Zur Haupt-Navigation der ARD.
Zum Inhalt.

27.05.2012

ARD-Logo

Suche in tagesschau.de

Hauptnavigation
Multimedia
Inhalt
Ausland
Gaza-Landwirtschaft: Gefahren fürs fruchtbare Grün
Besuch bei Gärtnern

Gefahren für Gazas fruchtbares Grün

Der Gaza-Streifen ist eine Enklave - abgeriegelt von Israel, regiert von der radikalislamischen Hamas. Staubige Straßen beherrschen unser Bild der Region. Aber: Das Land kann auch grün sein - wenn Gärten und Felder bewässert werden. Nur: Wasser ist knapp und oft ungenießbar.

Von Christian Wagner, ARD-Hörfunkstudio Tel Aviv

Mohammed Dheers Traktor sieht eigentlich nicht so aus, als ob er noch fahren könnte. Die Scheinwerfer und mehrere Kabel hängen herunter, am Motor läuft Öl aus.

Und doch ist die Maschine täglich im Einsatz. Denn Mohammeds Betrieb in der Nähe von Rafah im südlichen Gaza-Streifen ist recht groß für die Gegend: 200 Dunum, das sind etwa 20 Hektar. Der 67-Jährige lässt seine Söhne und Arbeiter darauf nicht nur Orangen, Zitronen, Pampelmusen und Guaven anbauen. In den Folien-Gewächshäusern wachsen auch Tomaten, Paprika, Auberginen, Zucchini und Melonen.

Audio: Die Gärtner von Gaza kämpfen mit immer schlechterem Wasser

AudioJoachim Wagner (NDR), ARD Berlin 01.01.2012 17:51 | 3'38
  • Download Download der Audiodatei: 
    Wir bieten dieses Audio in folgenden Formaten zum Download an:
    Technische Details einblenden

Das Wasser wird immer schlechter

Der sandige Boden in der Gegend ist fruchtbar. Aber ohne Bewässerung würde hier fast gar nichts wachsen. Rohre und Bewässerungsschläuche ziehen sich durch jedes der Felder.

Und das ist Mohammeds Problem. Das Wasser wird immer schlechter: "Der Salzgehalt nimmt zu", klagt er.  Salzwasser vom nahen Meer dringe in die tiefen Schichten ein, der Salzgehalt sei um 60 Prozent gestiegen. "Und der Grundwasserspiegel sinkt, früher waren es 75 Meter, jetzt finden wir Wasser erst bei 90 Metern Tiefe", berichtet Mohammed.

Dattelbäume und Oliven kommen mit Salz zurecht, andere Pflanzen dagegen nicht. Mohammed und seine Familie haben es deshalb aufgegeben, Gurken und Blumen anzubauen. Ein Apfelbaum steht noch auf dem Feld, völlig vertrocknet. Am salzigen Wasser ist er eingegangen. Die Orangenbäume hängen dagegen voll mit reifen Früchten. Es wird eine gute Ernte, sagt Mohammed zufrieden.

Erdbeerenernte im Gaza-Streifen (Foto: REUTERS) Großansicht des Bildes [Bildunterschrift: Erdbeerenernte im Gaza-Streifen ]

Der Generator will nicht so recht

Nur der Strom falle immer wieder aus, klagt er. Dann liefen die Pumpen nicht. In diesem Sommer ist der alte Diesel-Motor noch immer angesprungen, um die Pumpen laufen zu lassen. Die Maschine stammt aus alten Beständen der US-Armee, und will nicht so recht anspringen. In dem baufälligen Verschlag mit dem Generator-Ungetüm stehen schwarze Diesel-Pfützen auf dem Boden. Das Öl sickert ins Erdreich.

Aber das stört den Landwirt und seine Helfer nicht besonders. Salzig und schlecht wäre das Wasser ja trotzdem. Ursachen gibt es dafür viele: Es hat in den vergangenen Jahren viel zu wenig geregnet, nur zwei oder dreimal im Jahr. Die oberen Grundwasserschichten werden nicht mehr aufgefüllt.

Zu wenig Wasser für immer mehr Menschen

Und gleichzeitig verbraucht die stark wachsende Bevölkerung im Gaza-Streifen mehr Wasser, als der Boden sinnvollerweise hergeben kann. Außerdem gräbt Israel den Palästinensern buchstäblich das Wasser ab. Wasserführende Schichten werden auf israelischem Gebiet so stark ausgebeutet, dass im Palästinensergebiet am Mittelmeer zu wenig ankommt.

All das führt dazu, dass salziges Meerwasser ins Erdreich eindringt und sich mit dem Grundwasser vermischt. Das Problem wird sich in den kommenden Jahren wohl verschärfen.

Erdbeerenernte im Gaza-Streifen (Foto: AFP) Großansicht des Bildes [Bildunterschrift: Nicht nur für die Landwirtschaft ist das Wasser zunehmend ein Problem - auch die Trinkwasserversorgung wird immer schwieriger. ]

Erholung in aufwändigen Privatgärten

Weiter nördlich bei Gaza-Stadt versuchen Privatleute, einen kleinen Erholungspark aufzubauen. Eine 5000 Quadratmeter große, grüne Oase inmitten von Staub und Lärm. Rasensprenger verteilen Wasser verschwenderisch über einen grünen Rasen. Der Gärtner Hafez Zumara erklärt, dass er speziellen Grassamen verwendet hat, Rasen der Salzwasser verträgt: "Resistent sind zum Beispiel auch diese Ficus-Bäume. Die haben besonders tiefe Wurzeln und holen sich selbst Grundwasser. Die halten sich."

Private Gärten sind selten, ein Luxus, den sich in Gaza nur wenige leisten können. Eimad Hemden kümmert sich um einen solchen Garten. "Ja, wir müssen Wasser aus der Entsalzungsanlage kommen lassen", sagt er. Der Tankwagen bringe im Sommer jede Woche 5000 Liter. Das koste 30 bis 40 Schekel - umgerechnet sechs bis acht Euro. Seit drei Jahren geht das schon so, und sie verwenden das teure Wasser auch nur für die Pflanzen, von denen sie wissen, dass sie sonst eingehen. "Und jeden dritten Tag gibt es nicht mal aus der Leitung Wasser. Zwei Tage läuft es, dann wird einen Tag abgedreht."

EU kritisiert "humanitäre Wasserkrise"

Die Europäische Union hat vor wenigen Tagen zehn Millionen Euro zum Bau einer Meerwasser-Entsalzungsanlage in Gaza zur Verfügung gestellt. Wenn die Anlage in drei Jahren fertig ist, soll sie 75.000 Bewohner versorgen - fünf Prozent der Bevölkerung. Der EU-Vertreter in Israel, John Gatt-Rutter, spricht von einer "humanitären Wasserkrise" und macht die Abriegelung des Gaza-Streifens mit verantwortlich für die schlechte Qualität des Trinkwassers.

Der Obst- und Gemüsebauer Mohammed Dheer hatte beim Spaziergang zwischen seinen Feldern noch etwas gesagt über die Palästinenser, die israelische Blockade und das Wasser: "Wir sind allein, wie Waisenkinder."

Stand: 01.01.2012 18:02 Uhr
 

© tagesschau.de

tagesschau.de ist für den Inhalt externer Links nicht verantwortlich.

Die Landesrundfunkanstalten der ARD: BR, HR, MDR, NDR, Radio Bremen, RBB, SR, SWR, WDR,
Weitere Einrichtungen und Kooperationen: ARD Digital, ARTE, PHOENIX, 3sat, KI.KA, DLF/ DKultur, DW