grenze: " Ich kann Ihnen versichern, die Tunnel funktionieren", sagt die UN-Leiterin Abu Said. "Alles kommt durch die Tunnel rein. Auch Zement. Wenn die Hamas einen Bunker bauen will, dann wird die Hamas genug Zement haben, um einen Bunker zu bauen. Aber wir von der UN, die garantieren können, dass wir zerstörte Schulen, Krankenhäuser, Wasserleitungen wieder aufbauen wollen, wir können wegen der Blockade nichts tun. Die Blockade verhindert jedes Aufbauprojekt. Das Geld der EU wäre da, aber wir können nichts damit machen. Das ist einfach furchtbar."
Die Vereinten Nationen wären der Garant für die korrekte Verwendung der europäischen Gelder. Doch die israelische Blockade erlaubt keine Hilfe. Die Isolierung des Gazastreifens läuft letztendlich darauf hinaus, den humanitären Notstand zum Dauerzustand zu machen und darauf zu warten, dass das Hamas-Regime irgendwann in sich zusammenbricht. Solange sind Zehntausende dazu verdammt, in Ruinen und Zelten zu leben.
"Hör mal, ich will Dir was sagen", meint einer der Männer im Flüchtlingslager Musajarat: "Ihr aus Europa, ihr habt uns doch immer wieder Geld gegeben. Wir haben Straßen damit gebaut und einen Flughafen und einen Schiffshafen. Es war dumm von euch, uns soviel Geld zu geben. Die Israelis sind mit ihren Flugzeugen gekommen und haben alles wieder kaputt gemacht. Schade um euer Geld", sagt er, behaltet es. Hier sei es nur rausgeworfen.
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